Von Heike Göbel
30. Dezember 2006 Weihnachten feiern die Menschen ihr besseres Ich. Im Gedenken an die Geburt Jesu Christi macht der Eigennutz Pause zugunsten des selbstlosen Austauschs von Geschenken und des besinnlichen, rücksichtsvollen Miteinanders. Könnte nicht immer Weihnachten sein? Wäre eine Welt, die auf dem Prinzip des reinen Altruismus aufbaut, nicht ein besserer Platz? Vielleicht.
Dem freilich steht die menschliche Natur entgegen. Sie widersetzt sich bisher allen Versuchen, gerade auch der Kirchen, sie nach dem Ideal des hilfreichen Samariters zu formen. Erleichtert gehen die meisten nach den Weihnachtstagen wieder ihren Interessen und Geschäften nach, froh, sie selbst sein zu dürfen. Sie tauschen die Geschenke um, über die sie sich am Heiligabend angeblich noch freuten, sie drängeln im Verkehr und an der Kasse.
Mensch als Marionette seiner egoistischen Gene
Natürlich bemüht sich so mancher auch im Alltag, die Forderungen der Bibel zu beherzigen, die da lauten: Weder Eigennutz noch Streben nach Ehre sollen euer Handeln bestimmen. Im Gegenteil, seid bescheiden und achtet den anderen mehr als euch selbst. Denkt nicht an euren eigenen Vorteil, sondern habt das Wohl der anderen im Auge. Denn, so steht es warnend bei Jakobus: Da wo Neid und Eigennutz ist, da ist Zerrüttung und jede schlechte Tat. Eigennutz ist demnach vom Teufel, und unter Androhung von Höllenqualen gilt es, den Menschen zu bessern. Ganz ähnlich geht es im Buddhismus zu: Auf Erlösung vom ewigen Rad der Wiedergeburten in einer Welt voller Mühsal darf nur hoffen, wer der Begierde nach Wohlstand, Macht und Freude entsagt.
Altruismus mag das schönere Leitbild für eine Gesellschaft sein, das wirklichkeitstauglichere bleibt der Eigennutz. Das haben die vielen fehlgeschlagenen Versuche gezeigt, stabile Gesellschaftsordnungen zu errichten, die ohne die Triebfeder des Eigennutzes auskommen - und dementsprechend auf Wettbewerb und Besitzrechte verzichten. Der Mensch wird eben nicht als selbstloses, aufopferungsvolles Wesen geboren, sondern von der Natur vor allem mit dem festen Willen ausgestattet, sich in einer widrigen Welt im Überlebenskampf den bestmöglichen Platz zu sichern. Der Biologe Richard Dawkins geht sogar noch weiter: Seit den siebziger Jahren sorgt seine These für Diskussion, der Mensch sei nur eine Marionette seiner egoistischen auf ihr Überleben ausgerichteten Gene.
Gemeinwohl muß nicht auf der Strecke bleiben
Der englische Philosoph Thomas Hobbes prägte im 17. Jahrhundert das Bild, der Mensch sei dem Menschen ein Wolf. Dem widerspricht die Naturforschung nur bedingt. Der niederländische Primatenforscher Frans de Waal sagt, von Natur aus sei der Mensch ein Tier, das in Kleingruppen denke. Kooperativ und liebevoll sei er fast ausschließlich zu den Mitgliedern jener Gruppe, der er sich zugehörig fühle. In überschaubaren Gruppen hat der Altruismus also seinen Platz, für größere, anonyme Gemeinwesen taugt er nicht als Organisationsprinzip.
Und dennoch gilt: Auch in Gesellschaften, die auf Eigennutz basieren, muß das Gemeinwohl nicht auf der Strecke bleiben. Seit Adam Smith ist der Eigennutz rehabilitiert als gutes Organisationsprinzip einer freien Gesellschaft in einer Welt, in der die Ressourcen und Güter begrenzt sind und in der daher ein steter Kampf um die Verteilung dieser Güter stattfindet. Der schottische Moralphilosoph Smith beschrieb 1776, welche Vorteile ein so mächtiger natürlicher Trieb wie der Eigennutz für das Fortkommen einer Gesellschaft hat: Nicht vom Wohlwollen des Fleischers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von der Bedachtnahme auf das eigene Interesse. Anders als die meisten anderen Lebewesen sei der Mensch auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen, und er werde auf diese vergeblich hoffen, wenn er sich nur auf den guten Willen verlasse. Erfolgversprechender sei es, ihr Eigeninteresse zu seinen Gunsten zu wecken, und ihnen - über ein Tauschgeschäft - klarzumachen, daß die Hilfe auch für den anderen von Nutzen ist, erläutert Smith in seinem Buch Der Wohlstand der Nationen.
Eigennutz dient auch Gemeinwohl
Für den Ausgleich der unterschiedlichen Interessen sorgt die unsichtbare Hand des Marktes. Denn die bei einem freiwilligen Tausch sich ergebenden Preise dienen den Marktteilnehmern als Signale, an denen sie sich orientieren können. Als Geniestreich bezeichnete der kürzlich verstorbene Nobelpreisträger Milton Friedman die Erkenntnis von Smith, daß sich über frei auf dem Markt gebildete Preise die eigennützigen Handlungen von Millionen Menschen so koordinieren lassen, daß am Ende alle besser dastehen.
Die so gebildete Wirtschaftsordnung hat einen erheblichen Vorteil: Sie läßt den Bürgern größtmögliche Freiheit in ihren Entscheidungen. Woraus sie ihren Nutzen und ihre Lebensfreude ziehen, wissen sie schließlich selbst am besten. Daß sich ihr Streben längst nicht nur auf materielle Werte richtet, hat ein Jahrhundert nach Smith der Ökonom John Stuart Mill auf den Punkt gebracht: Menschen handeln immer, um ihr eigenes Vergnügen zu maximieren, aber zu ihren Vergnügen kann es gehören, das Gemeinwohl zu steigern. So verstanden, verhalten sich also auch Mäzene, Stifter oder gar Wohltäter wie Mutter Teresa eigennützig.
Staat gewährleistet Transparenz durch Regeln
Ein weiterer Vorteil: Damit diese Ordnung funktioniert, bedarf es nur eines vergleichsweise kleinen Staatsapparats. Denn der Staat steuert das Geschehen nicht als Teilnehmer am Markt, er plant weder Produktion noch Nachfrage. Der Staat steuert durch Regeln und gewährleistet so die notwendige Transparenz, die Vertragstreue, den Eigentumsschutz und die Freiwilligkeit des Tauschs, ohne die der Markt nicht funktionieren kann. Der Staat hat außerdem die Aufgabe, diejenigen zu schützen, die am Markt - unverschuldet - nicht mithalten können. Allerdings muß er auch beim Aufbau eines sozialen Sicherungsnetzes die Kraft des Eigennutzes berücksichtigen und seine Hilfen vor der Ausbeutung durch das nutzenmaximierende Individuum schützen. Denn natürlich fließt die Möglichkeit, mit staatlicher Hilfe ein auskömmliches Leben jenseits der Mühen des Marktes zu führen, in das Kalkül ein.
Eigennutz ist als ordnende Kraft auch in der Weltwirtschaft oft staatlichem Druck überlegen. Aus Eigeninteresse senken Länder Zollschranken, um freien Zugang zu lukrativen Märkten zu erhalten. Vergeblich versucht die Staatengemeinschaft seit langem, China zum Schutz geistigen Eigentums zu verpflichten. Intel-Aufsichtsratschef Craig Barrett hingegen hält diesen Weg nicht für erfolgversprechend. Erst wenn China eine eigene Software-Industrie aufgebaut habe, werde das Land - schon aus Eigennutz - für den Schutz von Patentrechten sorgen.
Eine gute Ordnung, wie sie die Soziale Marktwirtschaft in Deutschland verkörpert, baut dem Eigennutz eine Brücke zum Gemeinnutz, ohne daß es dazu den neuen Menschen braucht, den der Sozialismus fordert. Das gelingt natürlich nie vollkommen. Auswüchse des Gewinnstrebens, wie sie sich in der Siemens-Korruptionsaffäre gerade wieder andeuten, wird es immer geben. Sie sind der Preis für eine freie Gesellschaft, die den Menschen nimmt, wie er ist.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.12.2006, Nr. 51 / Seite 52
Bildmaterial: F.A.Z.-Fosshag
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