Von Claus Tigges
06. April 2008 Ben Bernanke hat mehr Glück gehabt als sein Vorgänger Alan Greenspan: Dem blieben nach seinem Amtsantritt 1987 nur wenige Wochen, dann musste er während des großen Börsenkrachs im Oktober seine erste ernste Bewährungsprobe als oberster amerikanischer Währungshüter meistern. Bernanke hatte immerhin fast zwei Jahre Zeit zur Eingewöhnung. Erst dann zerplatzte eine Blase auf dem Immobilienmarkt, prallte mit großer Wucht auf den Markt für Hypothekendarlehen und brachte das Finanzsystem ins Wanken.
Seit einigen Monaten sind die Arbeitstage des Ökonomen an der Spitze der mächtigsten Notenbank der Welt länger geworden. Auch an den Wochenenden sitzt Bernanke nun in seinem Büro an der 20. Straße im nordwestlichen Viertel der amerikanischen Hauptstadt. Die Gefahren an den Finanzmärkten erfordern seine ganze Aufmerksamkeit.
Kampf an mehreren Fronten
Der 54 Jahre alte Währungshüter, der viele Jahre an der Eliteuniversität Princeton lehrte und forschte, ehe er 2002 nach Washington kam, muss nun an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen: Die Konjunktur ist ins Straucheln geraten, Amerika steckt womöglich zum ersten Mal seit sieben Jahren in einer Rezession.
Außerdem lauern Gefahren im Finanzsystem, weil viele Marktakteure, von Investmentbanken bis zu Hedge-Fonds, in einer schier unstillbaren Gier nach Rendite blindlings in riskante Wertpapiere investiert haben, die mit Forderungen aus zweitklassigen Hypothekendarlehen besichert und angesichts der Zahlungsunfähigkeit vieler Schuldner nun kaum noch etwas wert sind.
Bernanke hat den Kampf aufgenommen und im Spätsommer 2007 einen Kurswechsel in der Geldpolitik eingeleitet. Seither hat die Fed den Tagesgeldzins schnell insgesamt um drei Prozentpunkte gesenkt, und sie hat eine Reihe neuer Kreditlinien geschaffen, mit deren Hilfe sie die bedrängten und verunsicherten Banken so lange mit zusätzlicher Liquidität versorgen wird, bis die Spannungen an den Märkten überwunden sind.
Er handelt nicht aus Instinkt
Bernanke, der bei öffentlichen Auftritten stets einen ruhigen, gewissenhaften und besonnenen Eindruck erweckt, handelt nicht aus Instinkt. Im Gegenteil: Er vertraut auf die Einsichten, die ihm seine ökonomische Forschung verschafft hat. Schon als junger Professor an der Stanford-Universität in der ersten Hälfte der achtziger Jahre hat sich Bernanke eingehend mit der Großen Depression in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und deren Ursachen beschäftigt.
Eines seiner Ergebnisse: Eine falsche Geldpolitik löste die Krise damals aus, weil die Fed den Zusammenbruch vieler Banken nicht verhinderte und zuließ, dass das Geldangebot schrumpfte. Die Depression habe nicht zuletzt deshalb so lange gedauert, weil der Abschwung durch die Probleme im Finanzsystem verstärkt wurde.
Vor diesem Hintergrund erscheint es logisch und angemessen, dass Bernanke in der aktuellen Lage viel zusätzliches Geld in die Wirtschaft pumpt; in der Hoffnung, es werde die Gemüter der verunsicherten Banker beruhigen und der Wirtschaft wieder auf die Beine helfen. Die Fed erfüllt in diesen Wochen ihre Aufgabe als "lender of last resort", als "Kreditgeberin der letzten Instanz", weil sich die Banken untereinander nicht mehr über den Weg trauen.
Bewusst Ausfallrisiken übernommen
Auf Geheiß Bernankes und seiner Kollegen nimmt die Federal Reserve Bank von New York als Sicherheit für die Kredite an Banken, Investmentbanken und Wertpapierhäuser nicht mehr nur Anleihen allererster Güte herein, sondern auch jene Papiere, hinter denen die faulen Hypothekendarlehen stecken. Damit übernimmt die Fed bewusst das Ausfallrisiko dieser Papiere, ein Vorgehen, für das letztlich die Steuerzahler geradestehen müssen.
Kritik muss sich Bernanke derzeit gleichwohl nicht so sehr wegen dieser Liquiditätsspritzen gefallen lassen, als vielmehr für die von ihm und dem Präsidenten der Fed in New York, Tim Geithner, ins Werk gesetzte Rettungsaktion für die angeschlagene Investmentbank Bear Stearns. Aus der Angst heraus, ein Zusammenbruch könnte eine gefährliche Kettenreaktion auslösen und das Finanzsystem zusammenklappen lassen, haben sie einen Kredit von 29 Milliarden Dollar bewilligt. Mit dem Geld hat die Fed das Ausfallrisiko für das riskante Milliarden-Engagement von Bear Stearns auf dem Hypothekenmarkt auf ihre Bücher übertragen und so den Verkauf an die Investmentbank J.P. Morgan erst ermöglicht.
Kritikwürdig ist dieses Vorgehen vor allem deshalb, weil Bernanke damit ein Stück weit die gierige und verantwortungslose Geschäftsstrategie von Bear Stearns belohnt und das Geld womöglich von den amerikanischen Steuerzahlern gezahlt werden muss. Bernanke wird sich darüber im Klaren sein, dass er damit "moral hazard" Vorschub leistet: Die Gewissheit, die Fed werde ihnen im Ernstfall zu Hilfe eilen, könnten die Marktakteure zur Vernachlässigung von Risiken verleiten. Aber die Entscheidung zur Rettung von Bear Stearns macht deutlich, dass Bernanke das Risiko einer Systemkrise größer einschätzt als die Gefahr des "moral hazard".
Die Saat für eine neue Preisblase
Ähnlich wie mit der Rettung für eine einzelne Bank verhält es sich mit der aggressiven Lockerung der Geldpolitik. Auch sie birgt den Keim einer Wiederholung in sich. Es bestehen kaum Zweifel, dass die Immobilienblase vor allem deshalb entstehen konnte, weil die Fed - noch unter Greenspans Führung - den Leitzins zu lange zu niedrig gelassen und damit inflationstreibende Liquidität in die Wirtschaft gepumpt hat.
Für einige Zeit zeigte sich diese zu großzügige Geldpolitik nicht in einem schnelleren Anstieg der Verbraucherpreise, sondern führte auf dem amerikanischen Häusermarkt zu sagenhaften Preissteigerungen. Inzwischen ist die Immobilienblase ebenfalls zerplatzt, und die Inflation der Verbraucherpreise beträgt 4 Prozent: ein Niveau, das mit Preisstabilität kaum zu vereinbaren ist.
Indem Bernanke im Bemühen um eine Stabilisierung der Konjunktur die Geldschleusen weit geöffnet hat, bringt er vermutlich die Saat für eine neue Preisblase auf einem Markt für Vermögenswerte aus. Ganz zu schweigen von den Risiken für die Verbraucherpreise. Doch ebenso wie im Fall Bear Stearns schätzt der Währungshüter die Preisgefahren derzeit geringer ein als das Risiko eines scharfen Knicks in der Konjunktur der größten Volkswirtschaft der Welt.
Fed handelt hektischer als andere Notenbanken
Das Handeln der Federal Reserve, auch das wird an der aktuellen Episode deutlich, wirkt unruhiger, hektischer als das anderer Notenbanken. Das hat seinen Grund zumindest zum Teil darin, dass ihr Auftrag nicht ebenso eindeutig definiert ist wie beispielsweise der der Europäischen Zentralbank (EZB). Während die EZB vom Maastrichter Vertrag nur auf die Sicherung der Preisstabilität verpflichtet wird, sind im Federal Reserve Act neben "stabilen Preisen" auch noch "maximale Beschäftigung" und "mäßig hohe langfristige Zinsen" als Ziele der amerikanischen Geldpolitik vorgegeben.
Zwischen der Fed und den Gesetzgebern im Kongress besteht Einvernehmen darüber, dass es sich um ein "duales Mandat" handelt, die Wahrung eines möglichst stabilen Geldwertes also ebenso wichtig ist wie eine niedrige Arbeitslosigkeit. Dieser zweifache Auftrag stammt aus einer Zeit, in der unter Ökonomen die Einschätzung verbreitet war, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage lasse sich durch niedrige Zinsen und eine etwas höhere Inflationsrate dauerhaft stärken.
Diese Vermutung ist zwar seit langer Zeit schon als falsch widerlegt, und auch Bernanke weiß, dass eine allzu großzügige Ausstattung der Wirtschaft mit Liquidität letztlich nur zur Aufweichung der Preisstabilität führt. Aus dieser Einsicht heraus ziehen sich Jean-Claude Trichet und seine Kollegen im Frankfurter Euro-Tower auf die Haltung zurück, dass sie den besten Beitrag zu Wachstum und Beschäftigung nicht durch ein schnelles Drehen an der Zinsschraube leisten, sondern durch eine verlässliche, einzig auf die Bekämpfung der Inflation gerichtete Politik.
Vom eigenen direkten Inflationsziel noch entfernt
Bernanke hingegen ist davon überzeugt, dass die Geldpolitik zumindest kurzfristig einer ins Stocken geratenen Konjunktur neuen Schwung geben kann - selbst wenn es langfristig keinen Ausgleich zwischen Wachstum und Inflation gibt. Und er weiß auch um die großen Vorteile einer Geldpolitik, die ihren Kurs nicht freihändig steuert, sondern sich an einen Kranz von Regeln hält.
Nicht ohne Grund gilt der Ökonom als einer der eifrigsten Befürworter eines "direkten Inflationsziels" als vermeintlich beste Strategie für eine Zentralbank. In einem solchen Regime geben die Währungshüter zunächst jene niedrige Inflationsrate vor, die sie mittelfristig für wünschenswert und mit ihrem Verständnis von stabilen Preisen für vereinbar halten. Hernach bemühen sie sich mit den Mitteln der Zinspolitik darum, diese Inflationsrate anzusteuern.
Von einem solchen Konzept ist die Fed auch gut zwei Jahre nach Bernankes Amtsantritt ein gutes Stück entfernt. Zwar hat die Notenbank seither einige Schritte auf dem Weg zu mehr Transparenz und Glaubwürdigkeit unternommen, doch eine stärkere Regelbindung gibt es bisher nicht. Es wäre zu wünschen, dass Bernanke sich nicht nur auf seine Forschungsarbeiten zur Großen Depression verlässt, sondern auch auf die, in denen er die Grundlagen für eine Inflationssteuerung als geldpolitisches Konzept gelegt hat. Die Vorgabe eines Inflationsziels ist lange überfällig. Bernanke muss nun den Mut aufbringen, sich vom Kurs seines Vorgängers zu entfernen. Sonst wiederholt er nur Greenspans Fehler.
Der Mensch
Ben Shalom Bernanke wurde 1953 im amerikanischen Bundesstaat Georgia geboren. Sein Vater besaß eine Drogerie, die sein Großvater - ein Einwanderer aus Österreich - aufgebaut hatte. Der ehemalige Princeton-Professor ist ein renommierter Geldtheoretiker. Bekannt wurde er, als er 2002 in den amerikanischen Zentralbankrat berufen wurde. 2005 holte ihn Präsident George W. Bush als Chef des Council of Economic Advisers ins Weiße Haus. Ein Jahr später trat Bernanke die Nachfolge des langjährigen Zentralbankchefs Alan Greenspan an. Bernanke ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Die Fed
Das Federal Reserve System, oft auch Federal Reserve oder Fed genannt, ist das Zentralbanksystem der Vereinigten Staaten. Es besteht aus dem Board of Governors, zwölf regionalen Federal Reserve Banks und einer Vielzahl von Mitgliedsbanken und anderen Institutionen. Ein wichtiger Unterschied zur Europäischen Zentralbank sind die Ziele. Während die EZB vom Maastrichter Vertrag nur auf die Sicherung der Preisstabilität verpflichtet wird, sind im Federal Reserve Act neben stabilen Preisen auch noch maximale Beschäftigung und mäßig hohe langfristige Zinsen als Ziele der Geldpolitik vorgegeben.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, Reuters
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