Klimaschutz

"Emissionsrechte zu verschenken ist eine ganz schlechte Idee"

Von Holger Schmidt

Nicholas Stern

Nicholas Stern

30. September 2008 Nicholas Stern ist über jeden Verdacht erhaben, ein grüner Ideologe zu sein. Gerade deshalb hat das Wort des Londoner Ökonomieprofessors und ehemaligen Chefökonomen der Weltbank so viel Gewicht in der Klimaschutzdebatte. Sein "Stern Review" im Auftrag der britischen Regierung hat schon 2006 klargemacht: Die Folgen eines ungebremsten Klimawandels sind für die Menschheit weit teurer als die Senkung der Treibhausgas-Emissionen. Nun verschärft er seine Mahnung: "Neuere Untersuchungen haben ergeben, dass wir die Emissionen schneller senken müssen, als im Stern-Report angenommen wurde. Wir haben verstanden, dass die Welt ihre Emissionen bis zum Jahr 2050 um mindestens 50 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 senken muss, um gefährliche Temperaturanstiege zu verhindern", sagte Stern dieser Zeitung. 50 Prozent Reduktion bis zum Jahr 2050 bedeute bei dann rund 9 Milliarden Menschen auf der Erde durchschnittlich etwa zwei Tonnen Treibhausgas-Emissionen je Bewohner im Jahr. Heute betragen die Emissionen je Kopf in den Vereinigten Staaten rund zwanzig Tonnen, in Deutschland etwa zehn Tonnen und in China schon vier Tonnen.

Klimaschutz kostet bis zu 2 Prozent des Welt-BIP

Im Stern-Report wurde noch 2006 als Ziel eine Stabilisierung der Konzentration der Treibhausgase zwischen 450 und 550 Teilchen je eine Million Teilchen (ppm) in der Atmosphäre angegeben. "Inzwischen steht aber fest: 550 ppm ist zu hoch. Die Konzentration sollte unter 500 bleiben", sagte Stern am Rande des neunten Sustainability Leadership Symposium in Rüschlikon bei Zürich. Die Konzentration ist seit der vorindustriellen Zeit schon von 280 auf rund 390 ppm gestiegen. "Jedes Jahr kommen 3 bis 4 ppm hinzu, wenn wir so weitermachen wie bisher", sagte Stern. Das bedeutet: Ohne Klimaschutz wird schon im Jahr 2040 die kritische Größe von 500 ppm überschritten.

Da die Emissionen schneller gesenkt werden müssen als gedacht, steigen die Kosten des Klimaschutzes: "Statt der ursprünglich errechneten Kosten von einem Prozent des jährlichen Bruttoinlandsproduktes (BIP) der Welt können die Kosten nun bis zu zwei Prozent des Welt-BIP ausmachen", sagte Stern. Das sei aber immer noch billiger als der Klimawandel, der mindestens fünf Prozent des jährlichen Welt-BIP kosten werde. "Die Anpassung an den ungebremsten Klimawandel ist keine Option. Das wäre verrückt", sagte Stern, obwohl ihm einige Kritiker vorgeworfen hatten, die Schäden des Klimawandels zu hoch anzusetzen.

50 Euro je Tonne CO2 setzen nötige Impulse

Um die Kohlendioxid-Emissionen zu senken, setzt der Ökonom auf die Kraft der Märkte, am besten in Form eines globalen Handelssystems mit Emissionsrechten. Aber auch andere Instrumente wie eine Kohlendioxidsteuer seien sinnvoll. "Entscheidend ist, dass Kohlendioxid einen Preis hat. Zurzeit liegt dieser zwischen 35 und 40 Euro je Tonne Kohlendioxid. Der Preis wird mit zunehmendem Klimaschutz steigen. 50 Euro je Tonne können schon reichen, um die richtigen Anreize zu setzen", sagte Stern. Je höher der Preis, desto schneller lohnen sich Investitionen in neue Energietechniken, alternative Fahrzeugantriebe oder Wärmedämmung, um die Emissionen zu senken.

Generell sei es für ein Land gut, die Pionierrolle im Klimaschutz zu übernehmen. "Aber man muss sich hüten, zu generell zu argumentieren. Viele Techniken wie die Photovoltaik, die entwickelt werden, sind hinterher ein öffentliches Gut und stehen allen zur Verfügung. Andere Techniken bringen nur den Pionieren Vorteile. Aber die Länder sollten sich nicht zu große Sorgen um ihre Vorreiterrolle machen. Die Vorteile des Pioniers werden größer sein als mögliche Wettbewerbsnachteile in einigen Sektoren", sagte Stern.

Kurs auf industrielle Revolution

Der rasante technische Fortschritt der vergangenen beiden Jahre könne die Kosten des Klimaschutzes senken. "Die ersten Solarfirmen gehen davon aus, im kommenden Jahr Strom genauso günstig produzieren zu können wie herkömmliche Kraftwerke. In den Vereinigten Staaten waren im vergangenen Jahr 35 Prozent der neu installierten Energiekapazität Windkraft. Auch in der Geothermie werden große Fortschritte gemacht oder in der Autoindustrie, die sich plötzlich sehr schnell wandelt. Das Tempo der Veränderung zeigt: Wir können den Kurs einer industriellen Revolution einschlagen. Das schafft enorme Möglichkeiten, das Klima zu schützen", sagte Stern.

Aus der Diskussion über die richtigen Energiequellen und Techniken hält sich der Ökonom aber lieber heraus. "Wichtig ist, dass Kohlendioxid-Emissionen vermieden werden, dass die Emissionen einen Preis haben und dass der technische Fortschritt vorangetrieben wird. Die Länder gehen dabei unterschiedliche Wege. Einige mögen die Atomkraft, andere nicht. Solange sie die Kohlendioxid-Emissionen senken, ist es gut. Erneuerbare Energien sind aber sehr attraktiv. Und der technische Fortschritt ist dort schneller als in der Atomkraft", sagte Stern. Er lobte das System der Einspeisevergütungen für Strom aus erneuerbaren Energien. "Das System schafft klare und kalkulierbare Anreize für Investoren, ohne ihnen das Risiko komplett abzunehmen. Diese Vergütungen sind ein gutes Beispiel, wie die Märkte funktionieren", sagte Stern.

Alle Emissionsrechte versteigern

Dagegen könne eine schlechte Klimapolitik die Kosten des Klimaschutzes über die jährlichen zwei Prozent des BIP hinaus erhöhen. "Schlechte Politik heißt, Länder oder Industriezweige vom Emissionsrechtehandel auszunehmen", sagte Stern. Auf mittlere Sicht, also in etwa zehn Jahren, sollten daher alle Emissionsrechte versteigert werden. "Im Stromsektor, der vorwiegend national organisiert ist, sollten alle Rechte so schnell wie möglich versteigert werden. Die Zertifikate zu verschenken heißt, den Emittenten öffentliches Geld zu geben, was wohl niemand als gerecht empfindet. Zudem verzögern kostenlose Zertifikate die notwendigen Anpassungsprozesse und verzerren den Wettbewerb zugunsten der großen, etablierten Versorger", sagte Stern.

Er weiß allerdings auch um die Nöte der energieintensiven Industriezweige wie Stahl oder Aluminium, deren Produkte international gehandelt werden. Eine Möglichkeit, den Wettbewerb nicht zu verzerren, seien daher internationale Branchenvereinbarungen. Darin verpflichteten sich die Länder, Klimaschutzstandards in diesen Branchen einzuhalten. Eine andere Idee sei, die Zertifikate in diesen Sektoren erst schrittweise zu versteigern, um das Anpassungstempo zu senken. "Dabei darf aber nicht aus den Augen verloren werden: Das Ziel muss eine komplette Versteigerung der Rechte sein. Emissionsrechte zu verschenken ist aus ökonomischer Sicht eine ganz schlechte Idee", sagte Stern. In zwanzig Jahren könne das Volumen des Emissionshandels daher schon Hunderte Milliarden Dollar in aller Welt betragen.

CCS ist für China und Indien unerlässlich

Ein hoher Ölpreis senke die Kosten des Klimaschutzes, denn das Umsteigen auf erneuerbare Energien werde angeregt. Ein Preis von 40 Dollar für eine Tonne Kohlendioxid entspreche etwa 15 Dollar je Fass Öl oder 40 Cent je amerikanische Gallone (3,8 Liter). "Aber ein hoher Ölpreis ersetzt nicht die Notwendigkeit, dem Kohlenstoff einen Preis zuzuordnen." Ein Preis für das Kohlendioxid sei auch zwingende Voraussetzung, um Anreize für die Abspaltung und Speicherung des Treibhausgases in Kohlekraftwerken zu geben. "Heute ist die Abspaltung und Lagerung von Kohlendioxid in der Stromproduktion teurer als die Emission des Kohlendioxids. Ein Preis für Kohlendioxid könnte die Abspaltung eventuell finanzieren", sagte Stern. Er hält den Einsatz dieser CCS-Technik - die Abkürzung steht für Carbon Capture and Storage - in den Schwellenländern für zwingend notwendig. "Kohle wird in vielen Ländern wie China oder Indien in den kommenden zwanzig oder dreißig Jahren unverzichtbar für die Energieversorgung sein. Ohne die Abspaltung des Kohlendioxids in der Stromproduktion wird die Möglichkeit, die Emissionen dort zu drosseln, sehr begrenzt sein", sagte Stern. Viele Länder und Unternehmen erforschen diese Technik zurzeit. Er drängt sie zur Eile: "Ergebnisse müssen sehr viel schneller vorliegen als erst im Jahr 2020. Deswegen halte ich es auch für sinnvoll, dass der Staat diese Technik unterstützt, zum Beispiel mit Preisgarantien. Denn solange diese Technik nicht in den Industrieländern läuft, wird es sehr schwer, den Einsatz der Technik von China zu verlangen", sagte Stern.

Amerika bringt Wende in der globalen Klimapolitik

Er erwartet, dass China schon bald beim globalen Klimaschutz mitmacht. "China versteht sehr gut, wie verwundbar das Land gegenüber dem Klimawandel ist. Klimaschutz und Wirtschaftsentwicklung sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn wir im Klimaschutz nicht vorankommen, untergraben wir alle Entwicklungserfolge", sagte Stern, der große Hoffnungen auf die Weltklimakonferenz in Kopenhagen im kommenden Jahr setzt. "Das wird die wichtigste internationale Konferenz seit dem Zweiten Weltkrieg. Wie sich die großen Länder dort verhalten, wird entscheidend sein für den Klimaschutz", sagte Stern. Besonders wichtig werde ein glaubwürdiges Verhalten der Vereinigten Staaten sein. "Beide Kandidaten für die amerikanische Präsidentschaft, Barack Obama und John McCain, sind sich dieser Rolle sehr bewusst. Ich erwarte daher einen Wandel der Klimapolitik der Vereinigten Staaten in der ersten Hälfte 2009", sagte Stern.

Im Dezember 2009 soll dann in der dänischen Hauptstadt der Nachfolger des Kyoto-Protokolls beschlossen werden. Viele Entwicklungen zeigen nach Sterns Ansicht in die richtige Richtung: "Die Selbstverpflichtung der Europäischen Union, die geplante Einführung eines Emissionshandels in den Vereinigten Staaten oder die Initiativen in China und Indien treiben den Klimaschutz voran. Was wir jetzt brauchen, ist ein ,globaler Deal' im Klimaschutz. Und er muss schnell kommen. Wenn Kopenhagen scheitert, haben wir fünf oder zehn Jahre Stillstand, was die Situation viel schlimmer macht. Eine Verzögerung kommt die Welt teuer zu stehen. Zum Beispiel würde ein Scheitern in Kopenhagen die Kohlenstoffmärkte in aller Welt kollabieren lassen", sagte Stern.

Der „global Deal“ für den Klimaschutz

Für seinen "globalen Deal" in Kopenhagen nannte er fünf Punkte:

- Die reichen Industrieländer sollten sich verpflichten, ihre Emissionen bis 2050 um 80 bis 90 Prozent gegenüber dem Niveau des Jahres 1990 zu senken.

- Ein internationaler Handel mit Emissionsrechten sollte eingeführt werden, um dem Kohlendioxid möglichst schnell in vielen Ländern und vielen Sektoren einen Preis zuzuordnen.

- Internationale Finanzhilfen sollten die Abholzung der Wälder möglichst schnell stoppen.

- Anreize für die Entwicklung neuer Techniken müssten gesetzt werden.

- Diese moderne Klimaschutztechnik soll möglichst schnell in den Entwicklungs- und Schwellenländern angewendet werden. Ein Instrument dafür sei die Anrechnung der im Ausland erbrachten Emissionsreduktion auf das heimische Klimaschutzziel. Das Volumen dieser Projekte sei aber heute viel zu gering. Notwendig seien richtige Programme, um die internationale Zusammenarbeit in großem Stil voranzutreiben. Dazu gehören auch Großprojekte wie öffentliche Transportsysteme. Schließlich stehe der Transportsektor vor ebenso radikalen Änderungen wie die Stromproduktion.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Holger Schmidt

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