24. Januar 2007 Die wirtschaftlichen Kräfteverschiebungen durch die Globalisierung haben einen Namen: "Bric". In seine Bestandteile zerlegt, steht das Kürzel für jene Schwellenländer, die allen anderen davoneilen und schon jetzt die Profiteure der Globalisierung zu sein scheinen: Brasilien, Russland, Indien und China. Sie glänzen mit enormen Wachstumsraten, offenbar endlos anschwellenden Währungsreserven und technischen Sprüngen ohnegleichen.
Jenseits solcher Statistiken kann man es aber auch einfacher haben. Von den gemessen an ihrem Börsenwert zehn größten Unternehmen der Welt kommen inzwischen schon zwei aus China (Petrochina sowie die Industrial and Commercial Bank) und eines aus Russland (Gasprom). Selbst die Amerikaner als Spitzenreiter werden sich mühen müssen, ihre fünf Konzerne auf dieser Liste zu halten.
Reichtum weniger scharf verteilt
Auch der private Reichtum verteilt sich nicht mehr scharf zwischen Industrie- und Schwellenländern. Den 2,8 Millionen Reichen in Europa und 2,7 Millionen in Amerika mit mindestens einer Million Dollar Geldvermögen stehen schon 2,4 Millionen Gutbetuchte in der Region Asien/Pazifik gegenüber. Und dies sind beileibe nicht nur reiche Japaner und Australier.
Das World Economic Forum (WEF) versucht für das jeweils Ende Januar stattfindende Treffen in Davos stets einen übergreifenden Titel zu finden. Er soll das breite Themenspektrum abdecken, mit dem allen etwas geboten wird. Die Leitlinie für 2007, nämlich "The Shifting Power Equation" (auf Deutsch etwas sperrig "Die Verschiebung der Machtbalance"), zielt allerdings ziemlich genau auf die Bric-Staaten. Insgesamt und unter Berücksichtigung der Kaufkraftparitäten produzieren die Schwellenländer inzwischen mehr als die etablierten Industriestaaten; das Bric-Quartett bildet die Pfeiler in dieser Entwicklung.
Fragen über Fragen
Und so stellen sich den Teilnehmern in Davos Fragen wie diese: Welche Herausforderungen kommen auf die entwickelten Nationen zu? Verarmen die Minderqualifizierten in Europa und in den Vereinigten Staaten, und wird der Mittelstand zerrieben? Wie wird sich die wirtschaftliche Macht der Emporkömmlinge in deren Politik niederschlagen? Können Länder wie Indien und China die tiefen sozialen Gegensätze durch das rapide Wachstum einebnen?
Die Wachstumsperspektiven der großen Schwellenländer sind für die reifen Volkswirtschaften vor allem in Europa immer noch erstaunlich. Dies sind zum Beispiel die "Hausnummern" der Analysten von DB Research für die Zuwächse im Bruttoinlandsprodukt für 2007: China plus 8,5 Prozent, Indien plus 6,6 Prozent, Russland plus 6,1 Prozent und Brasilien plus 3,5 Prozent. Dabei dürfte es nicht bleiben. Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs, die als "Erfinder" des Bric-Konzepts zugegeben alles Interesse daran hat, dieses weiter im Gespräch zu halten, sorgte vor einem Jahr in Davos für Aufsehen, als sie vorhersagte, dass im Jahr 2050 China, Amerika und Indien die drei Länder mit der größten Wirtschaftskraft seien und das bisherige Spitzentrio Amerika, Japan und Deutschland abgelöst haben würden.
Enormer Kapitalstrom in Bric-Länder
Selbst wenn man die äußerst kühne Vorausschau von Goldman Sachs akzeptiert, stellt sich die Lage beim Blick auf das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf anders dar. Danach liegen auch im Jahr 2050 die Vereinigten Staaten weiter vorn, gefolgt von Japan und den großen Ländern in Westeuropa. China erreicht selbst nach dieser langen Zeit weniger als die Hälfte je Einwohner, und Indien rangiert unter "ferner liefen".
Die schon erreichten Fortschritte der Aufsteiger sind gleichwohl beachtlich. Die Industriestaaten honorieren dies, indem sie Kapital in die Schwellenmärkte lenken. 2005 flossen nach Daten des Institute of International Finance netto erstmals mehr als 500 Milliarden amerikanische Dollar in diese Länder. Im vergangenen Jahr dürften es nach den Schätzungen des Instituts, das von international tätigen Banken getragen wird, nicht viel weniger gewesen sein. In diesem Jahr wird eine leichte Abschwächung erwartet, der Kapitalstrom sollte aber immer noch viel kräftiger sein als die knapp 350 Milliarden Dollar des Jahres 2004. Das Engagement der Ausländer in der Öl- und Gasindustrie Russlands, der Börsenboom in China, Werksgründungen in Indien sowie - deutlich geringer - Aktienkäufe brasilianischer Rohstoffunternehmen schlagen sich in solchen Zahlen nieder.
Unternehmen setzen auf Kooperationen
Die Strategie etablierter Industrieunternehmen zum Beispiel in den Vereinigten Staaten oder in Europa läuft auf eine verstärkte Kooperation mit Herstellern aus den Bric-Staaten hinaus. Zudem werden eigene Entwicklungs- und Produktionsabteilungen in den entsprechenden Ländern aufgebaut, um ein Gefühl für die dortigen Kundenwünsche zu bekommen - und natürlich werden die günstigen Outsourcing-Dienstleistungen genutzt, die die Unternehmen aus den Bric-Staaten anbieten.
IBM, der größte Computerkonzern der Welt, will in drei Jahren jedenfalls sechs Milliarden Dollar in Indien investieren. Das Unternehmen hatte dort schon im vergangenen Jahr mehr als 43.000 Angestellte in vierzehn Städten. Das ist die größte Gruppe von Beschäftigten, die das Unternehmen außerhalb der Vereinigten Staaten beschäftigt. Die neuen Investitionen, die das bisherige Engagement verdreifachen, setzen vor allem auf die Geschäftsbereiche Dienstleistungen, Forschung und Entwicklung. IBM ist derzeit der größte multinationale Softwareexporteur in Indien. Schon 2005 hatten auch die amerikanischen Technologiekonzerne Microsoft, Intel und Cisco Investitionen von insgesamt 3,9 Milliarden Dollar in Indien angekündigt.
Auch der deutsche Softwarehersteller SAP will innerhalb von fünf Jahren eine Milliarde Dollar in den Standort Indien stecken. Das Land wird dabei für SAP zugleich zu einer strategischen Basis für die Asien-Pazifik-Region aufgewertet. Bei der Nachfrage indischer Firmen nach SAP-Lösungen gebe es ein "phänomenales Wachstum", hieß es zur Ankündigung der Investitionsentscheidung. Indien gehöre für den Softwarehersteller zu den acht wichtigsten strategischen Märkten.
Auch die Produktentwicklung beginnt zu wandern
Eine der Ankündigungen jüngsten Datums zum Thema Kooperationen mit Herstellern in Bric-Ländern kommt vom deutschen Autokonzern Daimler-Chrysler, der erst Ende des vergangenen Jahres mit dem chinesischen Autobauer Chery einen Vorvertrag zur Produktion von Kleinwagen geschlossen hat. Die amerikanische Tochtergesellschaft Chrysler hatte geraume Zeit einen chinesischen Partner gesucht, um im Ausland kleine Autos zu bauen - und wurde bei Chery fündig. In den Vereinigten Staaten sei eine profitable Produktion solcher Fahrzeuge nicht möglich, hieß es zur Begründung. Chinesische Fabriken sind hochmodern - und die Arbeiter verdienen dort nur zwei Dollar in der Stunde, verglichen mit durchschnittlich 28 Dollar in der Stunde in Amerika. Der Handlungsdruck ist groß, denn die amerikanischen Autokäufer wenden sich angesichts der hohen Benzinpreise von den früher beliebten schweren Geländewagen und Kleinlastwagen (Pick-ups) ab. Im Chrysler-Programm dominieren dagegen nach wie vor die großen Wagen. Gemeinsam mit Chery könnte diese Lücke mittelfristig geschlossen werden. Allerdings ist das Geschäft wohl auch für Chery gut - an der Hand des etablierten und traditionsreichen Partners lassen sich wichtige Erfahrungen sammeln, um die westlichen Märkte künftig aus eigener Kraft zu erobern. Stimmen alle Gremien der beteiligten Unternehmen dem Vertragswerk zu, soll der erste Prototyp noch im Jahr 2007 vorgestellt werden.
Solchen Entwicklungen kann sich ein deutscher Autozulieferer wie Bosch nicht verschließen. Auch Bosch baut inzwischen eigene Entwicklungsabteilungen in Indien und China auf. "Die Produktentwicklung wird künftig verstärkt auch in den Wachstumsregionen stattfinden", hat der Vorsitzende der Geschäftsführung der Stuttgarter Robert Bosch GmbH, Franz Fehrenbach, soeben im Gespräch mit dieser Zeitung gesagt. Fehrenbach gehört auch zu den Managern, die die Überzeugung haben, mit der technologischen Kompetenz ihres Unternehmens dringende Probleme der Welt mit lösen zu können - und deshalb ist der Bosch-Chef selbstverständlich auch in Davos zu Gast. Auch die Deutsche Bank hat längst in größerem Stil Abwicklungstätigkeiten nach Indien verlagert. Damit steht die Bank in der Branche nicht allein: Andere Finanzinstitute nutzen längst die niedrigen Löhne und die recht gute Ausbildung indischer Arbeitskräfte. So verlagert beispielsweise auch die Commerzbank Arbeiten in Billiglohnländer.
Investitionen bleiben risikoreich
In der Telekommunikation wiederum macht unterdessen der Übernahmekampf um den indischen Mobilfunkkonzern Hutchison Essar Schlagzeilen. Im Februar will die britische Vodafone ein Übernahmeangebot vorlegen. Den Kaufpreis für den viertgrößten Mobilfunker des Landes bezifferte sie nicht. Schätzungen im Londoner Finanzviertel gipfelten zuletzt bei 18 Milliarden Dollar (13,8 Milliarden Euro). Bislang sind die Briten nur mit einem Zehn-Prozent-Paket am nationalen Marktführer Bharti Airtel beteiligt.
Die Enteignungswelle in mehreren lateinamerikanischen Staaten, das Muskelspiel der Russen in der Öl- und Gasindustrie ihres Landes sowie der Patentklau in China zeigen allerdings, wie risikoreich die Investitionen bei den neuen Stars am Wirtschaftshimmel immer noch sind. Die Folgen des globalen Klimawandels und der Umweltzerstörung in den energiehungrigen Schwellenländern sind dabei noch nicht in Rechnung gestellt.
Auf die Mittelschicht kommt es an
Daneben geben auch andere ungelöste Fragen innerhalb dieser Länder Anlass zur Sorge. Beispiel China: Trotz der Erfolge an der Börse ist das Bankensystem weiterhin schwach. Viele Staatsbetriebe sind marode. Eigentumsrechte werden von den Behörden systematisch missachtet, die Korruption ist immer noch weit verbreitet. In rund der Hälfte der chinesischen Städte ist das Grundwasser verunreinigt. Fast 50 Prozent der Bevölkerung müssen immer noch mit weniger als zwei Dollar am Tag ihr Leben fristen.
Für den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg in den Schwellenländern wird es nicht zuletzt darauf ankommen, ob sich dort eine breite Mittelschicht herausbildet. Unterentwickelte Länder sind ja nicht dadurch gekennzeichnet, dass dort nur Arme leben. Vielmehr steht einer breiten Schicht von Menschen unter der Armutsgrenze eine kleine Gruppe von Superreichen gegenüber. Ein starker Mittelstand, aus dem sich Unternehmensgründer rekrutieren, der dem Staat zu einer soliden Steuerbasis verhilft, der eine Binnenkonjunktur zu tragen vermag und der seinen Kindern eine gute Bildung und Ausbildung angedeihen lassen möchte, ist unabdingbar für die Stabilität der Schwellenländer. Er wird dann jedoch auch politische Mitsprache fordern. Dieses Defizit prägt noch viel zu viele der künftigen Großmächte.
THEMEN
Mittwoch
Am Morgen des Eröffnungstages befasst sich eine der ersten Veranstaltungen des Forums mit der Frage, wie man in einer vernetzten Welt als Chef überhaupt noch führen kann. Welche Auswirkungen hat das sogenannte Web 2.0, bei dem Internetnutzer Inhalte in zunehmendem Maße selbst erstellen und bearbeiten?
Am Abend wird das World Economic Forum von Bundeskanzlerin Angela Merkel offiziell eröffnet.
Über das Oberthema der Veranstaltung Die Verschiebung der Machtbalance sprechen danach Eric Schmidt, der Vorstandsvorsitzende von Google, James Schiro, der Vorstandsvorsitzende von Zurich Financial, und E. Neville Isdell, der Vorstandsvorsitzende von Coca-Cola. Eine weitere Veranstaltung des Abends befasst sich mit der Herausforderung durch demographische Veränderungen.
Donnerstag
Verhindert der zu große Wohlstand nachhaltig wirksame Reformen in führenden europäischen Industrieländern wie Frankreich, Italien oder Deutschland? Welche Möglichkeiten gibt es, die Energie näher bei den einzelnen Verbrauchern zu erzeugen? Mit welchen Energieträgern müsste man dabei arbeiten? Wie lässt sich das Wissen erwerben, das nötig ist, um die Herausforderungen der Zukunft zu beherrschen? Solche Themen beherrschen die Diskussionsrunden des Vormittags.
Hohe Gehälter von Managern ziehen immer wieder das Interesse auf sich - und laden zu der Frage ein, welche Entlohnung für Führungskräfte überhaupt gerechtfertigt ist. Mit diesen Themen befasst sich eine Diskussionsrunde am Mittag. Sollte die Entlohnung eines Vorstandsvorsitzenden an den Erfolg des Unternehmens gekoppelt sein, das er führt? Sollten die niedrigsten und höchsten Löhne in einem Unternehmen in einem festgelegten, proportionalen Verhältnis zueinander stehen? Sollte es Aktionären gestattet sein, über die Vorstandsgehälter abzustimmen?
Indien steht künftig nicht mehr nur für das Outsourcing, also die Übernahme von Dienstleistungen für andere Unternehmen auf den Gebieten der Informationstechnologie. In Indien entsteht inzwischen auch ein großer Dienstleistungssektor in anderen Branchen - nicht zuletzt in der Pharmaindustrie. Welche Rolle nimmt Indien vor diesem Hintergrund künftig in der weltumspannenden Wertschöpfungskette ein?
Freitag
Die Zukunft einer wissensbasierten Wirtschaft ist eng mit der Entwicklung von Städten verbunden - und die Zukunft der Städte ist eng mit der Entwicklung ihrer dort ansässigen Unternehmen verknüpft. Am Morgen sprechen darüber unter anderen John Chambers, der Vorstandsvorsitzende des Netzwerkausrüsters Cisco, und Gavin Newsom, der jugendlich-dynamische Bürgermeister von San Francisco.
Welche Auswirkungen haben Hedge Fonds und ihr Verhalten auf die Finanzmärkte? In welcher Hinsicht steigern sie dort das Risiko, in welcher Hinsicht verringern sie es möglicherweise auch? Müsste ihre Anlagepolitik transparenter gemacht werden? Darüber diskutieren Howard Davis, der Direktor der London School of Economics, Robert Engel, Professor an der Leonard N. Stern School of Business, und Craig Ueland, Vorstandsvorsitzender von Russell Investments.
Einige Fachleute gehen davon aus, dass die Menschen im Jahr 2060 im Durchschnitt 100 Jahre alt werden. Andere sagen voraus, dass die durchschnittliche Lebenserwartung im Jahr 2100 mit 85 Jahren ihren Höhepunkt erreichen wird. Warum fallen die Prognosen so weit auseinander? Welche Umstände müssen eintreten, damit ein längeres Leben auch zu einem schöneren Leben wird?
Samstag
Vor allem das lebhafte Konsumverhalten der Privatleute hat seit dem Jahr 2002 zu einem stetigen Wachstum der Weltwirtschaft geführt. Inzwischen schwächt sich aber die Konjunktur in den Vereinigten Staaten ab, und die Zinsen steigen wieder. Ob und wie lange sich der Aufschwung fortsetzt, ist deshalb umstritten. Davon lebt gewiss auch die Diskussionsrunde von Charles Prince, dem Vorstandsvorsitzenden der Citigroup, Robert Kimmit, dem stellvertretenden Finanzminister der Vereinigten Staaten, und Thierry Breton, dem Wirtschafts-, Finanz- und Industrieminister Frankreichs.
Die traditionellen Instrumente der Notenbanken zielen auf die Steuerung von Inflation und Geldbewegungen. Aber die Risiken, mit denen sich die Akteure an den Finanzmärkten heute auseinandersetzen, gehen über diesen Ansatz weit hinaus. Sind Zentralbanken in der Lage, die neuen Risiken zu erkennen und darauf angemessen zu antworten? Welche Risiken könnten sie möglicherweise übersehen? Darüber diskutieren Andrew Crockett, Präsident der amerikanischen Investmentbank JP Morgan Chase, der Zentralbankgouverneur Brasiliens, Henrique de Campos Meirelles, und Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank - moderiert von Harvard-Professor Kenneth Rogoff.
Die gescheiterten Gespräche zur Liberalisierung des Welthandels im Rahmen der Doha-Runde beschäftigen Pascal Lamy, den Direktor der Welthandelsorganisation WTO, noch kurz vor dem Ende des Forums. Was muss passieren, dass es doch noch irgendwann zur einer Einigung kommt? (Kno.)
Text: F.A.Z., 24.01.2007, Nr. 20 / Seite 16
Bildmaterial: REUTERS