23. September 2005 Angesichts des auf die texanische Küste zustrebenden Wirbelsturms Rita haben zahlreiche Mineralölkonzerne mit der Schließung großer Raffinerien in der Region Houston begonnen.
Parallel dazu werden rund 40.000 Mitarbeiter von den Ölplattformen im Golf von Mexiko evakuiert. Auch die in dieser Region stark vertretenen Chemieunternehmen, darunter Tochtergesellschaften der deutschen Konzerne Bayer und BASF, leiteten die Schließung von Fabriken und die Evakuierung von Mitarbeitern ein. Der Bundestaat Texas besitzt die größte Konzentration von Raffinerien in den Vereinigten Staaten und ist für 26 Prozent der gesamten Kapazität des Landes verantwortlich.
Wegen der im vergangenen Monat durch den Hurrikan Katrina in den Bundesstaaten Louisiana und Mississippi verursachten Zerstörungen sind bereits 5 Prozent der amerikanischen Raffineriekapazitäten lahmgelegt. Das wird das Angebot zu einem Zeitpunkt verringern, an dem wir keine weitere Kürzung brauchen, kommentierte Roger Diwan, Fachmann für Ölmärkte bei der Beratungsgesellschaft PFC Energy, die Auswirkungen von Rita. Nach Ansicht von Diwan wird es vier bis fünf Tage dauern, bis die Raffinerien wieder einsatzbereit seien, selbst wenn Rita keine Schäden verursachen sollte.
Experte: Marktreaktion ist Hysterie
Meteorologen rechnen damit, daß Rita möglicherweise schon am Freitag die Küstenregion erreichen wird. Rita ist der bisher drittstärkste aktenkundige Wirbelsturm im Atlantik. An die potentiellen Folgen darf man gar nicht denken, sagte Paul Horsnell, der die Energie-Analyse bei der Bank Barclays in London leitet. Es gibt dort solch eine Konzentration von Raffinerien und Chemiefabriken in einer relativ kleinen Region, daß etwas mit einer derartigen Intensität extrem unangenehm werden kann, sagte Horsnell.
Am Terminmarkt reagierte der November-Kontrakt für ein Barrel (159 Liter) Rohöl mit einem Kursanstieg auf knapp 68 Dollar. Als Katrina die amerikanische Golfküste heimgesucht hatte, war der Rohölpreis zeitweise auf ein Rekordhoch von fast 71 Dollar gestiegen. Einzelne Analysten warnten aber vor Übertreibungen. Analyst Tom Kloza vom Informationsdienst Oil Price Information Service wies darauf hin, daß viele der gefährdeten Raffinerien in der Region Houston über dem Meeresspiegel liegen und in der Vergangenheit Wirbelstürmen getrotzt haben. Er hält die Marktreaktion für Hysterie, solange der Wirbelsturm nicht direkt auf die Raffinerien treffen sollte.
Ohne Beispiel in der jüngeren Zeitrechnung
Dennoch hat die Mineralölbranche noch nie eine derart verheerende Wirbelsturmsaison erlebt wie in diesem Jahr. Das Potential zweier großer Hurrikane in dieser Stärke ist ohne Beispiel in der jüngeren Zeitrechnung, sagte Chefmeteorologe Troy Frame vom Wetterdienst Alert Weather Services, der auf Vorhersagen für die Mineralölbranche spezialisiert ist. Die Mineralölkonzerne Royal Dutch Shell, ConocoPhillips und der Raffineriebetreiber Valero haben bereits mit der Schließung von vier Raffinerien in der Region Houston begonnen.
Die Konkurrenten BP und Marathon Oil schließen zwei Raffinerien in Texas City, das in Küstennähe liegt. Die ebenfalls in der Nähe von Houston liegende große Raffinerie von ExxonMobil in Baytown war am späten Mittwoch noch in Betrieb. Der weltgrößte Ölkonzern wollte am Donnerstag eine Entscheidung über den Standort Baytown sowie zwei weitere Raffinerien im texanischen Beaumont und Baton Rouge (Louisiana) treffen.
Auch BASF schließt Fabrik
Nach Angaben der Bundesbehörde US Minerals Management Service haben die Auswirkungen von Katrina und Rita im Golf von Mexiko die reguläre Produktion von 1,5 Millionen Barrel Rohöl pro Tag um 73 Prozent reduziert. Seit Ende August haben die Wirbelstürme die Produktion um 27 Millionen Barrel Rohöl gekürzt. Das entspricht 5 Prozent der Jahresproduktion. Die Produktion von Erdgas lag nach Angaben der Behörde bis zum Mittwoch um 47 Prozent unter den Normalwerten.
Die Chemiehersteller Dow Chemical und Lyondell Chemical haben mehrere Fabriken geschlossen. Der deutsche Pharma- und Chemiekonzern Bayer schließt vorübergehend seine Produktionstätte in Baytown. Jeder der etwa 1100 Mitarbeiter, die nicht unbedingt vor Ort benötigt werden, sei freigestellt worden, teilte ein Unternehmenssprecher mit.
Die Fabrik wird von der Tochtergesellschaft Bayer Material Science betrieben. Die Fabrik sei gegen Sturmschäden und Produktionsausfälle versichert. Auch der deutsche Chemieriese BASF hat mitgeteilt, daß sein texanischer Standort in Freeport zeitweilig stillgelegt werde.
Der Wirbelsturm Rita hat auch Einfluß auf die Benzinpreise in Deutschland. Am Donnerstag nachmittag erhöhte Total die Tankstellenpreise für Benzin und Diesel um 3 Cent je Liter. Diesem Anstoß, so hieß es im Markt, dürften sich alle anderen Mineralölkonzerne anschließen. Sie reagieren damit auf die deutlich gestiegenen Beschaffungspreise.
Am Freitag vergangener Woche kostete eine Tonne Benzin in Rotterdam 609 Dollar. Bis zur Mitte dieser Woche stieg der Preis auf knapp unter 700 Dollar. An den Zapfsäulen gab der Preis für einen Liter Normalbenzin vom 16. September bis zum 19. September dennoch um 2 Cent auf 1,30 Euro nach. Ein Sprecher von Exxon-Mobil (Esso) begründete dies mit dem intensiven Wettbewerb.
Bis zum Mittwoch ist der Benzinpreis infolge der Marktentwicklung jedoch auf 1,32 Euro gestiegen. Für einen Liter Super und Diesel waren im Durchschnitt 1,34 und 1,14 Euro zu bezahlen. Über diese Preisrunde hinaus rechnen Fachleute in den kommenden Tagen mit weiteren Erhöhungen. Deren Höhe hängt vom Ausmaß der Schäden ab, die Rita verursacht.
Text: nks., rit., F.A.Z., 23.09.2005, Nr. 222 / Seite 16
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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