Getankt wird immer

Preisschock an der Zapfsäule

Von Henning Peitsmeier

17. Mai 2008 Die Fahrt zur Tankstelle ist eine ziemlich gute Chance, sich schlechte Laune zu holen. Und übellaunige Kunden kennt auch Roberto Magnone. „Sie sind aber nicht sauer auf uns“, sagt der Italiener, der als stellvertretender Stationsleiter eine Esso-Tankstelle im Süden Frankfurts führt. 1,47 Euro kostet der Liter Diesel hier, einen Cent weniger als bei der Konkurrenz gegenüber der zweispurigen Ausfallstraße. „Meine Kunden“, sagt Magnone, „wissen, dass wir nicht schuld sind an den hohen Preisen.“ In Magnones Esso-Station herrscht reger Betrieb, draußen sind fast sämtliche Zapfsäulen an diesem Morgen belegt, drinnen trinken zwei Fernfahrer friedlich ihren Kaffee.

Getankt wird immer. Trotzdem: Wer seinen VW Golf für 75 Euro volltanken muss, könnte an das baldige Ende des Erdölzeitalters denken. Der Preisschock an den Zapfsäulen sitzt jedenfalls tief, kostet eine Tankfüllung heute mehr als doppelt so viel wie 1990. Ökonomen können sie einfach erklären, die Tatsache, dass ein Produkt, das auf längere Sicht knapp wird, zwangsläufig im Preis steigen muss, sofern die Nachfrage nicht zurückgeht.

„Abzockerei“ an der Tankstelle

Doch so einfach macht das der deutsche Autofahrer nicht mit, erst recht nicht, wenn mit Fronleichnam wieder ein Feiertag vor der Tür steht, der Familienausflug ins lange Wochenende mit dem Auto geplant ist und die Erkenntnis reift, dass der Staat an den hohen Preisen kräftig verdient. Lobbyisten und Oppositionspolitiker heizen die schlechte Stimmung an der Zapfsäule weiter an. Gregor Gysi, als Fraktionsvorsitzender der Linkspartei selbsternannter Anwalt des kleinen Mannes, schimpft über die „Abzockerei“ an der Tankstelle und erhält Unterstützung von den Grünen - ausgerechnet jener Partei, die vor zehn Jahren die Ökosteuer einführte und der damals der Sprit eigentlich nicht teuer genug sein konnte; nun will Grünen-Chef Reinhard Bütikofer die Mineralölkonzerne mit einer Sondergewinnsteuer in die Pflicht nehmen.

Die großen deutschen Umweltverbände wiederum fordern gleich ein Zulassungsverbot für Neuwagen mit hohem Kraftstoffverbrauch, frei nach dem Motto „Spritfresser müssen von den Straßen runter“, wie es etwa der Präsident des Naturschutzbundes, Olaf Tschimpke, schlagzeilenträchtig formuliert.

So groß ist die Empörung, dass die Boulevardpresse Politiker zum Handeln der Politiker aufrufen lässt, wie zuletzt den saarländischen SPD-Vorsitzenden Heiko Maas: „Ich fordere Kanzlerin Angela Merkel auf, der Preistreiberei ein Ende zu setzen und für bezahlbare Spritpreise zu sorgen.“ Warum? Die Grenze des Zumutbaren sei überschritten. Niedrigere Spritpreise verlangt von der Kanzlerin auch die FDP - über Steuersenkungen. Für Energie sollte wie für Lebensmittel der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent gelten, weil Autofahren, Heizung und Strom für die Wohnung kein Luxus werden dürften, lautet der Vorschlag von Oppositionspolitiker Guido Westerwelle.

Ölexperten: Benzin und Diesel bleiben lange teuer

Selbst in der Bundesregierung mehren sich Stimmen für eine Entlastung des Autofahrers. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) will die volle Entfernungspauschale wieder einführen, um Berufspendlern entgegenzukommen. Ähnliches führt Bundesumweltminister Sigmar Gabriel im Schilde, der mit einer gezielten Pendlerpauschale für Geringverdiener diejenigen fördern will, die sich neue, sparsame Autos nicht leisten können. Vor sechs Wochen wollte der SPD-Politiker den Autofahrern noch höhere Benzinpreise zumuten, doch weil mehr als 3,5 Millionen Autos den von der Koalition verordneten Biosprit nicht vertrugen, machte Gabriel eine Kehrtwende.

Gern wird in all den populistischen Debatten um die Kraftstoffpreise vergessen, dass eine Steuersenkung auf Benzin und Diesel oder die Wiedereinführung der Pendlerpauschale eigentlich das falsche Signal an die Verbraucher sendet. Ein sparsamer Umgang mit dem Kraftstoff ließe sich so nicht erreichen. Nun gehen Ölexperten davon aus, dass Benzin und Diesel lange teuer bleiben werden. Die Kombination aus hohem Rohölpreis und gewaltigem Bedarf in Amerika und China, Ausfällen auf der Angebotsseite, also in den Ölförderländern Venezuela, Nigeria und Iran, gepaart mit der Furcht vor neuen Terroranschlägen, dürfte den derzeitigen Zapfsäulenschock zum Dauergemütszustand von Autofahrern werden lassen.

Die sind ohnehin nachhaltig verunsichert. Abzulesen in der Statistik des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) in Flensburg. Weil der Diesel-Kraftstoff mittlerweile so teuer ist wie Benzin, ist der Anteil der Selbstzünder im April laut KBA von 47,7 Prozent auf 44,5 Prozent gesunken - auf das Jahr hochgerechnet, könnten in Deutschland somit 45.000 Diesel-Fahrzeuge weniger verkauft werden. Insgesamt stagnieren die Neuzulassungen in den ersten vier Monaten 2008 auf dem niedrigen Niveau des Vorjahres, das den Autokauf wegen der angehobenen Mehrwertsteuer unattraktiver machte und mit knapp 3,2 Millionen Neuwagen als schlechtestes Autojahr seit der Wiedervereinigung in die Statistik einging.

„Der Staat kappt die Lust am Autofahren“

Doch auch ein Jahr danach jammern die Autohändler. „Der Staat kappt die Lust am Autofahren“, sagt ein Sprecher des ZDK, der Vertretung des deutschen Kraftfahrzeuggewerbes. Erst eine höhere Mehrwertsteuer, dann die gestrichene Entfernungspauschale, dazu das Umwelttheater um Rußpartikel, Biosprit und grüne Umweltplaketten - all das, schimpfen Autohändler, habe den potentiellen Autokäufer derart verunsichert, dass er seine „Dreckschleuder“ lieber noch ein paar Jahre weiter fahre. Das erklärt, warum der Fahrzeugbestand in Deutschland immer mehr altert. Inzwischen sind die Autos auf deutschen Straßen im Durchschnitt älter als acht Jahre. Parallel dazu sind Neuwagen auch immer teurer geworden.

Gestiegene Anschaffungskosten für Autos sind sicher ein Grund, warum insbesondere Menschen mit niedrigen Einkommen den Autokauf auf die lange Bank schieben. Wenn aber die Betriebskosten in Form hoher Spritpreise so wie jetzt deutlich zulegen, ist das ein Kaufanreiz. Doch selbst großzügige Rabatte helfen nicht. „Wir haben eigentlich einen Käufermarkt“, sagt ein Unternehmenssprecher von Fiat Deutschland. „Nur der Käufer spielt nicht mit.“ Fiat gewährt zum Beispiel fünf Jahre Garantie, bietet Finanzierungen ohne Anzahlung, und trotzdem sinken bei dem Importeur im Mai die Auftragseingänge der Privatkunden.

Der Autohandel klagt allgemein über sinkende Margen, Neuwagen ließen sich oft nur mit Verlust verkaufen. Selbst vor Europas Marktführer Volkswagen macht die Misere nicht halt. Angeblich sollen 70 Prozent der VW-Händler im Neuwagengeschäft defizitär sein. Geld wird nur noch in der Werkstatt verdient.

Warum also sparsame Autos bauen?

Gäbe es nicht noch ein Phänomen: Selbst in Zeiten hoher Benzinpreise erfreuen sich nämlich spritfressende Geländewagen großer Beliebtheit. Denn neben dem rationalen Kalkül vieler Menschen gibt es auch eine wachsende Schar derjenigen, für die ein Auto ein emotionales Produkt ist. Die Premiumhersteller BMW, Audi und Mercedes bedienen eine zahlungskräftige Klientel mit Sports Utility Vehicles (SUV), Fahrzeugen mit kräftigen Motoren, Allradantrieb - und zuverlässig hohem Benzinverbrauch. Ob BMW X5 oder Mercedes M-Klasse, SUV erzielen glänzende Verkaufserfolge. Auch die Massenhersteller VW, Opel und Ford dringen in das SUV-Segment. Zu Recht, denn sie haben offenkundig für eine hohe Nachfrage das richtige Angebot. Auf den geländegängigen VW Tiguan warten Kunden ein halbes Jahr, den geräumigeren und sparsameren Golf Plus kaufen sie aber selbst mit hohen Rabatten kaum.

Warum also sparsame Autos bauen? Früher waren Autos wie der Drei-Liter-Lupo von VW oder der Aluminium-A2 von Audi keine Autos für Otto Normalverbraucher, sondern allenfalls für technikbegeisterte Physiklehrer oder Gutmenschen aus der Müsli-Ecke. Lupo und A2 schonten zwar die Umwelt, wegen ihres hohen Anschaffungspreises aber nicht den Geldbeutel.

Doch jetzt haben sich die Zeiten geändert. Sparsame Autos können zum Verkaufsschlager werden, vorausgesetzt sie sind preiswert. Zudem wollen Autokäufer heute wissen, ob sie morgen noch mit ihrem Fahrzeug in die Innenstadt fahren dürfen, ob es Biosprit verträgt und auch in vier oder fünf Jahren noch einen angemessenen Wiederverkaufswert besitzt.

Das Ziel stellt niemand ernsthaft in Frage

Fast alle großen Autohersteller arbeiten fieberhaft daran, den Kraftstoffverbrauch zu senken, weniger klimaschädigendes Kohlendioxid auszustoßen und künftig Fahrzeuge mit Elektro-, Brennstoffzellen- oder Hybridantrieben anbieten zu können. Druck kommt von den Brüsseler Bürokraten. Die EU-Kommission will die durchschnittlichen Emissionen aller in Europa verkauften Neuwagen von 2012 an auf 130 Gramm Kohlendioxid senken - dies entspricht in etwa einem Verbrauch von 5,5 Litern Benzin auf einhundert Kilometer. Derzeit sind es in Deutschland durchschnittlich etwa 170 Gramm. Die Pläne von EU-Umweltkommissar Stavros Dimas sehen zwar kein Zulassungsverbot vor, wie es die Umweltverbände fordern. Aber Dimas will die Autokonzerne mit Bußgeldern bestrafen, wenn sie die Grenzen missachten.

Die Autoindustrie, von Politikern oft gescholten, hat sich darauf längst eingestellt. Das Ziel, den Energieverbrauch drastisch zu senken, stellt niemand mehr ernsthaft in Frage. Deutsche Automanager erinnern sogar an ihre Selbstverpflichtung zur Flottenverbrauchssenkung aus dem Jahr 1998. Zum Beispiel der BMW-Vorstandsvorsitzende Norbert Reithofer: „BMW erfüllt seine Selbstverpflichtung zur Reduzierung der CO2-Emissionen“, sagte Reithofer kürzlich nicht ohne Stolz im F.A.Z.-Gespräch (Siehe: Im Gespräch: BMW-Chef Norbert Reithofer). Sollte er auf dem Spritspar-Weg vorankommen, verzeihen ihm womöglich auch die eingefleischten Fans der weiß-blauen Marke, dass BMW künftig Vierzylinder-Motoren von Peugeot in die Einser-Reihe einbauen wird. Wenn das französische Herz hinter der bayerischen Niere sparsam und effizient schlägt, freut sich der BMW-Fahrer. Beim Besuch an der Tankstelle.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, ddp, dpa

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