16. Oktober 2007 Das deutsche Bildungssystem hat endlich einmal einen Grund zum Feiern. Gleich zwei Nobelpreisträger in Naturwissenschaften kommen in diesem Jahr aus Deutschland. Wir können es also doch, brüsten sich die Bildungspolitiker.
Dabei ist längst klar: Das deutsche Bildungssystem ist weder gut noch gerecht. Die Vorstellung, unsere Gymnasien, der Stolz der Republik, produzierten eine international einmalige Elite, ist eine Illusion. Die frühe Aufteilung auf Schultypen bringt keine Vorteile, nicht einmal für die Besten. Schulen im Ausland, die Kinder meist bis zum 14. oder 15. Lebensjahr gemeinsam unterrichten, weisen deutlich bessere Ergebnisse auf - auch in den Leistungsspitzen.
Unser Schulsystem ist extrem ungerecht
Der schlimmste Befund aber ist, dass unser Schulsystem extrem ungerecht ist. Kinder aus gutbetuchten und gut gebildeten Haushalten werden systematisch bevorzugt. Leistung ist manipulierbar. Wie in kaum einem anderen Land hängt es in Deutschland vom familiären Hintergrund ab, ob wir gute Bildungsleistungen erzielen oder nicht, sagt der Bildungsökonom Ludger Wößmann von der Universität München. Wir verschleudern Potential. Werden Begabungen nicht ausgeschöpft, verzichtet das Land auf Kreativität und am Ende auf Wohlstand.
Die Verlierer sind nicht die Überflieger. Sie werden in der Regel auch dann erkannt, wenn sie aus einem Arbeiterhaushalt stammen. Das Nachsehen haben Kinder, die leicht überdurchschnittlich intelligent sind, aber aus sozial schwachen Familien kommen.
Die Reichen kaufen sich aus dem System
Die Soziologin Heike Solga hat untersucht, wie das kognitive Potential von Kindern zusammenhängt mit der Empfehlung für das Gymnasium. Das Ergebnis: Bei Nichtakademikerkindern gibt es eine klare Beziehung zwischen Potential und Schulempfehlung. Je höher das Potential, desto besser die Empfehlung. Bei Akademikerkindern gilt das nicht. Bei ihnen gibt es nur eine kleine Gruppe, die nicht das Gymnasium besucht, sagt Solga. Ab einem bestimmten sehr niedrigen Schwellenwert der Fähigkeiten gehen sie alle auf das Gymnasium. Schlechter gestellte Kinder kommen erst bei deutlich besseren Leistungen auf die höchste Schulform.
Verstärkt werden die ungleichen Chancen zusätzlich durch den Boom der Privatschulen in Deutschland, die oft hohe Schulgebühren verlangen. Je größer der Anteil der privat finanzierten Schulen, desto größer die Ungleichheit, sagt Wößmann. Die Reichen kaufen sich aus dem System.
Die Schere wird noch weiter auseinandergehen
Das hat gesellschaftliche Folgen. Wo schulische Leistungen auseinanderklaffen, führt das dazu, dass Gehälter auseinanderklaffen, sagt Bildungsökonom Wößmann. Je ungerechter das deutsche Bildungssystem also wird, desto weiter wird die Gehaltsschere in Zukunft auseinandergehen. Und zwar nicht zwischen Intelligenten und weniger Intelligenten, sondern zwischen Akademikerkindern und Kindern von Arbeitern und einfachen Angestellten.
Außerdem gelangen Menschen in hohe Positionen, die zwar formal die richtigen Qualifikationen haben, aber eigentlich überfordert sind, warnt Elsbeth Stern, Professorin für Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich. Sie fordert: Bildung sollte nicht mehr als individuelle Aufgabe gesehen werden, sondern als gesellschaftliche.
Viel zu früh verteilt
Die Lösung wäre einfach, denn alle Wissenschaftler sind sich einig: Kinder in Deutschland werden viel zu früh auf unterschiedliche Schularten verteilt. Kein Land ist so dumm wie Deutschland, so früh die Entwicklungsmöglichkeiten zu kanalisieren, sagt Stern. Die vier Grundschuljahre böten Kindern aus bildungsfernen Schichten nicht genügend Zeit, ihre Startnachteile auszugleichen. Wer sich später günstig entwickelt, hat keine Chance mehr.
Das Argument gibt es schon lange, doch nun haben die Forscher endlich auch Zahlen an der Hand, die ihre Forderung unterstützen. Pisa belegt eindeutig: Je früher wir die Kinder in unterschiedliche Schultypen einteilen, desto ungerechter wird unser Schulsystem, sagt Ludger Wößmann. Er kämpft gegen das Vorurteil, die besten Schüler würden in einer Gemeinschaftsschule verlieren und ihre Leistungen würden sinken. Das stimmt nicht, sagt Wößmann. Es gibt kein Trade-off zwischen hohen Leistungen und Chancengleichheit. Das zeige Finnland. Dort ist das Leistungsniveau viel höher als bei uns, aber auch die Gleichheit. Finnland hat eine Einheitsschule für Schüler bis zum Alter von 15 Jahren.
Wer Einfluss hat, hat Kinder auf dem Gymnasium
Zwei weitere Punkte führen laut internationaler Studien zu mehr Gerechtigkeit: frühkindliche Bildung für alle, etwa eine Kindergarten-Pflicht oder frühere Einschulung, und mehr privat geführte, aber öffentlich finanzierte Schulen. Eine private Schulleitung führt zu höherer Chancengleichheit, sagt Wößmann. Das gilt allerdings nur, wenn sie keine Schulgebühren verlangt. Das würde die Ungleichheit verstärken. Privat geführte Schulen und frühkindliche Bildung haben noch ein weiteres Plus. Sie steigern auch das Leistungsniveau.
Wößmann begeistern seine Ergebnisse - auch weil in einigen Bereichen eher linke Ideen korrekt sind, in anderen konservative Positionen. Die Politiker beider Seiten könnten nun aufeinander zugehen. Die Politik muss endlich auf die Fakten schauen.
Die schwierigste Diskussion wird dabei die um das Gymnasium sein. Die Schichten, die den größten politischen Einfluss haben, schicken ihre Kinder aufs Gymnasium, sagt Wößmann. Die wollen keine Veränderung. Das sei aus individueller Sicht korrekt, denn sie sicherten ihren Kindern die besten Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Aus gesamtgesellschaftlicher Sicht ist das aber falsch. Die Soziologin Solga sagt: Wer das Gymnasium abschaffen will, braucht den Mut dazu, sich unbeliebt zu machen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: F.A.Z., Michael Hauri - F.A.Z.
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