11. Dezember 2006 Der russische Gasprom-Konzern steht vor einem Einstieg bei dem milliardenschweren Erdöl- und Gasprojekt Sachalin 2 und bedrängt damit die führende Position des westlichen Betreibers Royal Dutch Shell. Dieses Szenario zeichnet sich nach dem jüngsten Treffen der Chefs beider Unternehmen ab, an dem auch Rußlands Energieminister Victor Khristenkow teilnahm.
Danach sollen sich Alexej Miller von Gasprom und Jeroen van der Veer von Royal Dutch Shell am vergangenen Freitag vom Grundsatz her auf eine Beteiligung des russischen Erdgas-Monopolisten an Sachalin 2 verständigt haben. Über weitere Details und die Modalitäten dieses Einstiegs schwiegen sich beide Seiten am Montag aus.
Konstruktive Gespräche
Royal Dutch Shell nannte die Gespräche der Konzernchefs konstruktiv. Über einen möglichen Eigentümerwechsel bei der Betreibergesellschaft Sachalin Energy Investment Company werde jedoch weiter mit Hochdruck verhandelt, heißt es im Umfeld des britisch-niederländischen Konzerns. Der Ölproduzent aus Den Haag ist gegenwärtig mit 55 Prozent an der Projektfirma beteiligt, die das rund 22 Milliarden Dollar (16,6 Milliarden Euro) teure Energievorhaben auf der russischen Halbinsel Sachalin betreibt und steuert. Die restlichen Anteile entfallen auf die japanischen Konzerne Mitsui (25 Prozent) und Mitsubishi (20). Die beiden Nippon-Partner sind in die Verhandlungen mit Gasprom involviert und wären von einer möglichen Neuordnung der Gesellschafteranteile betroffen, sagen Manager von Sachalin Energy.
Die Dominanz des größten Ölproduzenten aus Westeuropa bei Sachalin 2 ist dem russischen Staat seit langem ein Dorn im Auge. Schließlich gilt das Projekt, das vor allem Großkunden in Asien über eine Zeitspanne von 40 Jahren mit Öl und Gas versorgen soll, als eines der lukrativsten Energievorhaben der Welt. Das erste Gas von der russischen Halbinsel soll ab 2008 an Abnehmer in Japan geliefert werden.
Sanfter Druck des Kremls schon im vergangenen Jahr
Um die Beteiligung eines einheimischen Energieproduzenten zu forcieren, nahmen auf sanften Druck des Kremls Unterhändler von Gasprom und Royal Dutch Shell bereits im vergangenen Jahr die Verhandlungen auf. Zur Debatte stand damals, den russischen Erdgas-Monopolisten mit rund 25 Prozent an Sachalin Energy Investment zu beteiligen. Im Gegenzug sollte der führende Betreiber aus Den Haag seine Beteiligung an dieser Gesellschaft auf 30 Prozent verringern, so der Plan. Als wertmäßiger Ausgleich wurde zudem Royal Dutch Shell ein 50-Prozent-Paket an dem von Gasprom erschlossenen Gasfeld Zapolyarnoye in Westsibirien in Aussicht gestellt, sagen Teilnehmer der Verhandlungen.
Die Gespräche zerschlugen sich, als Royal Dutch Shell Mitte vergangenen Jahres die Öffentlichkeit mit der Nachricht verblüffte, daß sich die Projektkosten für Sachalin 2 auf zunächst 20 Milliarden Dollar verdoppelt hätten. Van der Veer begründete die damalige Korrektur mit dem allgemeinen Preisauftrieb bei Edelmetallen, höheren Vertragsgebühren sowie dem fallenden Kurs des amerikanischen Dollar. Für den Kreml hatte die Botschaft des Shell-Chefs handfeste Konsequenzen, denn der Kostenauftrieb zieht eine Verzögerung bei den Auszahlungen an die staatlichen Stellen nach sich: Schließlich müssen die westlichen Betreiber erst dann Gewinne abführen oder Steuern zahlen, wenn sämtliche Kosten durch die Einnahmen des Projekts gedeckt sind, heißt es in den bisherigen Verträgen.
Störmanöver aus Moskau
Der Ärger bei den Vertretern der russischen Regierung war entsprechend groß. Um Royal Dutch Shell und die übrigen Partner des Sachalin 2-Konsortiums unter Druck zu setzen und zu Konzessionen zu zwingen, drohten staatliche Stellen hohe Strafzahlungen wegen Verstößen gegen diverse Umweltauflagen an. Moskau drohte zum Auftakt Mitte September mit dem Entzug der umweltrechtlichen Genehmigung für das ökologisch hochsensible Projekt. Zwischenzeitlich erhöhten die regionalen Wasseraufsichtsbehörden sowie das russische Ministerium für Bodenschätze den Druck, indem sie den Betreibern von Sachalin 2 mit dem Lizenzentzug für die Wassernutzung drohten oder aber die Arbeiten an den Ölleitungen behinderten.
Die gezielten Störmanöver aus Moskau trafen dabei die Verantwortlichen von Sachalin Energy Investment in einem empfindlichem Stadium: Unser Projekt ist gegenwärtig zu 80 Prozent abgewickelt und mit wichtigen Großabnehmern sind feste Lieferungen vereinbart, heißt es bei der Gesellschaft, Verzögerungen des für 2008 vorgesehenen Betriebsstarts sind vor diesem Hintergrund geschäftsschädigend.
Text: ufe./ F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, F.A.Z., REUTERS
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