Japan vor dem G-8-Gipfel

Hokkaido im Ausnahmezustand

Von Patrick Welter

“Shut down G8“ fordert diese Aktivistin in Sapporo

"Shut down G8" fordert diese Aktivistin in Sapporo

05. Juli 2008 Freundlich nähert sich ein junger Japaner im schwarzen Anzug dem deutschen Korrespondenten, der den Flughafen Chitose in der Nähe von Sapporo verlassen will. Wie ein amerikanischer Cop zeigt er seine Dienstmarke und gibt sich als Polizist zu erkennen. Wohin es gehe, was man vorhabe und wie lange man bleiben wolle, fragt er und blickt nur kurz auf die Registrierungskarte des japanischen Außenministeriums. Schriftlich hält er die Ankunftszeit auf Hokkaido fest, wo im Örtchen Toyako am Montag der Weltwirtschaftsgipfel beginnen wird.

Ein Großaufgebot von Sicherheitskräften kündigt das G-8-Treffen mit insgesamt 22 Staats- und Regierungschefs an. Zwar hat sich Sapporo mit viel Blumenschmuck herausgeputzt, und an nahezu jeder Ecke weist ein grün lachendes Maskottchen, das die Insel Hokkaido symbolisieren soll, auf den Weltwirtschaftsgipfel hin. Das Alltagsleben aber geht noch seinen normalen Gang. Über der Innenstadt kreisen Hubschrauber; in den Straßen stehen zahlreiche Polizisten. Sapporo beherbergt zehn der anreisenden Länderdelegationen und die Vertreter von vier internationalen Organisationen. Sie werden von dort per Hubschrauber zu den Gesprächen im Hotel Windsor anreisen.

Zeltplätze für Aktivisten

Gerangel in Sapporo: 21.000 Polizisten sind im Einsatz

Gerangel in Sapporo: 21.000 Polizisten sind im Einsatz

Sapporo beherbergt auch Teile der politischen Aktivisten von Nichtregierungsorganisationen, von denen insgesamt rund 20.000 erwartet werden. Ihnen sind auf Hokkaido fünf Zeltplätze zugewiesen, etwa zwanzig Kilometer vom Gipfelhotel entfernt. Bislang sind die Protestreisenden im Straßenbild Sapporos noch kaum auszumachen. Kleinere Demonstrationen wurden von der Polizei rigoros abgeschirmt und verliefen friedlich. Am Samstag haben mehrere tausend Menschen gegen Armut und Krieg demonstriert. Örtlichen Medien zufolge versammelten sich schätzungsweise 5000 Menschen bei der größten Kundgebung zum G8-
Gipfel in einem Park der nordjapanischen Stadt Sapporo, darunter Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Bürgergruppen. Die Veranstalter hatten 10.000 Teilnehmer erwartet. Am vergangenen Wochenende in Tokio gingen bei einer ähnlich groß angekündigten Veranstaltung nur 1500 Menschen auf die Straße; acht Demonstranten wurden zeitweise festgesetzt.

Rund 21.000 Sicherheitskräfte, davon 16.000 aus anderen Präfekturen, sorgen nach offiziellen Angaben auf Hokkaido für die Sicherheit der Gipfelteilnehmer. Die Hälfte der nach Angaben des Außenministeriums 60 Milliarden Yen (rund 364 Millionen Euro), die der Weltwirtschaftsgipfel das Gastgeberland kosten soll, gehen für die Sicherheit drauf. Auch die Wahl des Tagungsortes Toyako in der Nordprovinz Hokkaido traf Japan aus Sicherheitsgründen. Das nur über eine Straße zu erreichende, 625 Meter hoch liegende Tagungshotel Windsor liegt gut abgeschirmt. Wirtschaftliche Gründe aber, wie etwa eine Förderung der armen Präfektur, spielten keine Rolle.

„Wir hatten die Hand nicht gehoben“

Hokkaido war erst erschrocken, als es der damalige Ministerpräsident Shinzo Abe 2007 zum Tagungsort erklärte. "Wir hatten die Hand nicht gehoben", sagt der Leiter des Vorbereitungskomitees der Stadt Sapporo, Chikara Inoue. Dann aber einigte sich die Präfektur mit der Regierung, dass Hokkaido zum Ausgleich der Kosten bei Förderprogrammen "etwas besser" berücksichtigt werde. Die Präfektur gibt 2,2 Milliarden Yen (rund 12 Millionen Euro) für den Gipfel aus.

Tourismus ist die größte Einnahmequelle der Insel, die Chinesen, Taiwaner und Südkoreaner, aber auch Japaner anzieht. Nun hofft man auf einen Schub durch das G-8-Treffen. Die Internationalisierung, die die Olympischen Winterspiele 1972 in Sapporo der Stadt gebracht hätten, solle der Weltwirtschaftsgipfel in Toyako nun für die ganze Insel Hokkaido bringen, sagt Masaharu Watanabe von der Tourismusbehörde der Präfektur. Was sich dazu ändern muss? "Vielleicht geht es ja nur mir so, aber die Menschen von Hokkaido sind ein wenig schüchtern und reden nicht so gut."

Der Wirtschaftsverband von Hokkaido erwartet, dass der Weltwirtschaftsgipfel der Präfektur über fünf Jahre einen Nachfrageschub von umgerechnet mehr als 200 Millionen Euro bescheren soll, vor allem im Tourismus. Hokkaido trägt rund 4 Prozent zur japanischen Wirtschaftsleistung bei, macht aber 22 Prozent der Landfläche aus. Mit rund 18 Prozent erwirtschaftet die Industrie rund 10 Prozentpunkte weniger der Wirtschaftskraft als im Landesdurchschnitt. Einen gewissen Aufschwung erlebt angesichts der steigenden Energiepreise derzeit die Kohleförderung auf der Insel, die lange fast brach lag. Von den gestiegenen Nahrungsmittelpreisen, auch ein Thema auf dem Weltwirtschaftsgipfel, profitiere das agrarintensiv wirtschaftende Hokkaido aber wenig.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, REUTERS

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