31. März 2004 Portugal hat von der Aufnahme in die EG im Jahr 1986 stark profitiert - nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht. Im Zuge der europäischen Integration gelang die Etablierung des demokratischen Rechtsstaats - keine Selbstverständlichkeit für ein Land, das erst 1974 der Diktatur Salazars entkam und dann zunächst mit den Irrungen und Wirrungen der Nelkenrevolution zu kämpfen hatte.
Die wirtschaftlichen Fortschritte zeigen sich wohl am besten in Lissabon und Porto, die sich in wenigen Jahrzehnten von heruntergekommenen Großstädten zu attraktiven Metropolen gewandelt haben. Die ökonomischen Kennzahlen weisen in dieselbe Richtung: Das portugiesische Pro-Kopf-Einkommen, das Mitte der achtziger Jahre nur die Hälfte des europäischen Durchschnitts erreichte, liegt heute bei drei Vierteln. In Lissabon und Porto hat es den EU-Durchschnitt schon erreicht.
Industrialisierungsschub in den achtziger Jahren
Die europäische Integration Portugals war vor allem in den achtziger Jahren mit einem Industrialisierungsschub verbunden. Viele ausländische Konzerne nutzten die niedrigen Löhne innerhalb des gemeinsamen europäischen Marktes. Und auch hier spielen die Fördergelder aus Brüssel eine überragende Rolle - jährlich rund zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes -, die vor allem in die Verkehrsinfrastruktur flossen. Einen zweiten starken Impuls erhielt Portugal durch die Teilnahme an der Währungsunion, die der hohen Inflation ein Ende machte, erstmals eine stabile Währung mit niedrigen Zinsen sicherte und wie ein Konjunkturförderungsprogramm wirkte.
Trotz der günstigen Bedingungen ist die portugiesische Dynamik in den vergangenen Jahren etwas erlahmt. Die einst hohen Wachstumsraten haben sich deutlich abgeschwächt. 2001 wartete Portugal als erstes Mitglied der Währungsunion mit einem Haushaltsdefizit von 4,2 Prozent und damit weit jenseits der Maastricht-Warnmarke von 3 Prozent auf. Seit zwei Jahren versucht der konservative Ministerpräsident Durao Barroso als Nachfolger des Sozialisten Guterres, mit mehr oder weniger zählbarem Erfolg, den Haushalt wieder in Ordnung zu bringen.
Nicht alle Hausaufgaben gemacht
Das ist keine leichte Aufgabe, weil sich inzwischen erweist, daß Portugal in den Sturm-und-Drang-Zeiten nach 1986 keineswegs alle Hausaufgaben gemacht hat. So ist die Arbeitslosigkeit nur deshalb noch relativ niedrig, weil rund 15 Prozent der Arbeitskräfte im Staatsdienst arbeiten, mehr als in jedem anderen Land der EU. Dieser Staatsdienst ist besonders ineffektiv, wie sich am schlechten Ausbildungswesen, am sanierungsbedürftigen Gesundheitssektor oder auch am Unvermögen zeigt, Steuern einzutreiben. Inzwischen wenden sich auch die Investoren ab. Neue größere Ansiedlungen kann Portugal schon seit längerem nicht mehr vermelden. Teilweise wandern Industrien wie zum Beispiel die Textilbranche in den lohngünstigeren Maghreb ab, teilweise entscheiden sich Konzerne für neue Standorte in den mittel- und osteuropäischen Beitrittsländern, die jetzt ähnliche Schübe erfahren wie Portugal im Zuge des eigenen EG-Beitritts.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.03.2004, Nr. 76 / Seite 6
Bildmaterial: lusa
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