Geld

Chinas Plan für ein neues Welt-Währungssystem

Von Benedikt Fehr

Zhou Xiaochuan: chinesischer Zentralbankpräsident

Zhou Xiaochuan: chinesischer Zentralbankpräsident

28. März 2009 Mit ihrer Forderung nach einer Reform der Weltwährungsordnung hat die chinesische Politik die junge amerikanische Regierung an einer empfindlichen Stelle getroffen. Denn seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war der amerikanische Dollar stets unbestritten die globale Leitwährung - eine Vormachtstellung, die der amerikanischen Wirtschaft Einfluss und geldwerte Vorteile sichert. Doch haben die Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren des Exzesses so stark auf Pump gelebt, dass sie nun von ausländischen Kapitalgebern abhängig geworden sind - dabei insbesondere von China. Das verleiht dem chinesischen Vorstoß politisches Gewicht.

Der chinesische Zentralbankpräsident Zhou Xiaochuan hat seinen Reformvorschlag als Fahrplan für eine langfristige Strategie präsentiert. Deren Ziel: die Überwindung der Schwächen der aktuellen Währungsordnung, und zwar im Interesse der Weltgemeinschaft - nicht nur der Chinesen. Das könnte dem Plan Zustimmung von dritter Seite bringen.

Zhou beruft sich auf Keynes

Ohne den amerikanischen Dollar zu erwähnen, weist Zhou darauf hin, es sei historisch höchst selten, dass eine "kreditbasierte nationale Währung" als internationale Reservewährung diene. Denn solch ein Arrangement stürze das Land, dessen Währung als Reservewährung genutzt wird, in einen Konflikt: Damit die übrigen Länder die Reservewährung erwerben können, muss das Reservewährungsland im langjährigen Durchschnitt mehr importieren als exportieren.

Diese eingebaute Tendenz zu Handelsdefiziten und Bedarf an ausländischem Kapital gerät aber immer wieder in Konflikt mit innenpolitischen Zielen wie Preisstabilität. Für Zhou ist dieser innere Widerspruch - in der Fachwelt als "Triffin-Dilemma" bekannt - Ursache für die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Finanzkrisen, insbesondere auch der aktuellen Wirtschaftskrise.

Konzept einer „Rohstoff-Reservewährung“

Ziel müsse es deshalb sein, eine Reservewährung zu schaffen, die nicht von kreditbasierten nationalen Währungen abhängig sei, schreibt Zhou. Genau dies habe der britische Ökonom John Maynard Keynes bereits in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts getan: "Keynes schlug vor, eine internationale Währungseinheit ,Bancor' einzuführen, die auf dem Wert von 30 repräsentativen Rohstoffen basiert. Leider wurde der Vorschlag nicht akzeptiert." Zhou spielt damit auf die Weltwährungskonferenz im Jahre 1944 im amerikanischen Bretton Woods an: Damals hatte Keynes einen Plan für eine globale Währungsordnung vorgestellt, doch behielt John Dexter White, der Vertreter der neuen Supermacht Vereinigte Staaten, mit seinem Konzept die Oberhand: Der White-Plan rückte den Dollar, der seinerseits an Gold gebunden war, in den Mittelpunkt des Weltwährungssystems - was die bis heute währende Vorherrschaft der amerikanischen Währung und Geldpolitik begründete.

Den "Bancor" hatte Keynes nach der einschlägigen Übersichtsliteratur als eine reine Verrechnungseinheit konzipiert - allerdings nicht "auf dem Wert von 30 Rohstoffen basiert". Doch hatte sich Keynes bereits in den dreißiger Jahren für das Konzept einer "Rohstoff-Reservewährung" erwärmt. Keynes enger Gefolgsmann Nicholas Kaldor entwickelte in den sechziger Jahren ein "Rohstoff-Reserve-Währungssystem" mit der Währungseinheit "Bancor". Das Konzept geht ursprünglich auf den amerikanischen Ökonomen Benjamin Graham zurück - der heute vor allem als Urvater der fundamentalen Wertpapieranalyse und Mentor des Starinvestors Warren Buffett bekannt ist.

Ein Korb von 30 wichtigen Rohstoffen

Grundidee des Konzepts ist, eine Währung nicht auf einem einzigen Edelmetall wie Gold zu basieren und dadurch von mancherlei Zufälligkeiten abhängig zu machen, sondern vielmehr auf einem Korb von 30 wichtigen und vielgehandelten Rohstoffen. Wie eine auf dem Goldstandard basierende Währung ist solch eine Waren-Reservewährung weder national noch "kreditbasiert": In ihr können die Geschäftsbanken die Menge des umlaufenden Geldes nicht durch Kreditgewährung vermehren. Und wie bei einer Goldstandard-Währung die Zentralbanken Gold halten und nach bestimmten Regeln an- und verkaufen müssen, müssen sie bei einer rohstoffbasierten Währung Rohstoffe in Lagern halten und bei Knappheit verkaufen, Überschüsse hingegen durch Ankäufe aus dem Markt nehmen.

Folgt man den Befürwortern, stabilisiert eine Waren-Reservewährung sowohl das Preisniveau als auch den Konjunkturzyklus. Kritiker monieren unter anderem, dass solch ein Währungssystem aufgrund der erforderlichen großen Rohstofflager hohe Kosten verursache. Walter Eucken, einer der Wegbereiter der sozialen Marktwirtschaft, hat den Graham-Plan recht positiv bewertet, der Geldtheoretiker Milton Friedman hat ihn zugunsten seines eigenen Konzepts verworfen.

In seinem Aufsatz fordert Zhou, eine Reform des Weltwährungssystems müsse von einer "großen Vision" geleitet seien. Die Schaffung einer internationalen Währungseinheit, die auf Keynes' Vorschlag basiere, sei eine "kühne Initiative, die außerordentliche politische Vision" erfordere. Die "Wiedereinführung" einer neuen und allgemein akzeptierten Reservewährung könne aber lange dauern, räumt Zhou ein. Im weiteren Verlauf seines Aufsatzes geht er nicht mehr auf eine rohstoffbasierte Währung ein, fordert vielmehr als kurzfristige Maßnahme, den Sonderziehungsrechten (SZR) des Internationalen Währungsfonds eine größere Rolle als bisher beizumessen (F.A.Z. vom 25. März). "Die Sonderziehungsrechte haben die Eigenschaften und das Potential, als eine supranationale Reservewährung zu fungieren", schreibt Zhou weiter. Die chinesische Strategie scheint somit darin zu bestehen, zunächst einmal die Rolle der Sonderziehungsrechte zu stärken und längerfristig an der Schaffung einer Waren-Reservewährung zu arbeiten.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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