Existenzgründung

Selbständig ohne Geschäftsidee

Von Carsten Germis

20. Juni 2006 Die meisten Existenzgründer in der Bundesrepublik gehen sehr schlecht vorbereitet in die Selbständigkeit. Zwar gibt es seit Einführung der Ich-AG so viele Existenzgründungen wie lange nicht. Doch die Industrie- und Handelskammern sehen für den größten Teil der Unternehmen keine Überlebenschancen.

Die Erfahrungen mit der Ich-AG zeigen, daß wegen mangelndem Unternehmergeist kaum ein Start in eine tragfähige Selbständigkeit gelingt. So konnten von den mehr als 70.000 Existenzgründern 41 Prozent nicht klar sagen, mit welchem Produkt sie auf den Markt gehen wollen, heißt es im Gründerreport 2006 des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) über "Existenzgründung in den Zeiten von Hartz IV". Bei Arbeitslosen, die den Schritt in die Selbständigkeit wagen, haben sogar 73 Prozent keine klaren Vorstellungen darüber, wie sich ihre Geschäftsidee von anderen unterscheiden soll. Fast zwei Drittel wissen nicht, an welche möglichen Kunden sich ihr Angebot richten soll.

Eine bedenkliche Entwicklung

Mit der Ich-AG hat sich den Kammern zufolge statt dessen eine starke Subventionsmentalität bei Existenzgründern verfestigt. "Hier sehe ich eine bedenkliche Entwicklung", sagt DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun, "denn als rohstoffarmes Land sind wir stärker als andere auf Ressourcen in den Köpfen angewiesen - auf Ideen, Tatkraft und Unternehmergeist."

Furcht vor Arbeitslosigkeit und nicht unternehmerischer Tatendrang sind in Deutschland der Hauptantrieb für Existenzgründungen. Dahinter steht die Hoffnung, daß staatliche Sozialleistungen den Lebensstandard in der Selbständigkeit sichern: "Vor allem die Aussicht auf eine bis zu dreijährige Förderung bei der Ich-AG führt bei vielen Gründern zu der Erwartung, ein Großteil der selbständigen Existenz sei durch staatliche Zuschüsse finanzierbar", berichten die Verfasser des Gründerreports. Bei den Beratungsgesprächen nähmen die Bedingungen der finanziellen Förderung einen immer größeren Platz ein. "Die Umsetzung einer Geschäftsidee gerät häufig erst auf aktives Nachhaken der IHK-Existenzgründungsberater in das Blickfeld vieler Gründungsinteressierter", heißt es.

Regelverschärfung verbessert die Qualität nicht

Die Studie des DIHK weist deshalb frappierende Unterschiede zwischen arbeitslosen Existenzgründern und Gründern auf, die sich aus unternehmerischem Antrieb heraus selbständig machen wollen.

So haben 61 Prozent der arbeitslosen Gründungsinteressierten nur sehr unklare Vorstellungen davon, welche Kunden sie ansprechen wollen. Bei den anderen Gründern sind es lediglich 23 Prozent. Die Geschäftspläne von gut 30 Prozent der unternehmerisch motivierten Existenzgründer wiesen Mängel auf; bei denen, deren Hauptantrieb es ist, der Arbeitslosigkeit zu entfliehen, sind es 78 Prozent.

Obwohl die Regeln, nach denen Existenzgründungen gefördert werden, im vergangenen Jahr verschärft worden sind, hat sich die Qualität der Geschäftsideen nicht verbessert. Im Gegenteil: 63 Prozent zeigten 2005 in den Beratungsgesprächen erhebliche Probleme mit Kostenrechnung, Kalkulation oder Buchführung. Im Vorjahr waren es noch 58 Prozent. "Bei Fortsetzung dieses Trends droht das Unternehmertum als Quelle für Wachstum in Deutschland zu versiegen", warnt Braun.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.06.2006, Nr. 24 / Seite 45
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa/dpaweb

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