Standpunkt

Energie für Deutschland

Von Hans-Heinrich Sander

Niedersachsens Umweltminister Sander: Kein technologischer Fadenriß

Niedersachsens Umweltminister Sander: Kein technologischer Fadenriß

03. April 2006 Die Energievorräte der Welt geraten zunehmend unter die politische und militärische Kontrolle weniger Staaten. Dadurch erhalten diese Staaten eine beherrschende Position über die notwendigen Energieträger und damit über die wirtschaftliche Entwicklung und soziale Stabilität aller Gesellschaften.

Es ist zentrale Aufgabe der deutschen Politik, Rahmenbedingungen für eine dauerhaft sichere, preisgünstige und umweltverträgliche Energieversorgung zu schaffen. Ohne ausreichende und preiswerte Energie wird unser rohstoffarmer Industriestandort existentiell gefährdet und die Arbeitslosigkeit ungeahnte Rekorde erreichen. Die energiepolitische Diskussion in Deutschland, die sich vor allem um die Gegenüberstellung von erneuerbaren Energien und Kernenergie dreht, erscheint vor diesem Hintergrund provinziell und orientierungslos. Der Energiegipfel bietet die Chance, endlich geeignete Strukturen für die zukünftige Versorgung zu schaffen.

Sich auf russiches Erdgas zu verlassen ist riskant

Es gilt unabhängiger zu werden durch einen technologieoffenen Energiemix: Sich auf russisches Erdgas zu verlassen, ist riskant. Denn es zeichnet sich ab, daß Rußland seinen Export in die asiatischen Wachstumsstaaten forciert, die in der Lage sein werden, mehr als wir für Energie zu bezahlen. Somit stellt sich die Frage, welche Energieträger die Energieversorgung Deutschlands langfristig sichern können.

Die Antwort ist relativ einfach: alle, insbesondere die preiswerten. Da aber heute nicht bekannt ist, welche Energieträger zukünftig - etwa im Jahr 2020 - preiswert sind, ist es notwendig, unsere Energieversorgung auf einen umfassenden technologieoffenen Energiemix auszurichten. Insbesondere bei den Importenergieträgern, die zu weiten Teilen aus krisenanfälligen Regionen stammen - also insbesondere bei Erdöl -, müssen Möglichkeiten vorgesehen werden, um kurzfristig Ersatz schaffen zu können.

Nationale Ressourchen nutzen, Forschung stärken

Die Konsequenz lautet: nationale Energieressourcen nutzen, Forschung verstärken. Als nationale Ressourcen stehen Braunkohle, Steinkohle, Erdgas, Kernenergie und erneuerbare Energien zur Verfügung. Keine von ihnen darf unberücksichtigt bleiben. Bei der Stromerzeugung aus Braunkohle und Steinkohle müssen die Abspaltung und Entsorgung von Kohlendioxyd entwickelt und erprobt werden, um klimaschonende, möglichst kohlendioxydfreie Kraftwerke betreiben zu können.

Bei den erneuerbaren Energieträgern müssen die Forschungsanstrengungen verstärkt und mit der Entwicklung und Erprobung neuer Speichertechnologien gekoppelt werden. Die durch undifferenzierte Förderung entstandenen teilweise absurden Situationen müssen beendet werden.

Kein technologischer Fadenriß in der Atomkraft

Die Subventionierung von Steinkohle und erneuerbaren Energien muß sich an dem Kriterium der Versorgungssicherheit orientieren. Wir müssen uns fragen, wie viel Versorgungssicherheit wir wollen und was wir bereit sind, dafür zu bezahlen. Aus diesem Blickwinkel sind die Fördersysteme unter Berücksichtigung der Effizienz, der Entwicklungspotentiale und gesamtwirtschaftlicher Aspekte aufeinander abzustimmen.

Der weitere Ausbau konventioneller Erdgaslagerstätten muß vorangetrieben werden. Deutschland hat große, zur Zeit aber noch nicht wirtschaftlich nutzbare Gasvorkommen, die nur mit besonderen Techniken verfügbar gemacht werden können. Diese Techniken müssen entwickelt werden.

Auch die Kernenergie, die nur bedingt eine nationale Energiequelle ist, wird künftig genutzt werden müssen, wobei auch berücksichtigt werden muß, daß andere europäische Staaten auf den europäischen Druckwasserreaktor setzen, der höchste Sicherheitsstandards erfüllt. Es darf keinen technologischen Fadenriß geben. Ausbildung und Spitzenforschung müssen auch künftig gewährleistet sein. Die Forschungsanstrengungen für die Kernfusion müssen verstärkt werden, um in Zukunft Unabhängigkeit von Kernbrennstoffimporten zu erreichen. Klar ist: Ein Schwerpunkt muß in allen Bereichen auf die Steigerung der Energieeffizienz gelegt werden.

Abhängigkeit vom Öl reduzieren

Im Vergleich zur Stromerzeugung und zum Energiebedarf für die Wärmeerzeugung ist die Energieversorgung zur Aufrechterhaltung der Mobilität am stärksten gefährdet. Versorgungsausfälle würden uns empfindlich treffen. Wir müssen unsere Abhängigkeit vom Öl reduzieren, die Förderung und Entwicklung alternativer Kraftstoffe sind sicherlich die richtigen Schritte.

Was aber fehlt, ist eine langfristige Strategie, die die technologischen und logistischen Voraussetzungen für ein Umsteigen auf alternative Kraftstoffe schafft und im praktischen Einsatz erprobt. Dabei müssen Biogas sowie synthetische Kraftstoffe wie Sunfuel eine wichtige Rolle spielen. Ein verfrühter breiter Fehlschlag mit den falschen Mitteln führt zu Fehlallokationen und zu unnötigen Steuerausfällen.

Außenpolitik muß Energiepolitik als strategisches Feld begreifen

Freier Handel und Wettbewerb müssen innerhalb der EU und in Deutschland mit Nachdruck verfolgt werden. Die Anstrengungen, einen echten Wettbewerb im Energiemarkt zu ermöglichen, müssen verstärkt werden. Was nützt etwa Trennung von Versorgung und Netz (unbundling), wenn die wesentlichen Akteure nicht konsequent in den Wettbewerb miteinander eintreten. Wenn es nicht gelingt, auf diesem Weg einen echten Wettbewerb herzustellen, muß letztlich über ein Konzept zur Entzerrung und Entflechtung der Energiewirtschaft nachgedacht werden.

Die deutsche Außenpolitik muß Energiepolitik als Teil ihrer Strategie begreifen. Dabei gilt es, die langfristige Versorgung mit Öl, Gas und weiteren Rohstoffen zu sichern und - wenn möglich - deutschen Unternehmen zu helfen, die sich an ausländischen Rohstoffvorkommen beteiligen wollen.

Hierzu sollte die Bundesregierung eine Denkfabrik einrichten, die sich um diese Problematik dauerhaft und intensiv kümmert. Vorsorglich ist auch zu überlegen, wie sich Deutschland auf ein mögliches russisch geführtes Erdgaskartell ähnlich der Opec, eine GPEC, einstellen will.

Hans-Heinrich Sander (FDP) ist niedersächsischer Umweltminister.



Text: F.A.Z., 03.04.2006, Nr. 79 / Seite 16
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Sie möchten Zuschuss zur Ihrer neuen Brille? Vergleichen Sie jetzt online einfach und bequem verschiedene Krankenzusatzversicherungen und sparen Sie bares Geld!

Dax
Tec
Dow
Nas
06.11.2009 | 17:45
Dax 5.488,25
+0,13 %
 
        Vortag
09.11.2009 | 04:38
Name Kurs in %
DAX 5.488,25 +0,13%
TecDAX 749,78 −0,03%
MDAX 7.084,74 +0,96%
SDAX 3.465,16 +1,09%
REX 372,70 −0,02%
Eurostoxx 50 2.794,25 +0,03%
Dow Jones 10.023,40 +0,17%
Nasdaq 100 1.730,76 +0,56%
S&P500 1.069,30 +0,25%
Nikkei225 9.789,35 +0,74%
EUR/USD 1,4904 +0,21%
Rohöl Brent Crude 76,72 $ +0,33%
Gold 1.096,75 $ +0,71%
Bund Future 120,85 € −0,18%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche