Erklär mir die Welt (29)

Warum gibt es Schwarzarbeit?

Von Lisa Nienhaus

30. Dezember 2006 Jans Rechnung ist einfach. Er hat einen Golf, zehn Jahre alt, der ständig kaputtgeht. Mal reißt der Zahnriemen, mal streikt die Servolenkung. Das wäre teuer, gäbe es da nicht Daniel, einen Automechaniker, der im gleichen Dorf im Sauerland wohnt. Bei ihm kosten Reparaturen nur die Hälfte. Dafür zahlt Jan bar auf die Hand. „Freundschaftsdienst“ nennen das Jan und Daniel. In Wirklichkeit arbeitet Daniel schwarz, denn für einen Freundschaftsdienst müßten die beiden befreundet sein. Außerdem bekommt er genug Geld, um daraus einen Gewinn zu erzielen.

Schwarzarbeit funktioniert so prima, weil beide Seiten gewinnen. Jan bekommt seine Reparaturen günstiger, Daniel muß keine Steuern und Sozialabgaben zahlen. Außerdem sichert die Schwarzarbeit Daniels Werkstatt. Weil er billiger ist, gewinnt er Kunden, die sonst vielleicht zur Werkstatt ins nächste Dorf fahren würden.

Mehrwertsteuer, Rentenbeiträge, Gewerbesteuer, Einkommensteuer: Arbeit ist teuer in Deutschland, weil wir den Sozialstaat mitbezahlen. Das Ifo-Institut hat kürzlich errechnet, daß von der Wertschöpfung jeder zusätzlichen legal verrichteten Arbeitsstunde heute zwei Drittel an den Staat gehen. Nur ein Drittel bleibt bei dem, der die Arbeit leistet. Kein Wunder, daß Daniel lieber schwarzarbeitet.

Vorteil auf Kosten aller anderen

Doch wenn zwei sich freuen, ärgert sich der Dritte, in diesem Fall der Staat. Ihm entgeht Geld, mit dem er gerne Haushaltslöcher stopfen würde. 15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) sollen mittlerweile auf die Schattenwirtschaft entfallen: 345 Milliarden Euro im Jahr 2006, wie Friedrich Schneider, Volkswirtschaftsprofessor in Linz, errechnet hat. Für ihn ist die Schattenwirtschaft ein „Massenphänomen zwischen Konstanz und Flensburg, zwischen dem Bodensee und dem Neusiedler See“.

Wenn am Montag die Mehrwertsteuer auf 19 Prozent steigt, werden noch mehr Menschen unterderhand arbeiten. Die meisten Deutschen finden das allerdings nicht verwerflich. Nur 20 Prozent lehnen Schwarzarbeit grundsätzlich ab, hat das Allensbach-Institut ermittelt. Den simplen Diebstahl halten dagegen 70 Prozent der Deutschen für „unter keinen Umständen in Ordnung“.

Dabei verschaffen sich Schwarzarbeiter einen Vorteil auf Kosten aller anderen. Damit ist der Schwarzarbeiter der wahre Homo oeconomicus, der ökonomische Mensch. Nach der volkswirtschaftlichen Theorie strebt der Mensch nämlich nur danach, seinen eigenen Nutzen zu maximieren. Wie es seinen Mitmenschen geht, interessiert ihn nicht. Der individuelle Nutzen steigt zum Beispiel, wenn man mehr Geld bei gleicher Arbeitszeit hat, so wie der Automechaniker Daniel. Er steigt aber auch, wenn man für das gleiche Geld mehr konsumieren kann, so wie Daniels Kunde Jan.

„Trittbrettfahrer“

Die klassischen Wirtschaftstheoretiker glauben: Der Eigennutz führt dazu, daß es allen bessergeht, solange der Staat einen Schutz gegen Unterdrückung und Enteignung bietet. Adam Smith hat das so formuliert: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.“

Diese theoretische Überlegung hat aber einen Haken. Die meisten Menschen schätzen zwar im Prinzip den Sozial- und Rechtsstaat mit Gerichten, Polizei, kostenlosen Autobahnen und einer Versorgung sozial Schwacher. Trotzdem liegt es nicht in ihrem Eigeninteresse, dazu Geld beizutragen. Das liegt daran, daß ihr Beitrag so gering ist - er hat nahezu keinen Effekt darauf, was der Staat anbietet. Hinterzieht Daniel beispielsweise 8200 Euro an Steuern und Sozialbeiträgen im Jahr, so entgehen jedem Bürger Deutschlands 0,01 Cent, angenommen der Staat verteilt das Geld gleichmäßig auf alle Bürger. Daniel gewinnt also 8200 Euro, wenn er schwarzarbeitet, ohne daß die Leistungen des Staats sich für ihn verschlechtern. Zahlt er dagegen Steuern und Beiträge, funktioniert der Staat nicht besser, Daniels Einkommen aber ist geringer.

Für den ökonomischen Menschen ist es also optimal, schwarzzuarbeiten, solange er nicht erwischt wird. Er ist ein „Trittbrettfahrer“. So nennen die Ökonomen Menschen, die an einem Gemeinschaftsgut teilhaben, aber nichts dafür bezahlen. Das ist bei staatlichen Leistungen besonders einfach, denn die wenigsten davon kann man einem Bürger vorenthalten. So kann man niemanden von der Sicherheit auf den Straßen ausschließen, die die Polizei verschafft, oder vom Gerichtssystem. Wenn allerdings alle Menschen trittbrettfahren, bricht der Staat zusammen.

Noch mehr Strafe?

Dieses Dilemma hat Mancur Olson in seinem Buch „Die Logik des kollektiven Handelns“ beschrieben. Seine Lösung für das Problem: Zwang. So schickt der Staat den Zoll und die Steuerfahnder bis ins kleinste Dorf im Sauerland. Den Missetätern drohen Geldbußen. Das schreckt ab, denn ein ökonomischer Mensch kalkuliert auch immer die finanziellen Risiken mit ein und wägt sie gegen die Menge an Steuern ab, die er sparen kann - je höher die Steuern und je schwächer die Kontrollen, desto eher lohnt Schwarzarbeit. Die Ökonomen Ernst Fehr und Simon Gächter haben im Labor nachgewiesen: Wenn Strafen drohen, verhalten sich Menschen kooperativer und geben mehr Geld für ein Gemeinschaftsgut.

Kann der Staat also die Schwarzarbeit eindämmen, indem er noch mehr bestraft? Wahrscheinlich ein wenig. Doch es ist die Frage, ob sich das lohnt. Kontrolle ist teuer, wenn sie in alle Winkel und Privathaushalte schauen soll. Der zusätzliche Ertrag für die öffentlichen Kassen ist dagegen gering, weil es um viele kleine Beträge geht. Dazu kommt: Einige der Arbeiten, die bisher schwarz erledigt werden, würden gar nicht mehr nachgefragt - sie wären zu teuer. Außerdem könnten die Haushalte für ihr Geld weniger kaufen, würden also weniger konsumieren, das könnte die gesamte Wirtschaft bremsen. So gesehen ist es gar nicht unbedingt erstrebenswert, die Schwarzarbeit auszumerzen. Doch ein Problem bleibt: Sie ist ungerecht. Wer brav seine Steuern zahlt, verliert.

Bleibt Olsons zweite Lösung: Anreize setzen, damit sich die Schwarzarbeit von alleine verringert. So könnte man die Sozialbeiträge senken oder von den Löhnen entkoppeln. Allerdings müßten diese Effekte schon stark sein, damit sich auch Jan wieder dazu entschließt, sein Auto ganz legal reparieren zu lassen.

Schwarzarbeit ist schwer zu messen

Angaben zur Größe von Schattenwirtschaft und Schwarzarbeit können immer nur grobe Schätzungen sein. Friedrich Schneider von der Universität Linz ermittelt die Größe der Schattenwirtschaft anhand des Bargeldumlaufs, da Schwarzarbeit in der Regel bar entlohnt wird. Seine Methode überschätzt das Ausmaß der Schwarzarbeit vermutlich, denn auch andere Tätigkeiten werden mit Bargeld getätigt - zum Beispiel Arbeiten, die an sich schon illegal sind wie Drogenhandel oder Schmuggel (siehe dritte Grafik).

Aber auch Arbeiten wie die Nachbarschaftshilfe sind in dieser Rechnung enthalten, obwohl sie völlig legal ohne Steuern und Sozialabgaben bezahlt werden. Die Rockwool Stiftung in Kopenhagen schätzt das Ausmaß der eigentlichen Schwarzarbeit deutlich niedriger. Ihre Angaben beruhen auf einer Befragung aus dem Jahr 2004. Diese Zahlen können allerdings nur eine Untergrenze darstellen. Es ist nämlich unwahrscheinlich, daß bei Umfragen jeder ehrlich antwortet.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.12.2006, Nr. 52 / Seite 56
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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