Pflege

Wenn zum Reden keine Zeit mehr bleibt

Von David Meiländer

Zwölf statt acht Stunden: Katrin Hoffmann am Bett eines Patienten im Frankfur...

Zwölf statt acht Stunden: Katrin Hoffmann am Bett eines Patienten im Frankfurter Hufelandhaus

12. Oktober 2007  „Jetzt nicht erschrecken“, flüstert Katrin Hoffmann ihrem Patienten, Herrn Peer, ins Ohr und drückt auf einen Knopf unterhalb seines Bettes, das daraufhin ein Stück nach oben fährt. Herr Peer zeigt keine Reaktion, liegt nur da, splitternackt auf seiner linken Seite und starrt regungslos aus dem Fenster, hinter dem gerade die Sonne aufgeht. Aus seinem Bauch führt ein dünner Schlauch zu einem mit gelber Flüssigkeit gefüllten Plastikbehälter, der am Fußende des Bettes hängt. Allein auf die Toilette gehen, das ist für ihn seit seinem Schlaganfall vor zwei Jahren unmöglich geworden. Wie alles andere auch. Eigentlich kann Herr Peer, der in seinem früheren Leben Werbetexter war, überhaupt nichts mehr. Nicht einmal sprechen. Ob er noch denken kann, weiß niemand so genau.

Aber niesen kann er – direkt in Katrin Hoffmanns Gesicht. „Gesundheit, Herr Peer“, sagt sie laut und wendet sich ab. Herr Peer sagt nichts und dreht sich wieder dem Fenster zu.

Für jeden Patienten etwa 30 Minuten

Es ist etwa 11 Uhr am Morgen in der Station A1 des Hufeland-Hauses, einem Pflegeheim für alte und behinderte Menschen im Frankfurter Osten. 24 Menschen wohnen hier, für die Hälfte davon ist Katrin Hoffmann zuständig. Insgesamt acht Stunden dauert ihre Schicht. Zieht man Papier- und anderen Organisationskram ab, hat sie für jeden Patienten rein rechnerisch etwa 30 Minuten Zeit. Doch gerade bei Bewohnern wie Herrn Peer ist es damit nicht getan. Für sie braucht Hoffmann meist viel länger. Bis jetzt, um 11 Uhr, hat sie gerade einmal die Hälfte der Patienten geschafft, in zweieinhalb Stunden hätte sie eigentlich Feierabend.

Bewohner wie Herr Peer kosten nicht nur mehr Zeit, sondern auch mehr Kraft. Hoffmanns Kollegin, Irene Schmitt, steht neben dem Bett, um zu helfen. Gemeinsam drehen die beiden Frauen den 90 Kilo schweren Mann auf den Rücken. Mit einem Lappen wischt Katrin Hoffmann über seinen Bauch, während im Hintergrund das Radio läuft. Tom Higgenson singt von Sehnsucht und unerfüllter Liebe. Gerade, als er zum Refrain ansetzt und „What you do to me“ durch das Zimmer klingt, ertönt der Pieper. Frau Lumeier wartet in ihrer Duschkabine – schon länger als zehn Minuten.

MDS-Qualitätsbericht sorgte für Aufsehen

Spätestens seit Anfang September wird wieder über Pflege und deren Qualität diskutiert. Der Medizinische Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) sorgte mit seinem Qualitätsbericht für Aufsehen. Die Ergebnisse waren verheerend. Mehr als ein Drittel der Heimbewohner in Deutschland, so stellten die Prüfer des MDS fest, werden nicht ausreichend ernährt, jeder zehnte wird dadurch krank. Bei 42 Prozent der Insassen wurden Druckgeschwüre festgestellt, die entstehen, wenn Patienten zu lange auf einer Seite liegen. Unter Umständen kann es dadurch zu offenen Wunden kommen.

Die hat Frau Lumeier nicht. Dafür aber furchtbare Kopfschmerzen. Sie sitzt auf einem rollbaren Stuhl mit einem Loch in der Mitte der Sitzfläche und hat ihr Gesicht in den Händen vergraben. „Ich dachte, Sie hätten mich vergessen“, sagt sie vorwurfsvoll, als Katrin Hoffmann das Badezimmer betritt. Vor drei Tagen ist ihr Mann, der sich sonst um sie kümmert, wegen Herzbeschwerden ins Krankenhaus gebracht worden. Geht alles gut, dann ist Frau Lumeier nur vorübergehend hier. Wenn nicht, dann für immer.

„Die Pflegekassen zahlen weniger als früher“

Wie kommt es eigentlich zu den schlechten Bedingungen in Pflegeheimen? Die Frage beantwortet Holger Hothum, der ein paar hundert Meter entfernt an einem weißen Tisch unter einem großen Sonnenschirm steht. „Die Pflegekassen zahlen den Heimen viel weniger Geld als früher“, sagt er. Hothum ist Geschäftsführer des Hufeland-Hauses. Vor ihm auf dem Tisch liegt eine große Bratwurst auf einem Plastikteller. Es wird gefeiert, und zwar ein Abschied – heute ist der letzte Tag des amtierenden Qualitätsmanagers. Ein Nachfolger ist schon bestimmt. Er soll dafür sorgen, dass all die schlimmen Dinge aus dem Pflegebericht im Hufeland-Haus nicht passieren. „Durch kreatives Sparen in anderen Bereichen kriegen wir es zumindest hin, dass die Bewohner vernünftig gepflegt werden“, sagt Hothum und schaut ernst. „Aber für persönliche Ansprache bleibt da wenig Zeit.“

Auf der Pflegestation A1 ist mittlerweile auch Frau Lumeier aus dem Bad gekommen. Gleich wird das Mittagessen serviert. Niemand spricht. Nur Frau Lumeier wimmert leise. Sie hat eine blaue Strickjacke an, die sie gerade zu schließen versucht. Doch ihre Hände zittern zu stark, bei jedem Versuch rutscht sie ab. „Warum hilft mir denn keiner?“, ruft sie durch den ganzen Speisesaal, aber weder Frau Heise noch Frau Neele, noch Frau Richard reagieren. Sie schauen nicht einmal auf, starren apathisch vor sich hin, als wären sie gar nicht hier, sondern in einer anderen Welt.

„Kaum Zeit, um sich zu unterhalten“

„Manchmal habe ich an Kündigung gedacht“, sagt Irene Schmitt. „Bei all der Arbeit bleibt kaum Zeit, um sich mit den Bewohnern zu unterhalten.“ Sie sitzt mit ihrer Kollegin Katrin Hoffmann im Schwesternzimmer. Vor ihnen liegt ein Terminbuch in einem grünen Umschlag. Gemeinsam gehen sie die Dienstpläne der kommenden Wochen durch. „Klar, wenn ich mir etwas wünschen würde, dann wäre es mindestens eine Schwester mehr“, sagt Katrin Hoffmann. Sie arbeitet erst seit zwei Jahren als Altenpflegerin. Schmitt ist schon viel länger dabei. Normalerweise hätten sie in wenigen Minuten Feierabend. Heute aber nicht. Für die Spätschicht, die in wenigen Minuten beginnt, fehlt eine Schwester. Auf dem Papier ist die Station an diesem Tag unterbesetzt. „Da werde ich heute wohl länger bleiben müssen“, sagt Katrin Hoffmann. Ihre Arbeitszeit wird nicht nach acht, sondern nach zwölf Stunden enden. Die zweite Schichthälfte übernimmt ihre Kollegin. „Manchmal geht man hier schon sehr geschafft raus“, sagt Katrin Hoffmann. „Aber was soll’s. Manche Menschen haben es viel schwerer als ich.“

Text: F.A.Z.

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