Von Klaus W. Bender
17. Juli 2005 Werden Zentralbanker auf das ungeliebte Thema Falschgeld angesprochen, bemühen sie statt klarer Antworten gern die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Danach hat der Bürger größere Chancen, im Lotto einen "Sechser" zu erzielen, als je im Leben eine gefälschte Banknote angedreht zu bekommen. Zumindest im Einzelhandel scheint es aber von "Falschgeld-Lottokönigen" nur so zu wimmeln.
Regelmäßige Befragungen beim Einkauf in Deutschland oder Frankreich ergeben in den letzten Monaten eine Vielzahl von Falschgeldfällen, mit einer Häufung gerade in jüngster Zeit - mehrheitlich bei 50- oder 100-Euro-Noten. Während deutsche Einzelhändler allerdings behaupten, sie behielten falsche Euro-Noten ein und übergäben sie der Polizei, reichen französische Kollegen einen beanstandeten Geldschein offenbar lieber an den damit zahlenden Kunden zurück. Die Zeiten sind schwer, und keiner möchte es mit der Kundschaft verderben.
Einzelhändler reichen Fälschungen weiter
Ein deutscher Einzelhändler aus dem Raum Frankfurt gestand allerdings gegen Zusicherung strikter Anonymität, daß er inzwischen falsche Euro-Noten wieder in Umlauf gebe, wenn ihre Fälschungsqualität dies erlaube. Der Mann rechtfertigt sein - strafbares - Handeln damit, daß sich gerade die Fälle hervorragend gefälschter 50-Euro-Noten bei ihm derart gehäuft hätten, daß er nicht länger den wirtschaftlichen Schaden hinnehmen wolle.
Der Europäischen Zentralbank (EZB) zufolge wurden im Jahr 2004 innerhalb und außerhalb des Euro-Raums insgesamt rund 594.000 Stück falsche Euro-Noten oder 8Prozent mehr Falschgeld aus dem Zahlungsverkehr genommen als im Jahr zuvor. Das sind 66 aufgegriffene Falschgeldnoten je eine Million umlaufender Banknoten im gesamten Euro-Raum. Schätzungen für den Dollar gehen von etwa 200 Falschgeldnoten je eine Million umlaufender "Greenback" aus; die genaue Zahl ist geheim.
34,4 Millionen Euro Schaden
Im internationalen Vergleich stehe der Euro gut da, lautete zum Jahresauftakt 2005 die beruhigende Botschaft aus Frankfurt, die Fälschungen gingen zurück. Bezogen auf die Stückzahl sei 2003 die höchste Zuwachsrate und 2004 der höchste absolute Stand an Euro-Fälschungen erreicht worden. Dabei überging die EZB geflissentlich, daß im Jahr 2004 der durch das Falschgeld entstandene volkswirtschaftliche Schaden auf 34,4 (2003: 26,5) Millionen Euro weiter kräftig gestiegen ist. Es ist diese Summe, die den Bürger vor allem interessiert. Keiner ersetzt ihm nämlich den Schaden, wenn er sich eine falsche Euro-Note hat andrehen lassen - und diese der Polizei aushändigt.
Die Deutsche Bundesbank meldete für 2004 einen Anstieg der aus dem Zahlungsverkehr gezogenen falschen Euro-Noten um beachtliche 62Prozent auf 81000 Stück, mit einem wertmäßigen Anstieg des daraus resultierenden Schadens um 80 Prozent auf 6,1 Millionen Euro. Die Zahl der aufgegriffenen falschen Euro-Noten ist inzwischen weit mehr als doppelt so hoch wie zu Zeiten der letzten DM-Serie. Eine ähnlich beunruhigende Entwicklung zeigt die Statistik der Oesterreichischen Nationalbank. Österreich hält nur einen vergleichsweise geringen Anteil an den neun Milliarden im Euro-Raum umlaufenden Noten, während auf Deutschland prozentual mehr als ein Drittel entfallen.
Nationale Falschgeldzahlen kaum bekannt
Gerne wüßte man, in welchen Euro-Ländern die Fälschungszahl dann zum Ausgleich für den deutschen Zuwachs gesunken ist. Die EZB veröffentlicht nur zusammengefaßte Daten und überläßt die Frage einer Veröffentlichung der nationalen Falschgeldzahlen den am Euro beteiligten Nationalbanken. Doch Frankreich und Italien, die beiden gewichtigsten Euro-Mitgliedsländer nach Deutschland, verweigern sich. Die Banque de France lehnt unter Berufung auf ihre Tradition kategorisch die Herausgabe irgendwelcher nationaler Falschgelddaten ab. Die Italiener veröffentlichen Statistiken über Falschgeld. Sie zeigen für 2004 einen Anstieg um mehr als das Dreifache. Doch sind die Daten mit der EZB-Statistik nicht vergleichbar.
Die Kriminalpolizei zeigt sich dagegen durchaus beunruhigt über die Falschgeldentwicklung. Diskussionen zwischen Zentralbanken und Polizei darüber, wessen Daten die Falschgeldentwicklung besser widerspiegeln, gehören zum Alltag an der Falschgeldfront. Die Kripo bezieht in ihre Statistiken nämlich jene Falschgeldnoten mit ein, die sie im Zuge verdeckter Operationen außerhalb des Zahlungsverkehrs beschlagnahmt hat, also bevor die Verbrecher dieses Falschgeld in den Notenumlauf einschleusen konnten. Das sind meist größere Mengen, die in den Statistiken entsprechend zu Buche schlagen. Dagegen berücksichtigen die Zentralbanken nur jene erheblich geringeren Mengen an falschen Noten, die im Zahlungsverkehr entdeckt worden sind.
Kripo: Besorgniserregender Anstieg
In deutschen Landeskriminalämtern berichten Fachleute von einem besorgniserregenden Anstieg der außerhalb des Zahlungsverkehrs konfiszierten Menge an falschen Euro-Noten. Dabei steht laut Bundeskriminalamt Deutschland erst an vierter Stelle nach Frankreich, Italien und Spanien. Die Noten sind zudem von auffallend hoher Fälschungsqualität. Während die Zahl der mittels Farbkopierer oder Computerscanner gefertigten Fälschungen dank neuer Sicherheitsausrüstung stetig zurückgeht, steigt die Zahl der Druckfälschungen. Ihr Anteil beträgt in Deutschland bereits mehr als 50, in Österreich mehr als 75 Prozent.
Die Kripo folgert daraus, daß die internationale organisierte Kriminalität inzwischen in großem Stil in die Euro-Fälschung eingestiegen ist und daß Profis aus der Druckbranche am Werk sein müssen. Am stärksten betroffen sind Fahndern zufolge 50- und die 100-Euro-Noten vor allem aus dem Baltikum, Polen und Bulgarien. Die kleineren Stückelungen sollen dagegen vorwiegend aus Frankreich oder Italien stammen.
Kompromisse auf kleinstem Nenner
Jetzt rächt sich, daß bei der Planung der Euro-Noten widerstreitende nationale Interessen immer wieder Kompromisse auf den kleinsten gemeinsamen Nenner erzwungen haben - zu Lasten der Fälschungssicherheit. Unterschiedliches technisches Können der zahllosen beteiligten Staatsdruckereien und das Beharren der Banque de France auf den Einsatz eines Druckverfahrens, das kein anderes Euro-Mitgliedsland verwendet, spielten eine ungute Rolle. Damit bleiben die Euro-Noten weit hinter dem zurück, was Europas private Banknotendruckindustrie eigentlich zu leisten vermag. Mit Ausnahme des speziellen Banknotenpapiers stellen Profifälscher heute alle sichtbaren Euro-Sicherheitsmerkmale so täuschend echt nach, daß auch erfahrene Falschgeldexperten zweimal hinschauen müssen.
Die EZB will erst im Jahr 2008 mit der Ausgabe einer zweiten, völlig überarbeiteten Euro-Serie beginnen. Eine Nachrüstung der derzeitigen Banknotenserie scheint nicht geplant. Deswegen müssen Probleme mit den umlaufenden Noten heruntergeredet und Negativmeldungen tunlichst aus den Schlagzeilen herausgehalten werden. Ob die EZB deswegen - übrigens parallel zum Wechsel in der Präsidentschaft - ihre Falschgeldstatistik geändert hat? Die bislang übliche Nennung der absoluten Stückzahl falscher Noten für jeden einzelnen Nominalwert wurde nämlich unter Hinweis auf vorgebliche statistische Abgrenzungsprobleme eingestellt.
Text: F.A.Z., 18.07.2005, Nr. 164 / Seite 15
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, ZB
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