Digitale Patienten

Der Murks mit der Gesundheitskarte

Von Carsten Germis

Gesundheitskarte mit Chip

Gesundheitskarte mit Chip

02. Oktober 2007 Im April 2008 ist es so weit: Es geht los mit der neuen elektronischen Gesundheitskarte. Bis Ende des Jahres sollen dann mehr als 80 Millionen Menschen in Deutschland mit der Post die Karte erhalten. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) ist damit am Ziel. Seit Jahren lobt sie die neue weiße Plastikkarte als elektronisches „Sesam öffne Dich“ für das Gesundheitssystem: Rezepte werden elektronisch gespeichert und eingelöst, Notfalldaten sind sofort abrufbar, Ärzte lesen komplette Patientenakten und können so teure Doppeluntersuchungen vermeiden.

Leider wird das alles auch nach 2008 Zukunftsmusik bleiben. Die elektronische Gesundheitskarte, mit der die Bürger 2008 zum Arzt gehen, kann das alles nicht. Sie bietet Patienten und Ärzten auch in Zukunft nur das, was die alten Krankenversicherungskarten jetzt schon leisten. Gespeichert sind Namen, Adresse, Geburtsdatum und Krankenversicherungsnummer. Der vorerst einzige Unterschied: Es gibt ein Foto des Versicherten.

Der Aufwand ist gewaltig

Das vorerst einzig Neue: Die Karte enthällt ein Foto des Versicherten

Das vorerst einzig Neue: Die Karte enthällt ein Foto des Versicherten

1,4 bis 1,6 Milliarden Euro kostet die neue Karte nach Angaben des Gesundheitsministeriums. Der Aufwand ist gewaltig. Immerhin müssen mehr als 80 Millionen Versicherte - gesetzliche und private -, 120.000 Arztpraxen, dazu 2200 Krankenhäuser, alle Zahnärzte, Apotheker und Krankenkassen vernetzt werden.

Mehr als eine Milliarde Euro sind viel Geld dafür, dass die Karte die versprochene effizientere Versorgung der Patienten dann doch nicht bringt. Warum führt Ulla Schmidt die radikal abgespeckte Karte dennoch ein?

Staatssekretär platzte der Kragen

Als die Vertreter der Krankenkassen, der Ärzte und der Industrie im August wieder einmal zusammensaßen und die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben wollten, ist Schmidts Staatssekretär Klaus Theo Schröder offenbar der Kragen geplatzt. „Die würden heute noch über das Thema meditieren, und nichts würde passieren“, heißt es im Gesundheitsministerium über die Selbstverwaltung von Kassen und Ärzten, die mit einer eigens dafür gegründeten Gesellschaft, der Gematik, die elektronische Gesundheitskarte einführen soll. Schröder sah nur noch einen Ausweg: Er überraschte die Gematik mit der öffentlichen Ankündigung, die 238 deutschen Krankenkassen müssten die elektronische Gesundheitskarte 2008 flächendeckend einführen.

Der Gematik setzte er eine Frist bis Ende September. Bis dahin sollte sie Pläne vorlegen, wie das ehrgeizige Ziel erreicht werden kann. Schließlich sollte die Karte ursprünglich schon 2006 eingeführt werden. Doch so oft Ulla Schmidt die „Effizienzgewinne“ auch anpries, die Akteure des Gesundheitssystems machten das, was sie lange genug geübt haben: Sie blockierten den Einzug der modernen Technik in den deutschen Medizinbetrieb.

Verschämtes „Basis-Rollout“

Das „Planungsszenario“ der Gematik für 2008 liegt jetzt vor. Verschämt ist auf dem Deckblatt nur noch von einem „Basis-Rollout“ die Rede. Weil Kassen und Ärzte sich nicht darüber einigen können, wer wann welche Daten einsehen darf; weil über viele Nutzungen noch gestritten wird; weil die Ärzte keinen Cent für die Einführung der Karte berappen wollen - kommt 2008 nur eine radikal abgespeckte Karte, die den Patienten praktisch nichts bringt.

Die Online-Nutzung der Krankendaten, also die Vernetzung zwischen Ärzten, Krankenhäusern, Kassen und Apotheken ist nicht möglich. Aber erst die sollte wirklich Vorteile bringen. „Nur mit den Online-Anwendungen wie dem elektronischen Rezept, dem elektronischen Arztbrief und der elektronischen Patientenakte lassen sich Verbesserungen in der medizinischen Versorgung und Einsparungen erzielen“, heißt es in der deutschen IT-Industrie.

Teurer Schaden durch Karten-Missbrauch

Von all den vollmundig angekündigten Vorteilen bringt die neue Karte gerade mal einen: Weil künftig ein Foto auf ihr ist, wird der Missbrauch erschwert. Schätzungen der Krankenkassen gehen davon aus, dass Jahr für Jahr ein Schaden in Höhe von rund einer Milliarde Euro entsteht, weil sich Menschen mit gefälschten Karten oder mit Karten von Bekannten behandeln lassen. Das Gesundheitsministerium ist vorsichtiger und spricht von 300 bis 400 Millionen Euro, die sich so sparen lassen.

Staatssekretär Theo Schröder hat den Druck auf die Gematik auch deswegen erhöht, weil er Kassen und Ärzte zu einer Vereinbarung zwingen will, wer wie viel der Kosten trägt. Die Ärzte wollen ihr Ja zur Karte nur geben, wenn die Kosten so weit wie möglich auf die Patienten und die Versicherten abgewälzt werden können. Bis zu 3000 Euro sollen die neuen Geräte kosten, die alte und neue Gesundheitskarten lesen können. Dem stehe „für die Ärztinnen und Ärzte kein finanzieller Gegenwert gegenüber“, klagen Ärztefunktionäre. „Die Kosten müssen umfassend vergütet werden.“ Wenn die Gematik auf ihrer nächsten Gesellschafterversammlung Ende Oktober unter Druck des Ministeriums die neue Planung für 2008 beschließt, geht das nur, wenn Kassen und Ärzte sich auch über die Finanzierung einig sind.

Mikroprozessorchip bleibt ungenutzt

„Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte ist kein technisches Problem mehr, sondern ein logistisches und ein Vertragsproblem“, heißt es dazu im Gesundheitsministerium. „Die notwendigen Finanzierungsverhandlungen müssen endlich abgeschlossen werden.“ Auch wenn die neue Karte als „Krankenversicherungskarte mit Bild“ erst einmal keinen nennenswerten Fortschritt bringt, so ist sie doch mit einem Chip ausgestattet, der alle anderen Anwendungen in Zukunft möglich machen soll, von denen Industrie und Gesundheitsministerin seit Jahren schwärmen. Technisch ist die Karte vorbereitet. An Stelle der heutigen einfachen Speicherchips soll 2008 ein leistungsfähiger Mikroprozessorchip treten - der allerdings nicht genutzt wird.

Erste Tests, die in diesem Jahr in einzelnen Regionen laufen, zeigen allerdings, dass es trotz der neuen Chips an vielen Ecken und Enden noch hakt. Die Liste technischer Macken in den Berichten ist lang. Auch wegen dieser Probleme rechnen Experten damit, dass zum Beispiel das elektronische Rezept kaum vor 2009 kommen kann.

Vernetzung bleibt ungewiss

Vor allem bei den Krankenkassen ist die Sorge groß, dass die elektronische Gesundheitskarte immer weiter verschoben wird, wenn sie jetzt nur in einer abgespeckten Version kommt. „Das eigentliche Ziel, die Vernetzung aller Akteure im Gesundheitswesen für eine bessere Versorgung der Versicherten, wäre damit ins Ungewisse verschoben, möglicherweise ganz ad acta gelegt“, klagt die Vertreterin einer gesetzlichen Kasse.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.09.2007, Nr. 39 / Seite 38
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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