Zeughaus der Demokratie und Supermacht

Klaus Schwabes fundierter Überblick über die amerikanische Außenpolitik im 20. Jahrhundert

30. Mai 2006 In Zeiten von Präsident Bush und dessen Irak-Krieg ist allseits Kritik an den Vereinigten Staaten zu hören. Fragt man nach, entpuppt sich diese nicht selten als platter Antiamerikanismus, gespeist durch intellektuelle Überheblichkeit und wenig Sachkenntnis. George W. Bush ist nicht Amerika. Amerika ist anders - innen- und außenpolitisch, und Präsidenten kommen und gehen. Bei aller berechtigten Kritik an Washington: Eine Frage sollte man sich immer stellen und ehrlich beantworten, nämlich, wie sähe die Welt, wie Deutschland ohne die Intervention der Vereinigten Staaten wohl aus? Was macht Amerika aus? Wie ist Washington zur einzigen Weltmacht geworden, wie das 20. Jahrhundert zum amerikanischen Jahrhundert? Und wie haben die Vereinigten Staaten dieses Jahrhundert gestaltet?

Auf diese Fragen gibt Klaus Schwabe, einer der besten Kenner der amerikanischen Geschichte, überzeugende Antworten. Er unterteilt seine "Jahrhundertgeschichte" in drei große Kapitel: "Zwischen Imperialismus und Völkerbund" (1898-1920), "Der Weg zur Weltmacht" (1921-1945) und "Supermacht im Zeichen des Kalten Krieges und seiner Folgen". Es ist dies eine sinnvolle Struktur. Ausgangspunkt im ersten Kapitel ist 1898 der 112 Tage dauernde splendid little war gegen Spanien, der die Vereinigten Staaten mit dem Gewinn der Philippinen und dem Quasibesitz Kubas zur neuen imperialen Macht werden ließ, die zwei Küsten mit entsprechend ausgerichteter Politik hat: die Ostküste mit Blick nach Europa, die Westküste mit Blick nach Asien.

Fast unbemerkt von Europa entwickelte sich Amerika zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Großmacht, die, wie Präsident Woodrow Wilson im Ersten Weltkrieg verkündete, die Welt sicher für die Demokratie machen wollte - weitgehend unterschätzt vom imperialen Deutschland. Die berühmten "14 Punkte" Wilsons reichten dann bekanntlich aber nicht aus, eine neue Weltordnung zu schaffen. Der missionarische Eifer Washingtons verflog nach dem Ersten Weltkrieg schnell: Der Völkerbund mußte ohne sie auskommen - und dümpelte vor sich hin.

Mit dem nationalsozialistischen Deutschland und Japan erstanden dann gleich zwei Aggressoren, die fundamentale amerikanische Interessen in Europa und Asien bedrohten. Damals standen in den Vereinigten Staaten Isolationisten ("Festung Amerika") gegen Internationalisten (an der Spitze Präsident F. D. Roosevelt), zu einem Zeitpunkt, als das Land keine Militärmacht war: 1933 zählte die Armee gerade einmal 133000 Soldaten, genausoviel wie die Tschechoslowakei (es gab nur einen Vier-Sterne-General: Douglas MacArthur), im September 1939 schließlich 227000, aber es war nur für 75000 Ausrüstung vorhanden. Ende 1940 wurde dann zum ersten Mal die Wehrpflicht in Friedenszeiten eingeführt, aber im Juli 1941 mit nur einer Stimme Mehrheit vom Repräsentantenhaus verlängert. Der spätere Außenminister Dean Acheson meinte dazu: "Gott beschützt Kinder, Betrunkene und die USA."

Mit dem Kriegseintritt im Dezember 1941 änderte sich das: Die Vereinigten Staaten wurden zum "Zeughaus der Demokratie", es begann das amerikanische Jahrhundert mit den von Roosevelt verkündeten "vier Freiheiten". Als die Produktion von 50000 Flugzeugen im Jahr angekündigt wurde, bekam Hitlers Luftwaffenchef Hermann Göring einen Lachanfall. Das Lachen ist ihm dann aber schnell wieder vergangen; tatsächlich wurden 60000 Flugzeuge im Jahr produziert. Am Ende des Krieges war Amerika die Weltmacht schlechthin - und einzige Atommacht, die sich einem neuen Gegner gegenübersah: Stalins Sowjetunion.

Das dritte Kapitel umfaßt zwei Drittel des Buches und steht ganz im Zeichen des Kalten Krieges, jenes Konfliktes, der die Welt in zwei Lager teilte und der zuweilen mit geradezu religiöser Intensität und missionarischem Eifer geführt wurde. Der Zusammenbruch der Sowjetunion 1990/91 bedeutete das Ende dieses Konfliktes und gleichzeitig die Festschreibung der Vereinigten Staaten als einzige Supermacht. Die Fülle der Arbeiten zum Kalten Krieg ist fast unüberschaubar. Um so bewundernswerter, wie souverän Schwabe mit den neuesten Darstellungen umgeht und sie in seine Darstellung einbezieht, auch wenn es dabei für den Experten wenig Neues gibt. Da geht es um die Entstehung dieses Konfliktes, um Koreakrieg, Berlinkrise, Kubakrise, den atomaren Wettlauf, den Vietnamkrieg und schließlich um die Wende 1989/90. Bei der Entstehung des Kalten Krieges hätte man sich eine klarere Antwort auf die Frage gewünscht, wie es zu dieser unversöhnlichen Konfrontation kommen konnte, wer folglich die Verantwortung für die "Teilung der Welt" trägt. Nach Meinung des Rezensenten doch Stalin, der auch für den Koreakrieg verantwortlich war. Der Koreakrieg war in der Tat ein "Wendepunkt des Kalten Krieges", wie Schwabe den amerikanischen Präsidenten Truman zitiert - mit weitreichenden Konsequenzen für die folgenden Jahrzehnte.

Bei der Kubakrise zeigt Schwabe, daß die Welt nahe am atomaren Abgrund stand, wie nahe allerdings, zeigt er nicht. Das ist erst seit kurzem bekannt: Die Sowjets hatten - unbemerkt von den Amerikanern - 100 taktische Atomwaffen auf Kuba, die im Falle einer Invasion eingesetzt worden wären. In Vietnam scheiterte das vielzitierte nation building und signalisierte für Jahre das Ende des missionarischen Eifers der amerikanischen Außenpolitik. Mit Präsident Reagan änderte sich das wieder: Er wollte den Kalten Krieg gewinnen - und gewann ihn dann ja auch. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hat der amerikanische Historiker John Gaddis den "langen Frieden" genannt; man könnte auch Pax Americana sagen, wobei in einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten die Atombombe ungestraft hätten einsetzen können (etwa im Koreakrieg), sie eben nicht eingesetzt wurde.

Das Ende des Kalten Krieges war allerdings nicht das vielzitierte "Ende der Geschichte". Im Gegenteil: Neue und andere Probleme bestimmen seither das Weltgeschehen. Und mittendrin ist wieder Amerika. Auf dessen angekündigte neue Weltordnung im Zeichen des Anti-Terror-Krieges müssen wir aber wohl noch warten, auch wenn sein Eingreifen - etwa im Kosovo - dankbar registriert wurde.

Schwabe handelt die großen Themen des Kalten Krieges weitgehend chronologisch ab. Einen Schauplatz hätte der Autor allerdings etwas ausführlicher behandeln können, nämlich den Nahen Osten, beginnend mit der Gründung Israels 1948 und der Anerkennung der provisorischen israelischen Regierung nur elf Minuten nach Inkrafttreten der von David Ben Gurion verkündeten Unabhängigkeit durch Präsident Truman. Zum einen, weil der Nahe Osten oftmals im Mittelpunkt amerikanischer Außenpolitik stand (und steht), zum anderen aber auch, weil an diesem Beispiel besonders deutlich der Zusammenhang zwischen amerikanischer Innen- und Außenpolitik gezeigt werden kann. Dennoch - und trotz kleiner Irrtümer (die Jalta-Konferenz endete am 11. Februar 1945, die Invasion in Kubas Schweinebucht fand 1960, nicht 1962 statt, Bush senior war im Mai, nicht im Juni 1989 in Deutschland) - ist das Buch ein guter Einstieg für jeden, der sich einen Überblick über die amerikanische Außenpolitik im 20. Jahrhundert verschaffen will. Rolf Steininger

Klaus Schwabe: Weltmacht und Weltordnung. Amerikanische Außenpolitik von 1898 bis zur Gegenwart. Eine Jahrhundertgeschichte. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2006. 560 S., 44,90 [Euro].

Text: F.A.Z., 31.05.2006, Nr. 125 / Seite 7

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