02. Oktober 2008 An diesem Donnerstag beginnt in Darmstadt die Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie. Mitten in der Finanzkrise fordert die IG Metall 8 Prozent mehr Lohn. Denn, so glaubt IG-Metall-Chef Huber, Tarifpolitik kann die Probleme des Finanzsystems nicht lösen. Ein Interview.
Das Weltfinanzsystem wird gerade in seinen Grundfesten erschüttert. Inwieweit kann man da überhaupt noch eine normale“ Tarifrunde führen?
Eines muss klar sein: Tarifpolitik kann die Probleme des Finanzsystems nicht lösen. Man muss sich mal die Dimensionen deutlich machen: Die Bundesregierung übernimmt über Nacht eine Bürgschaft für eine Bank, die sie mehr als 26 Milliarden Euro kosten kann. Unsere Tarifforderung für 3,5 Millionen Menschen umfasst ein maximalesVolumen von 14,4 Milliarden Euro. Und an dieser Forderung, wohlgemerkt nicht dem Abschluss, soll die Welt zerbrechen? Entschuldigung, aber das kann doch nicht ernst gemeint sein.
Passt denn die höchste Lohnforderung seit 16 Jahren wirklich noch in die Zeit?
Mir ist schon klar, dass die Unternehmer über die 8 Prozent stöhnen. Aber eine Gewerkschaft muss nahe bei den Leuten sein. Und das Gefühl an der Basis ist eher über 8 Prozent als darunter. Wir sind doch weder beim Politbüro angesiedelt, noch sind wir der Transmissionsriemen der Wirtschaft, sondern wir vertreten die Interessen unserer Mitglieder. Früher hat man uns vorgeworfen, wir seien ein monolithischer Block, der die Lohnforderung von oben diktiert. Jetzt führen wir so viele Mitgliederbefragungen und -versammlungen wie noch nie in den letzten fünfzig Jahren durch und dann ist es auch wieder nicht recht.
Lediglich die Hälfte ihrer Forderung fußt auf den traditionellen Komponenten Inflation und Produktivität, den Rest begründen sie mit einem Nachschlag für die Vergangenheit in Form eines Gerechtigkeitsausgleiches. Ist das angesichts des immer düsterer werdenden Umfelds nicht wirklich von gestern?
Nein, die Forderung steht im Hier und Heute. In den letzten Jahren haben wir möglicherweise die spezifische Branchenentwicklung in der Metallindustrie nicht in der notwendigen Konsequenz reklamiert. Die Metallwirtschaft ist doch der Motor der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung gewesen. Hier wird der Wohlstand des Landes entschieden. Von wegen alte Industrie – die Amerikaner würden sich die Fingern nach der deutsche Metall- und Elektroindustrie lecken. Und einige Leute müssten sich heute die Zunge abbeißen, die noch vor einigen Jahren den Untergang der Branche heraufbeschworen haben. Die Nettoumsatzrendite der Unternehmen in unserer Branche ist mit 4,2 Prozent im Durchschnitt ist die höchste seit 1970. Deshalb hält die Hälfte unserer Mitglieder die 8 Prozent für zu wenig. Und ich habe nicht vor, die Menschen zu verlieren, noch bevor wir am Verhandlungstisch sind, und auch nicht danach.
Arbeitgeberpräsident Martin Kannegiesser zitierte seine Mitglieder mit dem Ausspruch, Sie hätten nicht alle Tassen im Schrank“.
Wenn man mich meint, dann kann ich damit leben. Aber das zielt doch auf unsere Mitglieder ab. Auf Menschen, die mit Ihrer Arbeit zum gigantischen Erfolg unserer Industrie beigetragen haben.
Die Forschungsinstitute senken reihenweise ihre Konjunkturprognosen. Selbst das gewerkschaftseigene IMK spricht nur noch von 0,9 Prozent im kommenden Jahr und einer langen Rezession . . .
. . . und der BDI-Präsident sprach noch vor wenigen Tagen davon, dass 2 Prozent Wachstum möglich sind. Diese Aussagen sind alle sehr volatil.
Aber würden Sie zustimmen, dass wir in sehr unsichere Zeiten hineinsteuern?
Ja, wir sind schon mittendrin. In der Realwirtschaft haben wir aber doch solide Verhältnisse. Ich sage nicht, dass es immer nur nach oben gehen wird. Aber ich weiß, dass unsere vielbeschworene Altindustrie mit ihrer Fertigung und Innovationskraft dieses Land nach vorne getrieben hat. Schauen sie sich doch Länder wie die Vereinigten Staaten und Großbritannien an, die das aufs Spiel gesetzt haben. Das ist doch ein Desaster.
Was ist, wenn im Falle einer Kreditklemme der Mittelstand von den Banken kein Geld mehr bekommt? Dann bringen auch volle Auftragsbücher nichts mehr.
Ich kenne bisher keine Fälle von soliden Unternehmen in Deutschland, die keine Kredite mehr erhalten. Außerdem ist die Eigenkapitalquote der deutschen Unternehmen in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Das beklage ich auch nicht, sondern halte es für richtig.
Sie werfen den Arbeitgebern zu geringe Löhne vor, auf der anderen Seite finden sie es richtig, wenn Geld in Rücklagen fließ. Aber auch der Unternehmer kann den Euro nur einmal ausgeben.
Ja, haben die denn etwa kein Geld verdient? Ein Prozent weniger Nettoumsatzrendite bringt rund 10 Milliarden Euro. Da können sie ja fast die ganze Forderung mit finanzieren. Es geht uns um einen fairen Ausgleich, deshalb haben wir so eine hohe Zustimmung.
Warum können Sie Ihren Mitgliedern nicht die Vorteile einer gemäßigten Lohnerhöhung klarmachen, die an eine Gewinnbeteiligung gekoppelt ist. Wenn es gutgeht, bekommen sie einen Nachschlag, wenn nicht, gefährden die Lohnkosten weniger den Arbeitsplatz.
Den Menschen können Sie eine solche Ergebnisbeteiligung schon klarmachen – aber den Arbeitgebern nicht. Als wir im Jahr 2004 eine tarifliche Öffnungsklausel im Pforzheimer Modell vereinbarten, hatten wir noch etwas zweites auf den Tisch gelegt, das weit größere betriebliche Spielräume eröffnet hätte. Doch das haben die Arbeitgeber mit großer Mehrheit abgelehnt, weil sie sich nicht in die Bücher und Zahlen schauen lassen wollen. Ich bin es leid, von der Arbeitgebern immer nur zu hören: Das geht nicht. Die sollen mal sagen, was sie wirklich bereit sind zu tun.
Sie kündigen schon vor den Verhandlungen Warnstreiks für Anfang November an, der Arbeitgeberpräsident antwortet mit Kraftausdrücken. Hat sich der Ton in den Tarifverhandlungen verschärft?
Ja, das hat er. Aber Streik bleibt nach wie vor die Ultima Ratio, alles andere wäre fahrlässig. Da sind mir einige Kollegen mit den Ankündigungen etwas zu voreilig gewesen. Wir haben aus der Kritik der letzten Jahre gelernt und wollen Schluss machen mit Verhandlungsritualen. Wir streben deshalb im Oktober einen Abschluss an. Warnstreiks sind für uns kein Selbstzweck und die Forderung ist nicht komplex, es geht nur um Geld. Ich bin gespannt, ob die Arbeitgeber das hinkriegen.
Müssen Sie nicht viel eher bis Weihnachten durch sein, weil eine erneute Mobilisierung im Januar schwer wäre?
Nein, das wäre gar nicht schwer. Aber das würde dem Land und der Wirtschaft nicht guttun. Die Unternehmen brauchen Planungssicherheit und die Menschen Lebenssicherheit. Man wird doch nicht schlauer, wenn man sich wochenlang beschimpft. In diesen unsicheren Zeiten ist es wichtig, dass man schnell für Klarheit sorgt. Die nächsten vier, fünf Wochen muss ein ordentliches Angebot vorliegen.
Und wenn nicht, dann wird schnell der Druck an der Basis erhöht?
Das brauchen wir nicht, der ist schon extrem hoch. Ich will das mal ohne taktisches Kalkül sagen: Ich habe selten so viel Druck verspürt.
Das Gespräch führte Sven Astheimer
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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