26. Juni 2007 Zuwanderung wird von vielen Ökonomen als Allheilmittel gegen das sinkende Bevölkerungswachstum gepriesen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) weist in ihrem jüngsten Migrationsbericht indes darauf hin, dass schon viel gewonnen wäre, wenn die Industrieländer die schon anwesenden Ausländer besser in den Arbeitsmarkt integrieren würden. Das gelte besonders für hoch qualifizierte Zuwanderer, die nach Aussagen der OECD noch zu häufig in Anstellungen mit geringen Anforderungen eingesetzt seien – wenn sie überhaupt eine Arbeit haben. Vor allem unter zugewanderten Frauen bleibe das Potential ungenutzt, berichtet die OECD.
Die mangelnde Nutzung von Fähigkeiten und Qualifikationen der Einwanderer ist weit verbreitet“, sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría bei der Vorstellung der Studie vor Journalisten in Paris. Die OECD bleibt bei der Auffassung, dass Zuwanderung ein Teil der Lösungen im Kampf gegen den Bevölkerungsschwund und für die Finanzierbarkeit der Sozialsysteme sein könne. Sie weist jedoch auf das große Reservoir der bereits eingereisten Ausländer in vielen Industrieländern hin.
In allen anderen Ländern nahm Einwanderung zu
Deutschland ist danach ein besonders krasser Fall. Als Folge der stark schwindenden Bevölkerung müsste das Land sowohl an Zuwanderung als auch an einer besseren Integration der Zugewanderten interessiert sein. Gemessen an der Erwerbsbevölkerung, sind in Deutschland mehr hoch qualifizierte Ausländer arbeitslos als in den meisten anderen OECD-Ländern. Der Abstand zwischen der Arbeitslosenquote von ausländischen Akademikern von 12,5 Prozent im Jahr 2005 war gegenüber der Quote einheimischer arbeitsloser Akademiker mit 4,4 Prozent besonders groß.
Um den absehbaren Verlust an Arbeitskräften auszugleichen, sollte Deutschland dringend die bereits hier lebenden Migranten besser integrieren. Gleichzeitig sollten die Bedingungen für eine erhöhte Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Menschen sowie die Aus- und Weiterbildung generell verbessert werden“, sagte der deutsche OECD-Vertreter Heino von Meyer.
In Deutschland ist die Zuwanderung in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Zwischen 2003 und 2005 verringerte sich der jährliche Zustrom um 23.300 Menschen oder 10,5 Prozent. Dagegen nahm die Zuwanderung in allen OECD-Ländern, für die verlässliche Daten vorliegen, zwischen 2004 und 2005 um 10 Prozent zu. Das sind ungefähr 4 Millionen Menschen. Den stärksten Einwandererzuwachs hatten Irland, Korea und Neuseeland. Absolut dagegen reisten die meisten Ausländer in die Vereinigten Staaten, Spanien, Großbritannien und Kanada ein, um dort Arbeit zu finden und permanent zu bleiben. Gurría wies darauf hin, dass die Erhebungen sich nur auf die offiziellen Daten beziehen und den schwer abschätzbaren Anteil illegaler Einwanderer nicht einschließen.
Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte nimmt zu
Der Großteil der Zuwanderung ging in den vergangenen Jahren auf den Nachzug von Familienmitgliedern zurück. Die OECD kritisiert etliche der Regierungen, weil sie diesen Einwanderungsstrom begrenzen oder verzögern wollen. Dies sei in vielen Fällen kontraproduktiv in menschlicher als auch in ökonomischer Hinsicht“. Wenn die Familien sich rascher vereinen können, könnten die Kinder im Gastland früher in das Schulsystem aufgenommen werden, heißt es. So erhöhten sich ihre Arbeitsmarktchancen und ihr Beitrag zum Wirtschaftswachstum. Die Organisation weist auch darauf hin, dass ohne die Möglichkeit zum Familiennachzug qualifizierte Fachkräfte weniger Anreize zum Zuzug hätten.
Viele OECD-Staaten haben in den vergangenen Jahren die Zuwanderung von Fachkräften in gesuchten Bereichen erleichtert. Für Deutschland fordert die Organisation weitere Verbesserungen für Hochqualifizierte, aber auch für den gesamten Sektor des Pflegepersonals. Der internationale Wettbewerb um hoch qualifizierte Arbeitskräfte habe zugenommen, so dass Deutschland durch die Änderung des Zuwanderungsrechts im Jahr 2005 keinen Wettbewerbsvorteil mehr genieße. Die Kehrseite der Zuwanderung in die Industrieländer, gesteht die OECD zu, sei der Verlust von Fachpersonal in den Entwicklungsländern.
Text: F.A.Z., 26. Juni 2207, S. 11
Bildmaterial: AP, F.A.Z.
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Kommentar: Über die zweite Mauer
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