15. November 2006 Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) sprühte geradezu vor guter Laune, als er am Montag das Solarunternehmen Conergy in Frankfurt an der Oder willkommen hieß, den größten privaten Investor in der Kleiststadt seit der Wiedervereinigung. Bis 2008 will der Hamburger Konzern hier 250 Millionen Euro in seine modernste Anlage stecken und 1000 Mitarbeiter beschäftigen. Platzeck nannte Frankfurt stolz eine "Solarstadt", und latinisierte: "Ex oriente lux - aus dem Osten kommt das Licht."
Tatsächlich fällt auf, daß die neuen Bundesländer als Photovoltaik-Standort nicht nur Westdeutschland, sondern zunehmend auch die ausländische Konkurrenz hinter sich lassen. "Zwischen Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und neuerdings auch Brandenburg ist die höchste Ballung von Solar-Unternehmen in der ganzen Welt entstanden", sagt Carsten Körnig, der Geschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW). Mehr als die Hälfte des deutschen Solar-Umsatzes von etwa 3 Milliarden Euro würden mittlerweile in Ostdeutschland erwirtschaftet, und auch der Großteil der laufenden Investitionen von rund einer Milliarde Euro fließe dorthin.
Reaktion auf Silizium-Knappheit
Technologisch gilt die Region als wegweisend. Um den zwischenzeitlich knapp gewordenen Rohstoff Silizium einzusparen oder zu ersetzen, stellt die Industrie immer mehr auf die sogenannte Dünnschicht-Technik um. Der Großteil der zehn im Bau befindlichen Dünnschicht-Werke liegt in Ostdeutschland. Gleiches gilt für die Ausweitung der Wertschöpfungskette: Die hier ansässigen Unternehmen sind Vorreiter in der integrierten Fertigung von der Rohstoffaufbereitung bis zur fertigen Solaranlage. Auch Conergy geht diesen Weg erstmals in Frankfurt (Oder), wo es die ganze Kette von der Siliziumscheibe (Wafer) über den Bau der Solarzellen bis zum einsatzfertigen Modul abdeckt.
Solar-Technik auch im vorpommerschen Greifswald
Brandenburg ist relativ spät in den Kreis der Solarregionen aufgestiegen, dann aber mit Macht. In Frankfurt (Oder) errichtet First Solar eine Fertigung, in der bis zu 500 Personen Arbeit finden sollen. Nicht weit entfernt baut Odersun eine Produktionsstätte mit 80 Mitarbeitern, in Prenzlau sind es bei Aleo Solar 250 Beschäftigte. Während in Brandenburg an der Havel die Johanna Solar eine Fabrik hochzieht, strahlt aus der Metropole Berlin heraus die Solon AG mit 300 Mitarbeitern auch ins Umland aus. Solon unterhält zudem eine Fertigung in Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern, wo ansonsten nur noch Solara Wismar mit 90 Mitarbeitern ansässig ist.
Standortwahl nicht nach dem Zufallsprinzip
Weiter im Süden wetteifern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen darum, welches der wichtigste Solar-Landstrich der Republik ist. Der kleine Ort Thalheim bei Wolfen hat gute Chancen auf den Titel, denn hier hat sich der Zellenhersteller Q-Cells niedergelassen. Die Neugründung ist nach ihrer Börsenkapitalisierung nicht nur das größte Unternehmen in den neuen Bundesländern, sondern mit mehr als 800 Beschäftigten auch einer der wichtigsten deutschen Solar-Arbeitgeber. In Wertschöpfung und Kapitalverflechtung eng miteinander verbunden, wachsen gleich nebenan die Unternehmen Ever-Q mit 50 Mitarbeitern, CSG Solar mit 150 Beschäftigten und demnächst auch der Dünnschichtler Calyxo der Sonne entgegen.
Der Standort war keine Zufallswahl, wie der Vorstandsvorsitzende von Q-Cells, Anton Milner, nicht müde wird zu versichern. Man könne auf die Fachkräfte der ehemaligen Orwo-Filmwerke ebenso zurückgreifen wie auf die Spezialisten der benachbarten Chemieindustrie. Mit der Solarindustrie hatten diese zu DDR-Zeiten zwar nichts zu tun, wohl aber mit Belichtungsvorgängen, mit Beschichtungen und dem Einsatz von Spezialstoffen.
Viele sehr gute Leute
Verbandschef Körnig sieht in der Verfügbarkeit hochqualifizierter Arbeitskräfte einen der Hauptgründe für die Ansiedlung im Osten. Neben der Film- und Chemieindustrie hätten auch die DDR-Halbleitertechnik und nicht zuletzt die Universitäten und Forschungszentren "viele sehr gute Leute ausgebildet". Darauf greifen die Sonnenstandorte in Sachsen und Thüringen gern zurück. In Freiberg, der Heimat der weltberühmten Bergakademie, profitieren davon nicht nur der Wafer-Hersteller Wacker-Siltronic mit 600 Beschäftigten, sondern auch die verschiedenen Tochtergesellschaften der Deutschen Solar (einschließlich Deutscher Cell und Solar Factory), die hier zu einer der wichtigsten integrierten Produktionen Europas zusammengewachsen sind.
Förderung und Löhne unter Westniveau
Zwar sind die Arbeitskosten in der hochautomatisierten Branche zweitrangig, dennoch sind auch die geringeren Löhne ein Ansiedlungsgrund; sie liegen um 10 bis 20 Prozent unter dem Westniveau. Hinzu kommt die öffentliche Förderung von rund einem Drittel der Investitionen. Nicht vergessen werden sollte die Unterstützung durch den Stromkunden, die freilich für ganz Deutschland gilt. Denn die Branche boomt nur deshalb, weil der Solarstrom 2004 in das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) aufgenommen wurde. Wegen der darin festgelegten hohen Abnahmepreise ist es für Erzeuger äußerst lukrativ, Solarstrom einzuspeisen.
Westdeutsche zieht es in den Osten
Aufgrund der privilegierten Bedingungen zieht es auch immer mehr westdeutsche Solarunternehmen in den Osten. Das gilt nicht nur für die Deutsche Solar aus Bonn, sondern auch für Schott Solar, das ein neues Dünnschichtwerk in Jena baut. Thüringen ist auch der Standort für die erfolgreichen Börsenunternehmen PV Crystalox Solar und Ersol in Erfurt mit zusammen 510 Beschäftigten. In Arnstadt unterhält Ersol zudem ASI Industries, ebenfalls dort ansässig ist Sunways mit 60 und Antec Solar mit 50 Mitarbeitern.
Für Frankfurt (Oder), das weniger verwöhnt mit Ansiedlungen ist als Thüringen, hat der Sonnenaufgang in der Solarindustrie auch symbolische Bedeutung. Der neue Hoffnungsträger Conergy siedelt auf dem Gelände der ehemaligen Chipfabrik, die - als sie 2003 an Finanzierungsfragen scheiterte - über den Rohbau nicht hinausgekommen war. Statt 1300 Personen, wie damals geplant, finden hier nun 1000 Mitarbeiter eine Stelle. Daß diese schmachvolle Scharte jetzt ausgewetzt erscheint, auch das dürfte die große Freude von Ministerpräsident Platzeck erklären.
Text: F.A.Z., 15.11.2006, Nr. 266 / Seite 22
Bildmaterial: dpa
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