08. April 2007 Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) will Mindestlöhne gesetzlich regeln mit dem Argument, ein Einkommen müsse ein Auskommen bieten. Drei Euro Stundenlohn seien unfair. Er hat unter anderem das Friseurhandwerk im Visier. Sybille Hain, Obermeisterin der Landesinnung Thüringen des Friseurhandwerks, hat eine genaue Vorstellung, was Mindestlohnregelungen für Folgen hätte: höhere Arbeitslosigkeit. Hain hat 1990 einen Frisiersalon in Erfurt gegründet. Ihr Vater war schon Friseur, sie selbst leitete bis zum Ende der DDR eine Produktionsgenossenschaft des Handwerks. Ihr Salon ist unter anderem für die gute Ausbildung bekannt. Die 56 Jahre alte Frau engagiert sich in der Innung und seit kurzem in der FDP.
Frau Hain, 3,18 Euro Stundenlohn bekommt eine ausgelernte Friseurin im ersten Berufsjahr in Thüringen. Finden Sie das in Ordnung?
Natürlich ist das in Ordnung. Die Summe 3,18 Euro ist der reine Sockelbetrag ohne Leistungszuschlag. Und ohne Trinkgeld. Das kommt ja noch dazu. Eines ist doch klar. Ich kann hier im Osten keine hohen Preise verlangen, also kann ich auch keine hohen Löhne zahlen. In Karlsruhe bekommen sie für Waschen, Schneiden, Föhnen 38 bis 42 Euro. Hier sind Sie mit 17,50 Euro schon hochpreisig. Man muss kein Finanzgenie sein, um festzustellen, dass bei uns der Lohn nicht so hoch sein kann wie bei einer Mitarbeiterin in Baden-Württemberg.
Aber von 3,18 Euro in der Stunde kann man nicht leben.
Das muss ja auch keiner. Mit Leistungszuschlag kommt jede tüchtige Berufsanfängerin spielend auf mehr Geld.
Auf wie viel denn?
Das hängt vom Umsatz der Friseurin ab. Vom Umsatz, der zwölf Euro übersteigt, bekommt sie in Thüringen 30 Prozent. Ich schaffe mit meinen 56 Jahren 50 Euro Umsatz in der Stunde. Junge Friseurinnen schaffen durchaus 30 Euro Stundenumsatz. Sie kommen dann auf einen Stundenlohn von neun Euro, wenn sie was können. Das klingt schon ganz anders als drei Euro. Dazu kommt noch Trinkgeld.
Wie viel macht denn das Trinkgeld aus?
Zehn bis 20 Prozent auf den Umsatz.
Und 30 Euro Umsatz in der Stunde ist machbar?
Ja. Ohne große Probleme.
Vorausgesetzt, die Kunden kommen.
Ja, natürlich.
Aber in manchen Salons bleiben die Kunden aus, und die Mitarbeiterinnen gehen mit vier Euro oder fünf Euro Stundenlohn nach Hause. Die Frauen würden von einem Mindestlohn von 7,50 Euro, wie ihn die SPD einführen will, profitieren.
Es stimmt natürlich, dass manche Friseurinnen am Anfang nur vier Euro pro Stunde haben. Aber die Betriebe können sich nicht mehr leisten. Wenn sie höhere Löhne zahlen müssten, dann müssten sie das Haareschneiden verteuern. Die Kunden blieben weg. Und die Frauen würden entlassen. Keiner hätte was davon. Ein Mindestlohn von 6 bis 7,50 Euro gefährdet in Ostdeutschland ein Drittel der Arbeitsplätze im Friseurhandwerk. Oder aber die Tariflöhne würden einfach nicht gezahlt. Nichts wäre damit gewonnen. Ich frage mich schon, was sich der Arbeitsminister Franz Müntefering denkt, wenn er den Mindestlohn vorschreiben will. Von der Basis ist der ganz weit weg. Er soll die Tarifverhandlungen den Tarifparteien überlassen.
Kann eine gute Mitarbeiterin von ihrem Einkommen eine Familie ernähren?
Sie kann vom Lohn gut leben, aber eine größere Familie ernähren, das wird dann doch etwas knapp. Die besten Kräfte kommen schon auf 2000 Euro im Monat. Und die Mieten sind hier ja nicht so hoch. Ich finde unser Bezahlungssystem trotzdem das gerechteste überhaupt. Gute Friseurinnen haben in der Regel gut zu tun und gewinnen schnell eigene Kunden. Der Fleißige wird belohnt, der Faule hat halt Pech. Gibt es etwas Besseres? Gibt es etwas Ehrlicheres?
Das sagen Sie als Unternehmerin und Chefin eines Frisiersalons. Aber als Angestellte wünscht man sich einen Mindestlohn von 7,50 Euro, wie ihn die Sozialdemokraten jetzt vorschlagen.
Das glaube ich nicht. Die Mitarbeiterinnen kennen die Verhältnisse hier und hätten Angst vor Entlassungen. Außerdem hat der Staat selbst Mitschuld an den niedrigen Löhnen. Er verdirbt die Preise in Ostdeutschland, indem er die Schwarzarbeit beflügelt. Und dann will er auch noch unsere Löhne festlegen.
Der Staat beflügelt die Schwarzarbeit?
Ja, ganz eindeutig. In überbetrieblichen Friseurschulen werden mit Steuergeldern und Mitteln der Arbeitsverwaltung weit mehr Friseurinnen ausgebildet, als offiziell eingestellt werden. Und was machen die jungen Frauen dann? Sie schneiden schwarz und machen Betrieben, die sich gerade über Wasser halten können, unfaire Konkurrenz.
Also Nachwuchsmangel haben Sie keinen. Warum stößt man da so oft auf Stellenanzeigen für Frisiersalons?
Das ist ja das Schizophrene. Gute Kräfte werden trotzdem immer gesucht. Ich bilde meine Leute selber aus. Aber Lücken entstehen, wenn meine Mitarbeiterinnen Kinder bekommen. Sie setzen dann erst einmal aus und kommen dann später oft nur auf eine halbe Stelle zurück.
Die Absolventen aus den Friseurschulen müssten doch Schlange stehen.
Gute Leute werden in guten Betrieben ausgebildet. Die Absolventen der Schulen sind oft ungeeignet. Das ist ja das Schlimme. Den Mädchen nützen die überbetrieblichen Schulen wenig. Nur die wenigsten finden eine feste Stelle. Die sind nicht so gut, dass man sie auf die Kunden loslassen kann. Im Frisiersalon müssen sie ja nicht nur gut frisieren können, sondern auch zwei Sätze hintereinander fehlerfrei sprechen können. Da fehlt es doch oft erheblich. Zu uns kommen Kunden, die auch Ansprache suchen. Die Mädchen aus den Schulen schneiden nach der Ausbildung die Haare schwarz. Was bleibt ihnen auch?
Überzeichnen Sie das Phänomen Schwarzarbeit nicht etwas?
Nein. Nach unseren Schätzungen werden ein Viertel bis ein Drittel der Friseurdienstleistungen im Freistaat Thüringen schwarz erledigt, weil der Staat mehr Friseurinnen ausbildet, als eingestellt werden, und weil er Schwarzarbeit nicht scharf genug kontrolliert. Wir würden uns wünschen, dass Schwarzarbeit nicht länger als Kavaliersdelikt, sondern als Straftatbestand gewertet wird. Aber da trauen sich die Politiker ja nicht ran. Es soll ja sogar Politiker geben, die Schwarzarbeiter auf den eigenen Baustellen beschäftigen.
Wenigstens hat Ihre Branche nach Aussagen des Arbeitsministers Franz Müntefering kein Outsourcing-Problem: Man fährt nicht nach Krakau, um sich die Haare machen zu lassen.
Das gilt vielleicht für Erfurt und Thüringen. Ansonsten ist das purer Unsinn. Mit den Kollegen in Cottbus, Görlitz, Frankfurt an der Oder oder auch Hof in Bayern möchte ich nicht tauschen. Denen läuft die Kundschaft scharenweise davon, um sich in Polen oder in der Tschechei die Dauerwelle machen zu lassen. Manch einer kehrt allerdings reumütig zurück.
Wenn das Geschäft so schwer ist, warum werden dann ständig so viele Frisiersalons eröffnet?
Das ist wirklich ein Phänomen. In Erfurt haben wir eine Straße, die sollten wir in Hair Street umtaufen. Da liegt ein Frisiersalon neben dem anderen. Vier davon sind Discount-Salons. Ein Problem ist natürlich, dass die Vorschriften oft nicht eingehalten werden. Eigentlich muss in jedem Salon ein Meister stehen, in vielen Filialen von Friseurketten fehlen aber die Meister.
Frisieren Meister denn besser?
Darum geht es ja nicht. Meister sind vorgeschrieben und sie verdienen mehr Geld als normale Mitarbeiter. Wer sich an diese Regel hält, hat dann höhere Kosten und ist im Nachteil gegenüber dem, der die Spielregeln verletzt. Das ist unfair. Insgesamt wird es Friseuren zu leicht gemacht, Geschäfte zu eröffnen, und es gibt zu viele. Das ist schon seltsam. Es gibt viel mehr Salons als früher, und die Leute gehen viel weniger zum Friseur.
Wie häufig gehen die Leute denn zum Friseur?
Die Männer gehen im Durchschnitt alle zwei Monate. Die Frauen noch seltener. Wir haben in dieser Hinsicht leider westdeutsche Verhältnisse bekommen.
Das war in DDR-Zeiten anders?
Aber komplett. In der DDR hatten wir Friseure Blütezeiten. Die Salons in Erfurt zum Beispiel waren von sechs bis 22 Uhr im Zwei-schichtbetrieb geöffnet und stets brechend voll. Die Leute kamen fast jede Woche. Die Männer und Frauen gingen zwischen 30 und 35 Mal im Jahr zum Friseur. Im Grunde war es so, dass wir an jedem Wochentag zur selben Zeit dieselben Kunden hatten. Ich wusste im Januar, wem ich am ersten Dienstag des Dezembers die Haare schneiden würde. Haare schneiden kostete ja damals kaum etwas.
Wie schnell kamen dann die westdeutschen Verhältnisse?
Eine Zeitlang bis Mitte der neunziger Jahre hatten wir noch den Vorteil, dass die Leute in Ostdeutschland es nicht gewohnt waren, zu Hause mit dem Föhn zu hantieren. Sie trauten sich nicht so richtig. Aber sobald sie sich daran gewöhnt hatten, waren die Blütezeiten vorbei. Aber Sehnsucht habe ich keine.
Sie sind Obermeisterin von Thüringen und in der Innung sehr aktiv. Schneiden Sie denn noch selbst Haare in Ihrem Betrieb?
Natürlich, ich liebe diesen Beruf. Gleich kommt eine meiner Kundinnen. Deshalb müssten wir jetzt auch das Interview beenden.
Das Gespräch führte Winand von Petersdorff.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.04.2007, Nr. 14 / Seite 37
Bildmaterial: Rainer Wohlfahrt
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