Bis zu 18 neue Atomkraftwerke

Großbritannien treibt Kernkraftausbau voran

Von Bettina Schulz und Werner Sturbeck

06. März 2008 Die britische Regierung hat einheimische und internationale Unternehmen aufgefordert, innerhalb der kommenden vier Wochen zu sagen, ob und an welchen Standorten sie am Bau neuer Kernkraftwerke interessiert sind. Die britische Nuclear Decommissioning Authority stellt für das Programm zum Bau neuer Reaktoren bis zu 18 mögliche Standorte mit umfangreichem Baugelände zum Verkauf. Bis zum 3. April sollen sich interessierte Konzerne melden, die sich an dem Bauprogramm einer neuen Generation von Kernreaktoren beteiligen wollen.

Die britische Regierung unter Premierminister Gordon Brown forciert einen erheblichen Ausbau der Kernenergie. Sie will die neue Generation der Reaktoren so schnell wie möglich errichten und in Betrieb nehmen. Zwar werden nahezu alle derzeitigen alten Kernkraftwerke stillgelegt, was den Anteil der Kernenergie an der britischen Elektrizitätsgewinnung von 19 auf 6 Prozent schrumpfen lässt. Mit der neuen Generation Kraftwerke, deren erste Reaktoren nach dem Wunsch der britischen Regierung schon 2018 in Betrieb genommen werden sollen, könnte sich der Anteil der Kernkraft an der britischen Elektrizitätsgewinnung jedoch über das jetzige Maß hin ausweiten.

Ambitioniertes Programm

Nachdem die Briten ihr ambitioniertes Programm offengelegt haben und die Regierung versprochen hat, das Planungsverfahren zu beschleunigen, sei von ausländischen Unternehmen erhebliches Interesse signalisiert worden, heißt es im zuständigen Ministerium, dem Department for Business, Enterprise & Regulatory Reform (Berr). Das deutsche Energieunternehmen Eon, hat schon angekündigt, sich an dem Bauprogramm in Großbritannien beteiligen zu wollen.

Auch der RWE-Konzern, der in Großbritannien drittgrößter Stromanbieter ist, zeigt sich interessiert an den Kernkraftwerksprojekten. Der RWE Vorstandsvorsitzende Jürgen Großmann sagte, sein Unternehmen müsse fast ein Drittel des in England abgesetzten Stromes zukaufen und werde dafür eigene Kapazitäten errichten. Das werde mit Windkraft und Gas, wenn möglich aber auch mit Kernenergie erfolgen. „Die möglichen Standorte werden wir uns jetzt genau angucken“, sagte Großmann der F.A.Z. Neben Eon und RWE sind es vor allem British Energy, die französische EDF Energy, Centrica und die spanische Iberdrola, die Bauvorhaben erwägen.

Kernkraft zur CO2-Minderung

Wenn die Unternehmen ein konkretes Interesse für bestimmte Standorte gezeigt haben, werden die Nuclear Decommissioning Authority und das Ministerium Berr ausloten, welche weitere Strategie verfolgt werden muss. Im Rahmen einer strategischen Standortprüfung prüft die Regierung, welche Bauvorhaben an welchen Standorten beste Voraussetzungen haben. Da alle Baugelände neben existierenden Kraftwerken liegen, will die Regierung ein vereinfachtes Planungsverfahren durchsetzen, das nicht annähernd so lange Zeit in Anspruch nehmen dürfte, wie dies in Deutschland der Fall wäre.

Großbritannien treibt den Ausbau der Kernkraft voran, weil es andernfalls geplante Grenzwerte für den Ausstoß von Treibhausgasen in Zukunft nicht einhalten könnte und weil das Land unabhängiger von der Energieeinfuhr aus dem Ausland werden will. Großbritannien hat in den vergangenen Jahren immer wieder kritisiert, dass es aus Kontinentaleuropa überteuerten Strom importieren müsse, weil dort der Wettbewerb nicht funktioniere. Die für den Neubau interessanten Standorte liegen weitgehend in England. In Schottland gibt es Widerstand gegen den Bau neuer Kernkraftwerke.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

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