Gesundheit

Der Sozialklempner für Deutschland

Von Carsten Germis und Rainer Hank

02. Oktober 2006 Auch im Hotel in Damaskus läßt sich Bert Rürup nicht entgehen, was sich in der Heimat tut. In der vorigen Woche war der Vorsitzende des Sachverständigenrats gerade in Syrien unterwegs, um im Auftrag der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) dem Land im Orient ein bißchen Marktwirtschaft beizubringen. Als Rürup nach getaner Tagesarbeit an seinem Notebook durch die Internetnachrichten surft, liest er, daß die große Koalition ihn gerufen hat. Gefragt ist sein rascher Rat, damit ein Ausweg gefunden werde aus dem Schwarz-Rot seit Wochen quälenden Gesundheitsstreit.

Rürup, der Sozialdemokrat, rückt ein als Mann der Union. Die SPD holt sich ihren eigenen Experten. Sein Pech ist, daß ihn kaum jemand kennt. Rürup freilich ist von der Nachricht im Internet nur in Maßen überrascht. Weil er schon lange nicht mehr überrascht ist, wenn wieder einmal alles auf ihn hinausläuft. Und weil ihn Volker Kauder, der Generalsekretär, und Angela Merkel, die Kanzlerin, schon vor geraumer Zeit vorgewarnt haben.

„Rürup ist der Mann mit dem Werkzeugkoffer“

Eigentlich läuft immer alles auf Rürup hinaus, wenn eine Regierung in Deutschland den Reformmotor anwirft, aber selbst noch nicht so genau weiß, wo die Fahrt hingeht. Oder aber, wie jetzt wieder, wenn der Karren so tief im Schlamm steckt, daß ihn einer herausziehen muß.

„Rürup ist der Mann mit dem Werkzeugkoffer“, hat der Grüne Matthias Berninger einmal treffend gesagt. Der „Mister Fix it“, wie sie ihn in Amerika nennen würden. Rente, Gesundheit, Arbeit, Steuern: Rürup besorgt alles. Und er hat es allen besorgt: Seit Norbert Blüms Zeiten gibt es keine Renten-, Gesundheits- oder Sonst-wie-Reform gleich welcher Regierung, an der Rürup nicht beteiligt war. Er ist der Sozialklempner vom Dienst, der gerufen wird, wenn Politikern der Mut fehlt, die Rentner aus dem Paradies ständig steigender Leistungen zu vertreiben. Dann zieht Rürup den demographischen Faktor aus dem Werkzeugkoffer.

Rat für alle ist der Garant seines Erfolges

„Es wird der Tag kommen, an dem Rürup die Reformen Blüms, Riesters und Ulla Schmidts in einem Atemzug lobt“, maulte Horst Seehofer vor ein paar Jahren, als der CSU-Mann in der Opposition war und Rürup zum Chef der Rürup-Kommission ernannt wurde. Seehofers Vorwurf geht ins Leere. Er offenbart nur, daß er das Geschäftsmodell des Beraters nicht verstanden hat. Rat für alle zu haben ist für Rürup kein Widerspruch, sondern Garant seines Erfolgs.

Denn Rürup ist ein rastloser Kleinunternehmer in eigener Sache. Fleißig, gut vernetzt und extrem ehrgeizig. Seine zahlreichen Jobs in Kommissionen und Gremien organisiert er wie ein Familienunternehmen; Termine und Organisatorisches managt Ehefrau Brigitte. Und die Räte nutzt er zur Zuarbeit in eigener Sache, was die Kollegen im Sachverständigenrat mit klammheimlichem Ärger quittieren.

Wettbewerber sind nicht in Sicht

„Rat von Rürup für jedermann in Politik und Gesellschaft“, das Geschäftsmodell des Unternehmens, hat er selbst erfunden. Es ist in Deutschland einzigartig. Vorbilder gibt es nicht. Karl Schiller, den Rürup bewundert, wechselte am Ende gänzlich in die Politik. Herbert Giersch, ein prominenter Vorgänger im Rat der Weisen, hat es nie zu vergleichbarer Omnipräsenz gebracht. Rürup hat ein Monopolunternehmen, aus eigener Leistung. Wettbewerber sind nicht in Sicht.

Rürups Wettbewerbsvorteil liegt auf der Hand. Der Professor aus Darmstadt lebt nicht im Elfenbeinturm, er steht für keine Schule. Er ist weder Angebots- noch Nachfragetheoretiker. Er ist überhaupt kein Theoretiker. Rürup fragt nach den Bedürfnissen des politischen Kunden und befriedigt sie. Er mag der Überzeugung sein, daß ein Gesundheitsfonds wenig taugt (“Er löst keines der anstehenden Probleme“, hat er dem „Spiegel“ gesagt), doch wenn die Kanzlerin ruft, wird er daran arbeiten, aus dem Fonds das Beste zu machen. Wo die Mehrzahl der Professoren der Meinung sind, der Fonds sei nicht mehr zu retten, sagt Rürup: „Jetzt geht es darum zu verhindern, daß die Gesundheitsreform im Fiasko endet.“ Daß er beide Haltungen unter einen Hut bringt, ist nicht Opportunismus, es ist Geschäftsprinzip: „Beiträge zur Lösung aktueller Probleme“ nennt er das.

Eine Revolution für die Fünf Weisen

Für den Sachverständigenrat („Die Fünf Weisen"), dem Rürup seit geraumer Zeit vorsitzt, ist dieses Beratungsverständnis eine kleine Revolution. Jahrelang saßen dort Professoren, die periodisch dozierten, wie in Deutschland die Rahmenbedingungen sein müßten, damit Wachstum sich entfalten könne: eine solide Finanzpolitik, flexible Löhne und niedrige Steuern, so lautete die immerwährende, ein wenig langweilige Botschaft. Wenn Regierung und Verbände hartnäckig den Rat der Weisen schmähten, war das in den Augen dieser Wissenschaftler um so schlimmer für die Politik. Auf das Glatteis konkreter Handlungsempfehlungen hätten diese Weisen sich nicht eingelassen: Ordnungspolitik pur zu repetieren, hielten sie für ihre Kernaufgabe.

Rürup nennt das „Fundamentalismus“. Er selbst handelt eher wie der Zulieferer einer Regierung - mit Zeitvertrag und Projektbeschreibung. Doch anders als die betriebswirtschaftlichen Technokraten bei McKinsey bezieht Rürup sein Koordinatensystem aus dem Allgemeinwissen der Volkswirtschaftslehre. „Man muß sich am aktuellen wissenschaftlichen Stand messen lassen“, sagt er.

Rürup kommt auf der Liste der Forscher nicht vor

Ein Wissenschaftler ist er deswegen nicht. Das wollte er auch nie sein, was Kollegen ihm mitunter vorhalten. „Im Normalfall sollte ein Ökonom, der als Politikerberater tätig ist, auch in der Forschung etwas zu sagen haben“, sagt Klaus Zimmermann. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat gut reden. Das Ökonomenranking des „Handelsblatts“ stuft ihn sowohl als Medienstar (Platz vier) wie auch als Top-Forscher (Platz fünf) ein. Rürup kommt in der Liste der Forscher nicht vor, aber bei den Medienstars ist er ganz oben.

Denn er beherrscht die Gesetze der Öffentlichkeit wie kein anderer. Niemand kann spröde Materie wie den Risikostrukturausgleich oder die Rentenanpassungsformel vor laufender Kamera so leichtfüßig erklären wie Rürup. „Ich habe hohe didaktische Fähigkeiten“, sagt Rürup. „Das ist mein Asset.“

Macht, Status und öffentliche Allgegenwart

„Rürup kennt die Institutionen“, bestätigt anerkennend der junge FDP-Abgeordnete Daniel Bahr. Und er nutzt sie. Wo die an Wirkung interessierten Kollegen populäre Bücher schreiben und Vorträge halten, gründet Rürup im Zweifel gleich eine Kommission, mit Arbeitsstab, Agenda und Abschlußbericht: Das ist im politischen Berlin, wo Arbeitsstäbe die halbe Miete der Macht sind, nützlich.

Den Beratungsauftrag zur Gesundheitsreform hat Rürup längst abgearbeitet. Am Donnerstag erreichte ihn ein Fragebogen aus dem Kanzleramt. Am Freitag hat er das Papier - „eine fachliche Expertise“ - zurückgeschickt. „Ich bin relativ fleißig.“ Die Antwort fällt raffiniert aus, rürupsch eben. Eine Generalklausel am Anfang rammt das meiste der Reform in den Boden. Es folgen Detailerörterungen, die sich auf das schwarz-rote Machwerk einlassen. Rürup will Glaubwürdigkeit behalten und seine Auftraggeberin bedienen. Der Kanzlerin nützt das in der Abwehrschlacht gegen die Sozialisten in der SPD, die eine Einheitskasse wollen. Rürup nützt es auch. Sein Profit zahlt sich aus in der Währung von Macht, Status und öffentlicher Allgegenwart. Und in der Wahrscheinlichkeit von Folgeaufträgen.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.10.2006, Nr. 39 / Seite 37
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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