Von Nadine Oberhuber
30. März 2008 Ich hatte einen Albtraum: Ich beobachtete Frauen dabei, wie sie in 30 Jahren versuchten aufzuholen, was Männer ihnen mehrere Generationen voraushaben. Sah sie Abitur machen, studieren und die Hälfte der Arbeitsplätze erobern. Sah sie Bundeskanzlerin werden und Nobelpreise gewinnen. Hoffte, sie würden endlich selbstbewusst die Hälfte der Welt für sich reklamieren. Und dann hörte ich sie sagen: Frauen, wir haben versagt! (siehe dazu auch: Frauen, wir haben versagt!)
Ja, es stimmt, Mark Zuckerberg, der Gründer von Facebook, ist keine Frau. Es stimmt, dass Männer die Liste der größten Unternehmer anführen. Noch. Aber es stimmt nicht, dass Frauen nicht längst die Welt verändert haben: Frauen erfanden nicht nur Kaffeefilter und Geschirrspülmaschine, wofür selbst Männer dankbar sind. Ohne Frauen gäbe es auch keine Scheibenwischer, Hängebrücken und Paketfallschirme. Heute erfinden Frauen Krebstherapien und Handy-Lautsprecher. Es war sogar eine Frau, die den ersten programmierbaren Computer entwickelte. 1843, lange bevor Bill Gates' Großvater lebte. Die Programmiersprache Ada heißt noch heute nach ihr, Augusta Ada Lovelace.
Frauen haben die Chance sich unter die Goldgräber zu mischen
Warum all das heute keiner mehr weiß? Weil Frauen lange keine Patente auf ihren Namen eintragen durften. Bis Ende der 50er Jahre stand noch im Gesetzbuch: Das Vermögen der Frau ist bei der Heirat der Verwaltung des Mannes zu unterwerfen. Aber das haben viele vergessen. Zum Glück. Wir sollten ohnehin lieber nach vorne schauen: Frauen haben nicht nur seit 20 Jahren die Chance, sich unter die Goldgräber zu mischen - sie tun es seit den 90er Jahren auch. Sie gründen Firmen, auch im Web-2.0. Sogar bekannte, wie Flickr-Gründerin Catarina Fake beweist.
Gut, es könnten mehr sein. Nur jeder dritte Unternehmer ist eine Frau. Aber es werden mehr, sagt die Statistik: Seit 1996 ist die Zahl der Gründerinnen stärker gewachsen als die der Gründer. Auch in wissensintensiven Bereichen gründen Frauen viel öfter und nun auch viel größer. Unterschiede zwischen Frauen- und Männerfirmen schrumpfen. Warum jetzt erst? Weil Frauen erst in den 90er Jahren auf dem Arbeitsmarkt gleichzogen. Und seitdem auch als gut ausgebildete Akademikerinnen in die Selbständigkeit preschen.
Die Zahl hochqualifizierter Unternehmerinnen hat sich seitdem mehr als verdoppelt. Die Zahl der Hauptschulabgängerinnen dagegen, die Cafés und Friseursalons gründen, sinkt. Frauen haben jüngst 1,9 Millionen Arbeitsplätze geschaffen, 230 Milliarden Umsatz gemacht. Und selbst Männer haben nicht in einem Tag Rom erbaut und die Welt verändert. Zwischen Rockefeller und Bill Gates lagen auch ein paar Jahre.
Die gleiche Potenz wie Männer
Vom Willen und der Durchsetzungsfähigkeit her bringen Gründerinnen jedenfalls die gleiche Potenz mit wie Männer, sagen Studien. Dafür steht Frauen oft weniger Geld zur Verfügung, weil sie schwerer Kredite bekommen. Auch das sagen Statistiken. Aber es stimmt, dass Frauen oft die falschen Fächer studieren. Dass sie noch zu selten Informatikerinnen oder Ingenieurinnen werden. Das aber ändern wir nicht dadurch, dass wir ihnen Versagen vorwerfen, sondern ihnen mehr Lust auf Technik machen. Das müssen Eltern und Schule schaffen. Nicht die Gründerseminare der IHK.
Dass Frauen bisweilen Fächer wählen, die sich nicht rechnen, dass sie häufiger Mediziner werden, wo Ärzte nichts verdienen, sollten wir lieber nicht kritisieren: Gerade Mediziner und Biologen sind die Biotech-Gründer von morgen. Das wissen Frauen längst, wie Biocon-Gründerin Kiran Mazumdar-Shaw. Ihre Firma begann als Garagenklitsche und ist jetzt börsennotiertes Multimillionenunternehmen. International ist die Blutzuckerqueen ziemlich unbekannt. Am Erfolg liegt das nicht: Sie ist die reichste Frau Asiens mit einer halben Milliarde Dollar Privatvermögen. Noch Fragen, Zuckerberg?
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.03.2008, Nr. 13 / Seite 38
Bildmaterial: REUTERS
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