17. November 2005 Wenige Tage vor Beginn der internationalen Klimakonferenz in Montreal haben die Vereinten Nationen die Industrieländer dazu aufgerufen, ihre Anstrengungen zur Begrenzung der Treibhausgas-Emissionen zu verstärken. Bei gleichbleibender Politik drohe ein kräftiger Wiederanstieg des Ausstoßes klimaschädlicher Gase, warnte das UN-Klimaschutzsekretariat in Bonn.
Einer am Donnerstag vorgestellten Untersuchung zufolge könnten die Emissionen bis 2010 den Stand von 1990 um mehr als 10 Prozent überschreiten. Es zeichne sich eine Trendwende ab, sagte Richard Kinley, der amtierende Vorsitzende des Sekretariats: Die Emissionen der Industrieländer insgesamt sinken nicht mehr, sondern sie waren in den zurückliegenden Jahren stabil.
Deutlich unter der Vorgabe des Kyoto-Protokolls
Bis 2003 hatten die Industrieländer den Ausstoß von Treibhausgasen um etwa 6 Prozent vermindert. Dieser Effekt stammt jedoch zum überwiegenden Teil aus den frühen neunziger Jahren, als die Industrie in den ehemaligen Ostblockstaaten zusammenbrach und anschließend modernisiert wurde. Viele westliche Industriestaaten hinken ihren Klimaschutzverpflichtungen inzwischen hinterher. Nach den UN-Angaben hat die Europäische Union ihren Ausstoß bisher nur um 1,4 Prozent reduziert und liegt damit deutlich unter der Vorgabe des Kyoto-Protokolls von acht Prozent. Mit einer Abbaurate von gut 18 Prozent kommt Deutschland dem nationalen Emissionsminderungsziel von 21 Prozent dagegen schon recht nahe.
In Montreal wollen die Vertragsparteien der Klimaschutzkonvention über eine Anschlußregelung für das Kyoto-Protokoll beraten, dessen Auflagen im Jahr 2012 auslaufen. Ziel sei es, Optionen zu entwickeln, sagte Kinley. Mit einem konkreten Verhandlungsmandat sei noch nicht zu rechnen. Vor allem die EU dringt auf die möglichst frühe Festlegung verbindlicher und ambitionierter Klimaschutzvorgaben für die Zeit nach 2012. Ihre politische Richtschnur ist eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf höchstens 2 Prozent. Das UN-Sekretariat hält sich zu derartigen Zielwerten bedeckt. Die Festlegung sei Ergebnis einer Wertediskussion und keine Frage der Wissenschaft, sagte Koordinator Halldoor Thorgeirsson. Die Weltgemeinschaft müsse sich darüber klarwerden, bis zu welchem Ausmaß sie bereit sei, die Risiken der globalen Erwärmung und die Gefahren für besonders bedrohte Staaten und Bevölkerungsgruppen hinzunehmen.
Sonderfonds für die Entwicklungsländer
In Montreal geht es in diesem Zusammenhang um zusätzliche finanzielle Hilfen für die vom Klimawandel betroffenen Entwicklungsländer. Aus einem weiteren Sonderfonds sollen ihre eigenen Anstrengungen zur Verminderung von Treibhausemissionen unterstützt werden. Angaben zum Finanzbedarf machte das UN-Sekretariat nicht. Kyoto ist nicht tot, sondern sehr lebendig, sagte Kinley. Nach dem Inkrafttreten des Protokolls im Februar dieses Jahres müsse nun die institutionelle Architektur für seine praktische Umsetzung entwickelt werden. Eines der Hauptthemen sei die Verzahnung mit den sogenannten flexiblen Mechanismen, die es Industrieländern und Unternehmen erlauben, Emissionsgutschriften durch Klimaschutzprojekte in anderen Staaten zu erzielen.
An den Treffen werden auch die Vereinigten Staaten teilnehmen, die das Kyoto-Protokoll nicht ratifiziert haben. Von ihnen würden vor allem neue Vorschläge für technische Lösungen zur Bindung und Vermeidung von Treibhausgasen erwartet, sagte Kinley. Nach den UN-Zahlen sind die Emissionen in den Vereinigten Staaten, auf die rund einer Viertel der globalen Belastung durch Treibhausgase entfällt, seit 1990 um gut 13 Prozent gestiegen.
Text: bü., F.A.Z., 18.11.2005, Nr. 269 / Seite 13
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.
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