Video-Filmkritik

Schwarzweiß wie das Leben: „Persepolis“

Von Julia Encke

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21. November 2007 Als Marjane Satrapi vor drei Jahren mit „Persepolis“ weltbekannt wurde, bekam sie einen Anruf aus Hollywood: Man wolle ihren Comic als Film adaptieren, hieß es, mit Jennifer Lopez und Brad Pitt in den Rollen ihrer Eltern - ob sie sich das vorstellen könnte? Sie konnte es sich nicht vorstellen.

Und besonders jetzt, wo sie „Persepolis“ gemeinsam mit Vincent Paronnaud als Animationsfilm selbst auf die Leinwand gebracht und beim Festival in Cannes dafür den Preis der Jury bekommen hat, ist sie froh, sich damals sofort dagegen entschieden zu haben. „Ich bin Zeichnerin, und mit den gezeichneten Bildern wollte ich genau die Stereotypen auflösen, die sich mit wirklichen Schauspielern, nachgestellten Schauplätzen und all dem Dekor wieder in die Darstellung hineingeschlichen hätten. Alles wäre umsonst gewesen. Meine Zeichnungen erlauben mir Abstraktion. Es geht mir nicht um die Darstellung von Realität, sondern um die von Situationen, Empfindungen. Ich bin auf der Suche nach der Idee.“


Sie will Jeans und Rockmusik

Marjane Satrapi erzählt in „Persepolis“ die Geschichte der kleinen Marji, eines rebellischen Mädchens, das in einer linksliberalen Familie in Iran aufwächst und draußen mit ihren Freunden Räuber und Gendarm spielt, während ihre Eltern auf den Straßen Teherans gegen den Schah demonstrieren. Die Errichtung des Gottesstaates macht 1979 für sie alle politischen und persönlichen Hoffnungen zunichte. Marjis geliebter Onkel Anusch wird vom Revolutionsgericht als russischer Spion hingerichtet; ein Schwager der Mutter stirbt, weil ihm eine Herzoperation im Ausland verweigert wird; und auch sie selbst muss sich den Regeln der Mullahs beugen, muss Kopftuch tragen, was sie natürlich nicht will. Sie will Jeans. Sie will Nike-Turnschuhe. Sie will Rockmusik.

Es gehört zu den schönsten Szenen dieses so unglaublich komischen und zugleich sehr traurigen Films, wenn Marji, mit ihrem nicht ganz perfekt gebastelten „Punk is not ded“-T-Shirt, auf dem Schwarzmarkt an der Avenue Gandhi in Teheran Kassetten kaufen geht und vor ihren Augen endlich der ersehnte Musik-Dealer auftaucht, der ihr nicht Michael Jackson, nicht Pink Floyd und auch nicht Stevie Wonder entgegenflüstert, sondern Iron Maiden. Da flippt sie aus - und schon sind die Revolutionswächterinnen zur Stelle: „,Was sollen diese Punker-Schuhe?' - ,Was für Punker-Schuhe?' - ,Die da!' - ,Das sind Baskets!' - ,Schweig! Es ist Punk!' Offenbar wusste sie nicht, was Punk war. Ich musste lügen, mir blieb keine Wahl. ,Ich spiele Basketball, darum diese Schuhe. Ich bin im Verein in der Schule. ,Und was ist das für ein Abzeichen? Michael Jackson! Ein Symbol der Dekadenz!' - ,Das ist Malcolm X, Führer der schwarzen Muslime in Amerika.' Zu der Zeit war Michael Jackson noch schwarz. - ,Verhöhnst du mich? Es ist Michael Jackson! Zieh das Tuch tiefer, kleine Nutte. Und steig in den Wagen, wir bringen dich zum Komitee.'“

Ganz ohne Orientalismus

Es ist ihr eigenes Leben, das die 37-jährige Comic-Zeichnerin, die heute mit ihrem schwedischen Mann in Paris, im Marais-Viertel, lebt, den Zuschauern als Serie von Anekdoten, Situationen und Pointen mit klarer Ausdruckskraft entgegenschleudert. Gebannt sitzt man da, sofort verliebt in die kleine Marji. Doch will Marjane Satrapi, deren Französisch schnell ist wie ein Maschinengewehr und die sich nicht aufhält mit Gefälligkeiten, Comic und Film nicht als autobiographisch verstanden wissen. Ihr Onkel Anusch, ihre unbestechlich unabhängige Großmutter - natürlich habe es sie gegeben. Für das Verständnis des Films sei das aber nicht relevant.

Die Schwarzweißkontraste ihrer Zeichnungen, die keine Grauzonen kennen und sich an den Stil von Zeichnern wie David B. oder J. C. Menu aus dem französischen Association-Verlag anlehnen, machen in der Abstraktion aus der persönlichen eine universelle Geschichte: „Wie Sie sicher bemerkt haben, verzichten wir in den Szenen, die in Iran spielen, auf jede Art von Orientalismus. Lokalkolorit gibt es da nicht, das haben wir nach Wien verlegt, wo Sie alles finden: Sacher-Torte, Kaffeehäuser, Trambahnen, den ganzen schönen Kitsch. Iran bleibt frei von den üblichen Orientklischees. Im Westen sind alle immer so überzeugt, etwas über Iran zu wissen. Je weniger sie wissen, desto überzeugter sind sie. Da muss man den Blick erst mal freiräumen.“

Verliebt in den Falschen

Nach Wien schicken sie die Eltern, als sie die Rebellin, die sich in der Schule den Mund nicht verbieten lässt, ernsthaft in Gefahr sehen. Die Jugend in Wien allerdings wird zu einer noch viel größeren Katastrophe. Friedensbewegt sitzt sie, Janis-Joplin-Lieder singend, an Lagerfeuern herum, verliebt sich - gleich zweimal in den Falschen, wird von ihrer hemmungslos rassistischen Vermieterin rausgeschmissen, bleibt irgendwann einfach nur noch in der Trambahn sitzen, entkommt knapp dem Kältetod und will einfach nur nach Hause: „Ich hatte eine Revolution erlebt, bei der ich einen Teil meiner Familie verloren hatte. Ich hatte einen Krieg überlebt. Aber eine banale Liebesgeschichte hätte mich fast umgebracht.“ Sie geht zurück - jedenfalls für eine Weile.

„Persepolis“, dessen Titel an den Glanz Persiens und dessen Untergang erinnert, an die von den Griechen „Stadt der Perser“ genannte, später zerstörte Residenz der Archämeniden, begegnet Glanz und Untergang der jüngeren iranischen Geschichte mit manchmal bitterer, niemals zynischer Komik. Der Film verweigert das gesamtpolitische Panorama, konzentriert sich auf den Alltag, die Charaktere. „Ich werde jetzt immer gefragt, wie ich denn die aktuelle politische Situation einschätze“, sagt Marjane Satrapi, „dazu könnte ich natürlich etwas sagen, aber eben nicht in drei Sätzen. Deshalb haben wir ja überhaupt so lange an dem Film gearbeitet, damit wir nicht in drei Sätzen antworten müssen.“ Die stereotypen Begriffe vom „Islamismus“, „Terrorismus“ oder der „Achse des Bösen“ schüren für sie vor allem Emotionen, welche sich, nach politischem Belieben, dann sehr einfach instrumentalisieren lassen. Und sie entmenschlichen die Situation. Ihren Film versteht sie als Gegenprogramm: „Es ist ein antifanatischer Film, in dem es um die Komplexität alltäglicher Situationen geht und um den Einzelnen. Schließlich kommt man in Iran auch in die Pubertät, hat Pickel, und die Musik, die man hört, ist so anders eben nicht.“

Mit stolzer Selbstverständlichkeit erzählt sie, wie Sean Penn, der in der englischen Synchronfassung von „Persepolis“ Marjis Vater spricht, ihr gesagt habe, dass er, als er in Teheran war, nach fünf Minuten auf der Straße gefragt wurde, ob er nicht der sei, der in „21 Gramm“ gespielt habe. „Das sei der Film mit den meisten Drogen und dem meisten Sex, den er gedreht habe, meinte er. Und man kannte diesen Film in Iran auf der Straße! Wenn man will, kommt man an alles ran.“ Auf dem iranischen Schwarzmarkt gibt es bald sicher auch Kopien von „Persepolis“ zu kaufen. Marjane Satrapi kann nicht zurück nach Hause. Aber Marji ist da.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.11.2007, Nr. 46 / Seite 27
Bildmaterial: Prokino

 

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