Interview mit EZB-Direktoriumsmitglied Bini Smaghi

„Wir sollten nicht in Panik verfallen“

13. März 2008 Die großen Notenbanken schießen wieder Milliarden in die Märkte. Allein die amerikanische Federal Reserve stellt den wegen der Finanzkrise angeschlagenen Kreditinstituten bis zu 200 Milliarden Dollar zusätzlich zur Verfügung. Auch von der EZB, aus Großbritannien, Japan, der Schweiz und Kanada sollen umfangreiche Geldspritzen kommen. Wie gefährlich die Lage derzeit ist, erläutert Lorenzo Bini Smaghi, seit 2005 Mitglied des EZB-Direktoriums, in einem Gespräch mit der F.A.Z. Seiner Meinung nach funktionieren die Märkte momentan nicht richtig. Jetzt müsse man verhindern, dass sie „total austrocknen“.

Herr Bini Smaghi, wie gefährlich ist die gegenwärtige Situation? Man hört von immer höheren Kreditausfällen und Bankenschwierigkeiten. Klingeln in der EZB die Alarmglocken?

Wir hatten zu lange eine Situation, wo die Risiken unterbewertet wurden. Früher oder später sollte der Markt wieder zur Normalität zurückfinden. Allerdings ist es nicht klar, was das Wort Normalität bedeutet. Was sind normale Risikoaufschläge? Der Weg zurück zur Normalität wird kein leichter sein. Es gibt viel Angst, dass Marktakteure ein Liquiditätsproblem haben. Daher gehen die Risikoaufschläge hoch, daher trocknen die Märkte aus. Sicherlich beunruhigt das.

Beunruhigt es nur ein wenig, oder droht die Krise außer Kontrolle zu geraten?

Die Märkte funktionieren momentan nicht richtig, aber es gibt weiterhin Märkte. Wir müssen sicherstellen, dass sie wieder richtig funktionieren. Wir sollten nicht in Panik verfallen. Das wäre ansteckend und muss auf jeden Fall vermieden werden. Wir müssen verhindern, dass Märkte total austrocknen.

Was ist mit dem Euro-Dollar-Wechselkurs? Andere Staaten intervenieren, um eine Aufwertung ihrer Währung gegenüber dem Dollar zu verhindern.

Zum Wechselkurs habe ich den Äußerungen des Präsidenten nichts hinzuzufügen: Übermäßige Wechselkursschwankungen wirken sich nachteilig auf die konjunkturelle Entwicklung aus, insbesondere in Zeiten eines sich abschwächenden Weltwirtschaftswachstums.

Die EZB hat es in neun Jahren achtmal nicht geschafft, ihr Inflationsziel von knapp unter 2 Prozent zu erreichen. Dieses Jahr werden sogar 2,9 Prozent prognostiziert. Was sagen Sie den Bürgern?

Wenn man die Spanne von zehn Jahren einschließlich der Prognose für dieses Jahr nimmt, ist der Durchschnitt etwa zwischen 2,1 und 2,2 Prozent. Sicher, das ist über unserem Ziel von unter, aber nahe 2 Prozent. Wir sind daher nicht zufrieden. Andererseits muss man sehen, dass der Euro-Raum eine niedrigere Inflation hat als die meisten anderen Industrieländer, etwa die Vereinigten Staaten. Man muss auch die massiven Preisverschiebungen der vergangenen Jahre bedenken, besonders den Anstieg der Energiepreise und auch für Lebensmittel. Wenn man das abzieht, sinkt die durchschnittliche Teuerungsrate auf 1,6 Prozent.

Dem Bürger hilft diese Rechnung aber nicht. Er muss die hohen Preise zahlen.

Da stimme ich zu. Ich wollte nur sagen, es gibt Dinge, die jenseits der Kontrolle der Zentralbank liegen. Verglichen mit den historischen Inflationsraten war die Rate der vergangenen zehn Jahre niedriger. Im Jahrzehnt vor der Einführung des Euro hatten Sie in Deutschland 2,5 Prozent Inflation, im Jahrzehnt davor 3 Prozent und in den siebziger Jahren sogar 4,7 Prozent. Selbst in den sechziger Jahren lag die Inflation durchschnittlich bei 2,3 Prozent. Dieser Vergleich zeigt, dass die EZB eine relativ gute Leistung erbracht hat.

Strebt die EZB das Ziel von unter 2 Prozent nach wie vor an?

Absolut. Das ist unser primäres Ziel. Und wir glauben auch, dass es der beste Weg für ein nachhaltiges Wachstum ist, wenn die Inflation niedrig ist.

Gegen den Anstieg des Ölpreises kann die EZB nichts tun. Aber den Anstieg der Geldmenge und des Kreditvolumens können Sie beeinflussen. Wirkt das starke Kreditwachstum mittelfristig inflationstreibend?

Natürlich wirkt nicht die gesamte Beschleunigung des Geldmengenwachstums inflationär, sonst hätten wir ja 10 Prozent Inflation. Es gibt zum einen eine höhere Liquiditätspräferenz in den vergangenen Jahren, vor allem, weil die langfristigen Zinsen niedrig waren. Und zum anderen gibt es Innovationen an den Finanzmärkten, etwa die Kreditderivate. Ohne Zweifel haben die niedrigen Zinsen weltweit das Kreditwachstum angetrieben. In der gegenwärtigen Lage könnte das hohe Kreditwachstum sogar ein gutes Zeichen sein.

Warum?

Es zeigt, dass angesichts der Finanzkrise die reale Wirtschaft trotzdem relativ stark geblieben ist und dass das Bankensystem imstande ist, die Unternehmen weiterhin mit Krediten zu versorgen. Andererseits ist die Verlangsamung der Hypothekenvergabe auch eine gute Sache, denn das ging zuvor zu schnell.

Heißt das, wir müssen uns über eine Kreditklemme keine Sorgen machen?

Nicht wirklich. Je länger die Turbulenzen dauern, desto eher wird es wahrscheinlich, dass es Auswirkungen gibt, besonders für das Banksystem und dadurch für die reale Wirtschaft. In den vergangenen sechs Monaten aber hat das Bankensystem im Euro-Raum den Schock recht gut absorbiert, vor allem verglichen mit dem amerikanischen Bankensystem, wo die Kreditvergabe scharf gebremst wurde.

Glauben Sie, das nun langsamere Wirtschaftswachstum wird die Inflation wieder dämpfen?

Zurzeit sehen wir eine Verlangsamung der amerikanischen Wirtschaft, doch der Rest der Welt wächst weiter, und das übt einen Aufwärtsdruck auf den Ölpreis aus. Das macht die Situation schwieriger.

Wie wirkt sich die Globalisierung auf die Preise aus?

Der positive Effekt der Globalisierung durch niedrigere Importpreise geht langsam vorbei. In den meisten der aufstrebenden Schwellenländer geht die Inflation hoch, das Gleiche gilt für die Löhne, so dass wir inflationäre Tendenzen durch teure Importpreise erleben könnten. Und es gibt den Preisdruck von den endlichen Ressourcen wie Rohöl.

Es wird viel über mögliche Zweitrundeneffekte geredet, dass also die hohe Inflationsrate die Lohnforderungen nach oben treibt. Ist diese Gefahr schon real?

In einigen europäischen Ländern, etwa in Spanien und Belgien, sind die Löhne indexiert, so dass Zweitrundeneffekte unvermeidlich sind, in anderen Ländern fordern die Gewerkschaften nun deutlich mehr. Bislang waren die Zweitrundeneffekte aber begrenzt. Es sollte nicht übersehen werden, dass Zweitrundeneffekte nicht nur ein Problem wegen des Inflationsdrucks sind, sondern auch Wachstum und Beschäftigung gefährden. Wenn die Löhne schneller als die Produktivität zulegen, bremst das die Wirtschaft.

Die Inflationserwartungen der Marktteilnehmer haben sich zuletzt erhöht. Beunruhigt das die EZB?

Lassen Sie mich vorwegschicken: In einer Phase von Finanzmarktturbulenzen ist es sehr schwierig, die Daten zu interpretieren, die aus indexierten Wertpapieren folgen, und daraus auf Inflationserwartungen zu schließen. Das Bild könnte momentan verzerrt sein. Trotzdem müssen wir dies ernst nehmen. Wir müssen das Vertrauen der Leute stärken, dass die EZB ihren Auftrag konsistent verfolgt.

Haben die Märkte denn vergessen, was der EZB-Auftrag ist?

Bis zum letzten Sommer haben die Märkte verstanden, was unsere Strategie war und was unser Ziel ist. Die jüngsten Turbulenzen haben einige Marktteilnehmer aber verwirrt. Sie glaubten, dass alle Zentralbanken dasselbe tun würden.

Also die Leitzinsen stark senken wie die amerikanische Fed …

Tatsächlich war dem nicht so. Schauen Sie sich auf der Welt um: Einige Zentralbanken haben ihre Zinsen stark gesenkt, andere haben sie sogar erhöht, andere haben sich entschlossen, die Zinsen unverändert zu lassen. Die Bedingungen der jeweiligen Volkswirtschaften sind einfach verschieden. Die EZB macht Geldpolitik für den Euro-Raum, mit einem klaren Ziel.

Die amerikanische Fed versucht, sowohl Preisstabilität als auch Wachstum zu fördern. Geht das gut?

Wir müssen die Menschen überzeugen, dass mit einer stabilen Währung dem Wirtschaftswachstum mittelfristig am besten geholfen werden kann.

Eine Ursache für die gegenwärtige Finanzkrise waren die sehr niedrigen Leitzinsen, besonders in Amerika von 2001 bis 2003, was den Immobilien- und Hypothekenboom dort angeheizt hat, der nun zusammenbricht. Welche Lehre kann man daraus ziehen?

Eine Lektion ist sicherlich, dass sehr niedrige Leitzinsen über eine längere Zeit, besonders wenn die Wirtschaft wächst, Anreize für Investitionen schaffen, die ein zu hohes Risiko bergen. Früher oder später schafft das Verzerrungen. Wenn die Wirtschaft anzieht, dann muss die Geldpolitik so bald wie möglich straffer werden. Die EZB hat Ende 2005 reagiert, obwohl uns viele geraten haben, es nicht zu tun. Allgemein ist es ein Problem, dass Inflationsrisiken oft zu spät gesehen werden. Da ist es schwierig, die Leute zu überzeugen, dass eine Zinsanhebung richtig ist.

Das Gespräch führten Benedikt Fehr und Philip Plickert.



Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 6.392,70 -0,75
TecDax 720,24 -0,19
DowJones 11.380,87 +0,28
Nasdaq 2.286,15 +0,26
STOXX 50 3.326,67 -0,83
Nikkei 225 13.334,76 -1,97
S&P 500 Zert. 12,50 -2,34
Euro/Dollar 1,57 +0,08
Bund Future 110,82 -0,11
Gold 923,15 -0,49
Öl 124,98 -1,22
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