15. Mai 2008 Die Wirtschaft in Deutschland und im Euro-Raum ist robust, sagt Bundesbankpräsident Axel Weber. Sorgen bereitet ihm dagegen der Preisauftrieb. Zwar hat in der jüngsten Ratssitzung der Europäischen Zentralbank niemand eine Anhebung der Leitzinsen gefordert. Doch aufgeschoben sei nicht aufgehoben.
Herr Professor Weber, Sie werden als nächster Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) ins Spiel gebracht. Wie finden Sie das?
Das ist eine Phantasiediskussion, die ich selbst mit Erstaunen wahrnehme.
EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat nach der Ratssitzung in der vorigen Woche gesagt, kein Ratsmitglied habe eine Anhebung des Leitzinses gefordert. Wäre das angesichts der hohen Inflation nicht dringend nötig?
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ich habe immer betont, dass wir angesichts des derzeit sehr kräftigen Preisauftriebs die Option einer Leitzinserhöhung nicht aus den Augen verlieren dürfen. Auf der nächsten Ratssitzung Anfang Juni werden uns die neuen gesamtwirtschaftlichen Projektionen des Stabs des Eurosystems vorliegen. Das ist dann eine gute Grundlage, über die mittelfristigen Optionen der Geldpolitik zu diskutieren.
Was erwarten Sie von den Vorhersagen?
Die Wachstumsperspektiven für den Euro-Raum werden sich wohl nur leicht eintrüben. Aber gleichzeitig könnte sich der Inflationsausblick weiter verschlechtern. Der Inflationsdruck ist seit vorigem Herbst erheblich gestiegen, die eher milde konjunkturelle Abkühlung wird ihn nicht wesentlich mindern. Vor diesem Hintergrund besteht kein Spielraum für Leitzinssenkungen.
Wie stark wird sich die Konjunktur im Euro-Raum abschwächen?
Wir werden uns zwar nicht völlig von der Konjunkturschwäche in den Vereinigten Staaten abkoppeln können, aber die Konjunktur im Euro-Raum ist aktuell deutlich robuster als die amerikanische. Ein Beleg dafür ist, dass die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal mit kalender- und saisonbereinigt 1,5 Prozent gewachsen ist. Dies sichert unsere Dezember-Projektion von 1,9 Prozent kalenderjährlichem Wachstum im Jahr 2008 ab.
Lag das nicht an der milden Witterung und dem frühen Termin von Ostern?
Das hat eine Rolle gespielt. Deshalb wird das Wachstum im zweiten Quartal auch schwächer ausfallen. Aber nimmt man das erste Halbjahr insgesamt in den Blick, bleibt das Bild einer robusten Konjunktur in Deutschland sowie im Euro-Raum.
Im Euro-Raum ist die Inflation von März auf April von 3,6 auf 3,3 Prozent zurückgegangen. Weshalb sprechen Sie davon, dass der Inflationsdruck zuletzt noch zugenommen habe?
Dieser Rückgang ging vor allem auf Basis- und Sondereffekte zurück. In den nächsten Monaten dürfte die Inflation eher wieder etwas höher liegen. Ich erwarte deshalb, dass die Verbraucherpreise im Euro-Raum in diesem Jahr um mehr als 3 Prozent steigen werden. Auch für 2009 ist noch keineswegs sicher, dass die Inflation im Jahresdurchschnitt auf das angestrebte Ziel von knapp 2 Prozent zurückgehen wird. Erst Ende 2009 dürften die monatlichen Inflationsraten wieder weniger als 2 Prozent betragen. Für mich ist das dennoch besorgniserregend.
Was kann eine Zentralbank tun, wenn die Energie- und Nahrungsmittelpreise stark steigen?
Die Geldpolitik muss solche Preisanstiege und die daraus resultierende kurzfristige Zunahme der Inflation tolerieren, wenn sie rein vorübergehender Natur sind. Aber sie muss darauf achten, dass es nicht zu Zweitrundeneffekten und damit zu einem breiten Preisauftrieb kommt. Hierzu ist es notwendig, dass die Inflationserwartungen im Stabilitätsbereich verankert bleiben, damit bei den Lohnverhandlungen nicht eine für die Zukunft erwartete höhere Inflation eingepreist wird.
Stellen die teilweise hohen Tarifabschlüsse in Deutschland solche Zweitrundeneffekte dar?
Es gab einige etwas erhöhte Lohnabschlüsse, die stabilitätspolitische Risiken bergen. Von breiten Zweitrundeneffekten kann bislang aber nicht die Rede sein. Würden die Tarifpartner oder die Fiskalpolitik allerdings das Ziel Preisstabilität für den Euro-Raum insgesamt aus den Augen verlieren, müsste die Geldpolitik gegensteuern.
Die Inflationserwartungen bewegen sich nach oben, ist das nicht alarmierend?
In der Tat sind die kurzfristigen Inflationserwartungen zuletzt gestiegen, auch die für das Jahr 2009. Dies dürfte zum größten Teil auf die aktuell hohe Inflation zurückgehen – eine Situation, die sich hoffentlich bessern wird. Dagegen haben die langfristigen Inflationserwartungen, die ein Maß für die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik darstellen, in den letzten Monaten nur wenig zugenommen. Die Glaubwürdigkeit des Eurosystems jedenfalls wird dadurch nicht in Frage gestellt.
Das ist alles sehr theoretisch. Für den Mann auf der Straße ist es keine Frage, dass es schon lange hohe Inflation gibt. Er macht das am starken Preisanstieg zum Beispiel von Benzin und Butter fest.
Gerade die Preise einiger Güter, die oft gekauft werden, sind stark gestiegen. Das prägt die Wahrnehmung. Darüber wird aber oft verkannt, dass die Preise anderer Güter fallen. Geldpolitik darf sich deshalb nicht an der gefühlten Teuerung ausrichten, sondern muss sich allein an der statistisch gemessenen Inflation orientieren. Nur dieser Maßstab ist objektiv.
Was ist Ihre Prognose für den Ölpreis und die Nahrungsmittelpreise?
Bei unseren Vorhersagen für diese Güter orientieren wir uns so weit möglich an den Preisen auf den Terminmärkten. Demnach werden diese Preise in den nächsten eineinhalb Jahren ungefähr auf dem aktuell hohen Niveau bleiben, und der von diesen Preisen ausgehende Inflationsdruck wird vermutlich nachlassen.
Ist das Ziel der EZB, die Inflation knapp unter 2 Prozent zu halten, nicht zu ehrgeizig?
Das ist eine aberwitzige Diskussion. In den zuständigen Gremien denkt niemand so. Es wäre auch geradezu kontraproduktiv, angesichts der aktuell erhöhten Inflation die ökonomisch gut begründete Definition des Inflationsziels in Frage zu stellen. So eine Diskussion würde die Glaubwürdigkeit des Eurosystems untergraben.
Ist die Finanzkrise ausgestanden?
Wir haben in den vergangenen Wochen Entspannungstendenzen gesehen, beispielsweise sind die Risikoprämien wieder geringer geworden. Es ist aber noch zu früh, ein Ende der Finanzmarktkrise auszurufen.
Haben die Notenbanken der Krise mit ihrer lockeren Geldpolitik in den vergangenen Jahren nicht den Boden bereitet?
In den Jahren 2002 bis 2004 haben einige Notenbanken Deflationsrisiken befürchtet. Insofern passte die damalige expansive Geldpolitik zu dem makroökonomischen Umfeld mit niedrigen Inflationsraten. Nach dieser Phase wurden aber die geldpolitischen Zügel weltweit gestrafft.
Noch einmal: Hat die Geldpolitik nicht zu viel Kreditvergabe und Geldschöpfung zugelassen, weil sie sich nur an den Verbraucherpreisen orientierte, die Inflation der Vermögenspreise aber außer Acht gelassen hat?
Eine Notenbank sollte nicht versuchen, die Vermögenspreise zu stabilisieren, unter anderem, weil niemand deren fundamental gerechtfertigtes Niveau genau kennt. Dennoch sind die Vermögenspreise von den Notenbanken auch nicht zu ignorieren. So plädiere ich beispielsweise dafür, die Preisentwicklung für selbstgenutztes Wohneigentum stärker als bisher im Index für die Verbraucherpreise im Euro-Raum zu berücksichtigen. Ein Anstieg beim Kaufpreis von Wohnimmobilien würde sich dann auch in den Verbraucherpreisen spiegeln.
Die Notenbanken tragen auch Verantwortung für die Finanzstabilität. War ihre Geldpolitik unter diesem Aspekt nicht zu expansiv?
Ich sehe nicht, dass die aktuelle Finanzkrise auf eine überreichliche Versorgung des Banksystems mit Notenbankliquidität zurückgeht. Für die Krise gibt es viele Ursachen. Dazu zählt, um nur einige zu nennen, der sogenannte Leverage-Effekt, also die Hebelwirkung der Bankkredite untereinander, ferner das Aufkommen neuartiger strukturierter Finanzprodukte, die kurzfristige Finanzierung langfristiger Anlagen oder das Verhalten der Ratingagenturen. In den Analysen der Fachgremien wie Finanzstabilitätsforum oder Basler Ausschuss rangiert die Notenbankliquidität als Krisenursache allenfalls unter ,ferner liefen‘. Das Eurosystem jedenfalls hat zur globalen Überschussliquidität nicht nennenswert beigetragen.
Wenn die Krise durch die Geschäftsbanken verursacht wurde: Brauchen wir mehr Regulierung der Banken?
Wir brauchen eine Stärkung der Aufsichtsregeln. Beispielsweise muss die Unterlegung der Risiken mit Eigenkapital überprüft, müssen die Liquiditätsrisiken in die Betrachtung einbezogen werden. Außerdem ist mehr Transparenz gefordert. Konkret heißt das, dass die Banken jetzt alle Engagements und deren Verlustrisiken aufdecken sollten.
Müssten dann nicht auch die Hedge-Fonds ihre Engagements offenlegen?
Prinzipiell sollten Finanzakteure, die ähnliche Geschäfte betreiben, nicht unterschiedlich reguliert werden. Hedge-Fonds sollten mehr als bisher zur Offenlegung ihrer Positionen gegenüber ihren Gegenparteien verpflichtet werden. Dadurch könnten die Banken, die den Hedge-Fonds Kredite gewähren, ihre Risiken besser abschätzen. Ich halte aber nichts davon, die Hedge-Fonds ähnlich wie die Banken einer behördlichen Aufsicht zu unterwerfen. Wir brauchen verpflichtende Wohlverhaltensregeln für Hedge-Fonds.
Einige Euro-Länder, namentlich Frankreich, verletzen die Regeln des europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts. Droht eine neue Krise?
Die französische Regierung hat schon 2007 deutlich gemacht, dass sie das strukturelle Etatdefizit nicht, wie im Pakt vorgesehen, verringern will. Und sie hat es versäumt, den Staatshaushalt in wirtschaftlich guter Zeit zu sanieren. Aus meiner Sicht muss der Ecofin-Rat deshalb, wie im Pakt vorgesehen, demnächst eine Frühwarnung gegen Frankreich aussprechen. Zu einer Krise kann es nur kommen, wenn die Regeln und Sanktionen des Pakts nicht eingehalten werden. Ich bin dafür, die Vorschriften des Pakts rigoros anzuwenden.
Das Gespräch führten Gerald Braunberger und Benedikt Fehr.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth
Streik bei Lufthansa in der ![]()
Lufthansa-Personalvorstand Lauer: Ein Moderator sucht Lösungen
Finanzkrise erwischt Münchener Rück
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 6.350,40 | -1,40 |
| TecDax | 715,98 | -0,78 |
| DowJones | 11.349,28 | -2,43 |
| Nasdaq | 2.280,11 | -1,97 |
| STOXX 50 | 3.309,51 | -1,34 |
| Nikkei 225 | 13.334,76 | -1,97 |
| Euro/Dollar | 1,57 | +0,26 |
| Bund Future | 111,40 | +0,41 |
| Gold | 931,25 | +0,39 |
| Öl | 124,98 | -1,22 |
