Lebensmittelpreise

Welthungerhilfe klagt Industrieländer an

28. April 2008 Die Welthungerhilfe fordert die Bundesregierung auf, mehr für die Landwirtschaft und die ländlichen Räume in den Entwicklungsländern zu tun. "Heidemarie Wieczorek-Zeul muss die Mittel für diese Zwecke mindestens verzehnfachen", mahnte die Vorsitzende der Hilfsorganisation, Ingeborg Schäuble, im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Frau des Bundesinnenministers verweist auf die Einschätzung des International Food-Policy-Research-Instituts, wonach 20 bis 30 Prozent der Entwicklungsgelder in die Landwirtschaft fließen und zur Ernährungssicherung genutzt werden sollten. In den großen Industrieländern liege der Anteil nur bei 4 Prozent, in Deutschland komme man sogar gerade einmal auf 0,7 Prozent, kritisierte sie.

Wie Schäuble hervorhebt, hungern mehr als 800 Millionen Menschen in der Welt. Doch sei das Problem nicht neu, vielmehr hungerten vor allem auf dem Land seit Jahrzehnten Hunderte Millionen Menschen. Doch das habe man nicht gesehen. "Jetzt protestiert die städtische Bevölkerung, und die Welt ist aufgeschreckt." Grund sind rasant teurer werdende Nahrungsmittel, so haben die Weltmarktpreise für Weizen und Reis seit August 2007 um mehr als 60 Prozent zugelegt. "In den vergangenen Wochen hat sich die Krise zugespitzt. Der Preis von einer Tonne Reis stieg in Bangkok von 460 Dollar im März 2008 auf 780 Dollar im April", berichtete die Ökonomin.

Subventionen machen Konkurrenz unmöglich

Schäuble weist darauf hin, dass die Industrieländer ihren Bauern allein im vergangenen Jahr 350 Milliarden Dollar an Subventionen zukommen ließen. Damit seien ihre Produkte billig auf den Weltmärkten abgesetzt worden. Die Bauern in den Entwicklungsländern könnten mit diesen künstlich niedrig gehaltenen Preisen nicht konkurrieren. "Die Industrieländer haben damit nicht zugelassen, dass eine ausreichende Produktion in den Entwicklungsländern entsteht."

Wie die Hilfsorganisation hervorhebt, wirken sich die hohen Nahrungsmittelpreise unterschiedlich aus: Während die Verbraucher unter den hohen Preisen leiden, stellen sie für die Bauern und Bäuerinnen eine Chance dar, mehr Einkommen zu erzielen. Landwirtschaft werde wieder rentabel. "Nur höhere Preise führen dazu, dass mehr in die Landwirtschaft investiert wird", sagte Schäuble. "Selbstversorgung ist in Afrika schwer aufzubauen, wenn dort unsere Hühnerbeine fast umsonst auf den Markt geworfen werden." Sie warnte vor der Illusion zu glauben, man könne das große Ernährungsproblem in wenigen Monaten lösen. "Es reicht nicht, wenn man nur Säcke mit Reis und Geld schickt." Die Welthungerhilfe vertritt ein Drei-Stufen-Konzept: Auf die Nothilfe folgt der Wiederaufbau, an den sich die langfristige Entwicklungsförderung anschließen soll. Die Nahrungsmittelhilfe will sie mit Beschäftigungs- und Sozialprogrammen verbunden wissen, um langfristig die ländliche Infrastruktur zu verbessern, die Erträge zu erhöhen und neue Märkte zu erschließen.



Text: mas., F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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