Afghanistan

„Die Bombardierung war legitim“

Von Friederike Böge, Kundus

Afghanische Soldaten räumen den Unglücksort auf

Afghanische Soldaten räumen den Unglücksort auf

09. September 2009 Die Enttäuschung und Strapazen der vergangenen Tage stehen Oberst Klein ins Gesicht geschrieben, als er am Dienstag eine Untersuchungskommission der afghanischen Regierung im Bundeswehrlager in Kundus empfängt. Der Kommandeur des Wiederaufbauteams steht fast unbeteiligt neben den Besuchern aus Kabul, so als sei er nur ein einfacher Soldat. Er sitzt stumm daneben, als der Leiter der Delegation, Mirza Mohammad Yarmand, das Wort ergreift. Doch was der Chef der afghanischen Kriminalpolizei zu sagen hat, dürfte Balsam auf die Seele Kleins sein. „Die Verantwortung für die Tötung von Zivilisten liegt allein bei Mullah Abdurrahman und nicht bei den Koalitionstruppen oder dem Wiederaufbauteam“, sagt Yarmand.

Das, was er zur Begründung anführt, hat mit militärischen Einsatzregeln wenig zu tun. Es ist eine Mischung aus islamischen Gesetzen und aus moralischem Empfinden. Mullah Abdurrahman ist oder war - über seinen Tod gibt es nur Mutmaßungen - der „Schattengouverneur“ der Taliban von Aliabad, einem Distrikt südlich von Kundus. Der, sagt Yarmand, habe am Freitagabend die beiden Tanklastwagen entführt und die Fahrer, bis auf einen, ermordet.

„Mit ihrem Handeln haben sie die Taliban unterstützt“

Ein afghanischer Soldat rollt ein leeres Benzinfass von einem ausgebrannten Tanklastwagen weg

Ein afghanischer Soldat rollt ein leeres Benzinfass von einem ausgebrannten Tanklastwagen weg

Abdurrahman habe die Anwohner aus 16 umliegenden Dörfern herbeigerufen, um Benzin aus den Tanks abzuzapfen. Der einzige überlebende Fahrer habe ausgesagt, dass ein Teil der herbeigeeilten Leute Unterstützer der Taliban gewesen seien und das Benzin für die Aufständischen hätten aufbewahren sollen. Anderen wiederum hätten die Aufständischen den Treibstoff verkauft. Mit dem Geld, vermutet der Polizist, hätten die Aufständischen Waffen oder Munition kaufen können.

Aus alledem ergibt sich für Yarmand eine Mitschuld der Opfer, die bei der späteren Bombardierung des Ortes in einem Flammeninferno ums Leben kamen: „Mit ihrem Handeln haben sie die Taliban unterstützt.“ Es sei bekannt, dass sich in der Gegend, in der die beiden Bomben abgeworfen worden seien, nach Einbruch der Dunkelheit nur Aufständische und Kriminelle herumtrieben. Die deutschen Soldaten hätten nicht wissen können, dass sich dort nachts um zwei Uhr Zivilisten aufhielten. Daraus zieht der Delegationsleiter den Schluss: „Die Bombardierung war in unseren Augen legitim.“ Auch bei der Bewertung der Folgen des Luftangriffs kommt Yarmand zu einem Ergebnis, dass nicht so recht zu den kritischen Stimmen der vergangenen Tage passt: „Wenn 45 Feinde der Regierung vernichtet wurden, hat das eine positive Wirkung auf die Sicherheitslage.“

Verstoß gegen den Geist der neuen taktischen Direktive

Das mag ein schwacher Trost sein für den deutschen Oberst, um den es in den vergangenen Tagen einsam geworden war. Von den Nato-Verbündeten hagelte es scharfe Kritik an seiner Entscheidung, die beiden entführten Tanklaster bombardieren zu lassen. Besonders hart war der Schlag, den ihm der Oberkommandierende der Nato- und der amerikanischen Truppen in Afghanistan, General McChrystal, zufügte, als der am Samstag mit eigener Entourage und wehenden Fahnen das deutsche Feldlager aufsuchte. Ein Beobachter beschrieb den Auftritt des Generals als „Inquisition“.

Der General setzte durch, dass ein Reporter der Zeitung „Washington Post“ an seinem Gespräch mit Oberst Klein teilnehmen durfte - angeblich, weil der für ein Buch recherchierte. Am nächsten Tag durfte Klein dann in der Zeitung lesen, dass die amerikanische Seite seine Entscheidung als Verstoß gegen den Geist der neuen taktischen Derektive des Generals wertete. McChrystal kritisierte überdies mehr oder weniger offen das deutsche Krisenmanagement; schon vor dem Besuch in Kundus hatte er sich im Fernsehen für mögliche zivile Opfer entschuldigt.

Die meisten Bewohner wagen sich kaum noch über die Stadtgrenze

Kleins Presseoffiziere schauen sich den ganzen Tag die Berichte im deutschen Fernsehen an. Immer wieder spulen sie bestimmte Sequenzen zurück. Die hitzige Diskussion in Deutschland, der Wahlkampf scheinen merkwürdig entrückt zu sein von der nordafghanischen Stadt Kundus, in der die Sicherheitslage immer schlechter wird. Noch vor wenigen Wochen konnten die Leute bedenkenlos mit dem Bus nach Kabul fahren. Inzwischen werden regelmäßig Privatautos von Aufständischen angehalten, einige Wagen wurden beschossen. Es gab Tote. Die meisten Bewohner von Kundus wagen sich kaum noch über die Stadtgrenze hinaus. Sie bewegen sich nur noch in einem eng gefassten Viereck von wenigen Quadratkilometern.

Die Leute haben Angst und halten es inzwischen für denkbar, dass die Taliban zurückkehren könnten in jene Stadt, die schon einmal Hochburg der Glaubenskrieger war. Friseure im Zentrum verzichten inzwischen lieber auf Kundschaft, als dass sie Ausländern die Haare schnitten. Spitzel seien in der Stadt unterwegs, sagen die Leute. Sie seien an den Melodien zu erkennen, die sie pfiffen. In dieser gespannten Lage haben längst andere Themen als der Luftangriff vom Freitag den Markt wieder erobert.

„Die Leute sind selbst schuld“

Generell scheint sich die Einschätzung des Leiters der Regierungsdelegation mit der Stimmung zumindest in Kundus zu decken. Es gibt keine Bilder hasserfüllter Passanten, wie sie sonst nach ähnlichen Ereignissen im Fernsehen gezeigt werden. Es gibt keine Demonstrationen und wütende Forderungen nach Entschädigungen, die es in anderen Fällen gab, als Zivilisten bei Militäraktionen getötet wurden. Das kann daran liegen, dass die Opferfamilien bislang weitgehend stumm geblieben sind, weil die Gegenden, in denen sie wohnen, von den Taliban kontrolliert werden. Die Regierung hat keinen Zugang zu ihren Dörfern. Es mag aber auch daran liegen, dass die Provinz Kundus - anders als der Süden und Osten - ein Mosaik verschiedener ethnischer Gruppen ist. Das Mitgefühl mit den ausschließlich paschtunischen Opfern ist bei vielen usbekischen und tadschikischen Bewohnern gering. Manche äußern gar Genugtuung, weil sie den Paschtunen die Schuld an der Rückkehr der Taliban geben.

Eine Rolle spielt auch, dass Diebstahl ein schweres Verbrechen im Islam ist. Selbst Angehörige von Opfern schämen sich. „Die Leute sind selbst schuld“, sagt ein Mann im Krankenhaus von Kundus, dessen Neffe bei dem Angriff schwere Brandverletzungen davongetragen hat.

„Soll ich einfach nur ruhig dasitzen?“

Seit Montag allerdings haben immer mehr Familien, die Opfer zu beklagen haben, Vertreter in die Stadt entsandt, zu den Behörden und zu Journalisten. „Die Menschen werden Rache üben“, sagt ein Mann aus Isarkhel, der nach eigenen Angaben vier Vettern verloren hat. „Was soll ich tun? Soll ich einfach nur ruhig dasitzen?“ Er ist gemeinsam mit drei Nachbarn aus seinem Dorf gekommen. Sie hocken im Keller eines Hotels. Die Türen sind geschlossen. Keine Namen, keine Fotos - das sind die Bedingungen für das Gespräch. Der eine Mann zeigt eine Brandwunde am Bein. Der andere beschreibt, wie er nach der Explosion Leichenteile auf seinen Pritschenwagen geladen habe. „Sogar unsere Dorfältesten sagen, dass wir uns nun den Taliban anschließen müssen.“

Nach vorläufigen Ermittlungen seien 82 Menschen bei dem Luftangriff getötet worden, sagt Kripo-Chef Yarmand. Die Folgen des Angriffs werden aber in Zahlen nur schwer zu fassen sein. Einer der Männer aus Isarkhel berichtet: „Auf dem Weg in die Stadt kam ich an einem Graben vorbei, in dem sich Kinder mit Holzgewehren verschanzt hatten. Sie sagten: 'Wir warten auf die Ausländer, um sie zu töten'.“ Für die Kinder ist es unerheblich, ob die Opfer Taliban, Sympathisanten oder einfache Bauern waren.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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