28. Oktober 2008 Man findet das Zitat in seinen Büchern gleich an mehreren Stellen. Krieg, davon seien sein Vater wie sein Großvater, beide Admiräle der amerikanischen Kriegsmarine, überzeugt gewesen, sei eine unbarmherzige Anstrengung mit dem Ziel, den Gegner zu vernichten. John Sidney McCain III. teilt nicht nur seinen Namen mit seinen Vorvätern.
Deshalb, so schreibt er, sei Krieg so furchtbar - mithin etwas, was es wenn irgend möglich zu verhindern gilt. Diese Überzeugung hat McCain im März vor dem World Affairs Council in Los Angeles bekräftigt, als gerade feststand, dass ihm der Sieg in den Vorwahlen der Republikaner nicht mehr zu nehmen sein würde: Ich verabscheue Krieg, er ist elend jenseits jeder Beschreibung.
Strafen nahm er ohne Murren hin
Das sagt ein Mann, der am 29. August 1936 in Coco Solo in der damals amerikanisch kontrollierten Panamakanal-Zone geboren wurde und spätestens als Jugendlicher wusste, dass auch er das Kriegshandwerk erlernen würde. Nach häufigen Orts- und Schulwechseln entschlossen sich McCains Eltern, den älteren Sohn zur Vorbereitung aufs Studium auf ein Internat der Episkopalkirche in Alexandria im Bundesstaat Virginia nahe Washington zu schicken.
Dort verbrachte McCain die drei letzten Jahre vor dem Abschluss der High School und wusste schon damals, dass er sozusagen Urlaub von der Navy hatte und dass die Navy meine Rückkehr nach dem Schulabschluss erwartete. Es bedurfte keines Befehls des Vaters John Slew McCain Jr., der 1931 die Akademie der Kriegsmarine in Annapolis in Maryland absolviert hatte, wo auch schon John Jack McCain im Jahre 1906 graduiert worden war. Der Sohn und Enkel trat in ihre Fußstapfen.
Gleich dem Vater und dem Großvater, der 1945 zwei Tage nach der Rückkehr vom siegreichen Fronteinsatz in Japan beim Willkommensempfang daheim einem Herzinfarkt erlegen war, zeichnete sich der junge John McCain III. an der Naval Academy durch schlechte akademische Leistungen und rebellisches Verhalten aus. Die Liste der Verweise war lang. Die Strafen nahm er ohne Murren und unter strengster Einhaltung des archaischen Ehrenkodex der Navy hin. Sie waren meine ersten Helden, sagt McCain über Vater und Großvater, und ihren Respekt zu verdienen ist der beständigste Ehrgeiz meines Lebens.
Erfrischende Prise Selbstdistanz
John McCains veröffentlichte Reflektionen über sein Leben und seine Laufbahn zunächst bei der Kriegsmarine und später in der Politik sowie über das Scheitern seiner ersten Ehe, das er ausschließlich sich anlastet, sind mit einer erfrischenden Prise Selbstdistanz verfeinert. Prägend war vor allem die Bewunderung für den Vater, eines von seinen Mannschaften fanatisch verehrten U-Boot-Kommandanten im Zweiten Weltkrieg und Befehlshabers der Pazifischen Flotte während des Vietnamkrieges. Der machte nach seiner Pensionierung als hochdekorierter Admiral eine weitere Karriere als politischer Berater und als Redner.
Der Abschlussklasse seiner Alma Mater des Jahrgangs 1970 rief John Slew McCain auf der Höhe der wesentlich studentisch geprägten Friedensbewegung gegen den Vietnamkrieg zu: Deren Parole Make love, not war sollten sie entgegenhalten, dass die Angehörigen der Navy Manns genug seien, beides zu tun. McCains Vater war davon überzeugt, dass auch der Kalte Krieg nur zu gewinnen sei, indem man den Feind zerstörte - und nicht, indem man mit den Kommunisten verhandelt. Die Leute mögen uns nicht lieben, wenn wir stark sind, weil wir es müssen, aber sie respektieren uns, wenn wir es sind und lernen, sich zu benehmen. So sprach ein Mann, dessen Sohn zur gleichen Zeit von Kommunisten in Hanoi in Kriegsgefangenschaft festgehalten wurde.
Abgeschossen und vom Mob geschunden
Als Marineflieger wurde McCain am 26. Oktober 1967 über Hanoi abgeschossen und, schwer verwundet und von einem Mob geschunden, der ihn aus einem See herausgefischt hatte, von den Nordvietnamesen gefangengenommen. Mehr als fünfeinhalb Jahre verbrachte McCain in Kriegsgefangenschaft, während mindestens eines Jahres wurde er unter Folter verhört. Seine Peiniger versuchten aus ihm die Namen weiterer Angehöriger seiner Fliegerstaffel herauszupressen. Anstatt sich aber fortgesetzt den Qualen zu widersetzen, nannte McCain bereitwillig Namen - und zwar jene der legendären Angriffsreihe des Football-Teams Green Bay Packers aus dem Bundesstaat Wisconsin.
Die kannte damals jedes Kind in Amerika, doch den Politkommissaren in Nordvietnam waren sie ein Rätsel. Ich halte es für wahrscheinlich, dass auch die Terroristen, die wir derzeit unter weniger als menschlichen Bedingungen vernehmen, Zuflucht zu Täuschungen nehmen, sollte McCain viele Jahre später sagen, als er gegen den zähen Widerstand des Weißen Hauses und vor allem von Vizepräsident Dick Cheney ein Gesetz zum Bann der Folter und jeder Art von grausamer, unmenschlicher und erniedrigender Behandlung von Gefangenen in amerikanischem Gewahrsam durchsetzte.
Körperlich gezeichnet
McCain lehnte das Angebot der Nordvietnamesen ab, frühzeitig aus der Gefangenschaft entlassen zu werden, nachdem sein Vater zum Befehlshaber der Pazifik-Flotte ernannt worden war. Denn dies hätte dem Ehrenkodex der amerikanischen Streitkräfte widersprochen, wonach Kriegsgefangene in der Reihenfolge ihrer Gefangennahme nach Hause zurückzukehren haben.
Nach seiner Rückkehr war McCain körperlich gezeichnet. Seine Knochen waren schlecht zusammengewachsen. Bis heute kann McCain beide Arme nur bis etwa zur Schulterhöhe heben, wegen einer Knieversteifung zieht er ein Bein nach und kann sich zwar behende, aber nur sonderbar wankend vorwärtsbewegen. Sein körperlicher Zustand erlaubte die Fortsetzung seiner militärischen Laufbahn nicht. Also zerstob das Ziel, wie Vater und Großvater den Rang eines Admirals zu erreichen.
McCain wandte sich der Politik zu. Und er durchlebte die schwerste Krise seines Privatlebens: die Scheidung von seiner ersten Frau Carol, die er 1965 geheiratet hatte. Carol Shepp hatte zu jener Zeit schon eine gescheiterte Ehe mit einem Jahrgangskameraden McCains in Annapolis hinter sich, sie brachte die zwei Söhne Doug und Andy mit in die Ehe; McCain adoptierte die beiden. Zudem ging aus der Ehe die gemeinsame Tochter Sidney hervor. Carol Shepp nannte als Grund für das Scheitern der Ehe mit John McCain, dass dieser nach seiner Rückkehr aus Vietnam 40 Jahre alt wurde und noch einmal 25 sein wollte. McCain hat dieser Darstellung nie widersprochen, und bei der allerersten Fernsehdebatte mit Barack Obama im August in der Saddleback Church des Pastors Rick Warren antwortetet er auf dessen Frage nach seinem größten moralischen Versagen ohne Zögern: Das Scheitern meiner ersten Ehe.
Psychisch instabil
Seine zweite Frau Cindy, Jahrgang 1954, heiratete McCain 1980. Es hat gleich gefunkt, erinnerte sich Cindy McCain später an die Zeit damals, als sie, die Tochter aus sehr begüterten und sehr beschützten Verhältnissen von Mitte zwanzig, dem gut 18 Jahre älteren Verbindungsoffizier der Kriegsmarine zum Senat in Washington vorgestellt wurde. 1982 wurde McCain in seinem Wahlheimatstaat Arizona ins Repräsentantenhaus, 1986 dann in den Senat gewählt. Nach mehreren missglückten Schwangerschaften brachte Cindy McCain die gemeinsamen Kinder Meghan, John IV. und James zur Welt.
John IV. besucht die Navy Academy in Annapolis, der jüngere Sohn James ist 2006 zur Marineinfanterie gegangen und dient derzeit im Irak. Bei einer Reise als Vertreterin einer von ihr gegründeten Hilfsorganisation nach Bangladesch traf Cindy McCain 1991 in einem von Mutter Teresa geführten Waisenhaus zwei Mädchen mit einer Hasenscharte und entschied sich, die beiden zur Operation der Missbildung nach Amerika mitzunehmen. Eines der beiden Mädchen, Bridget, adoptierten die McCains später, das andere nahm eine befreundete Familie auf.
Be your own man (etwa: Gehe deinen eigenen Weg) nennt McCain als seinen Leitsatz. Daraus ist der Maverick, der unabhängige politische Kopf geworden. Und der hat etwa trotz der Demütigung beim ersten Anlauf aufs Weiße Haus im Jahre 2000 durch George W. Bushs Wahlkampfteam, das McCain wegen seines Hangs zum Jähzorn als psychisch instabil diffamiert und die dunkelhäutige Adoptivtochter Bridget als uneheliches Kind McCains bezeichnet hatte, dem späteren Präsidenten Bush bei dessen Entscheidung zum Irak-Krieg bis heute die Treue gehalten. Auch im Krieg gegen den Terrorismus steht McCain auf der Seite Bushs, während er in der Einwanderungs- und der Umweltpolitik sowie in der Forderung nach Ausgabenbegrenzung seinen eigenen Weg geht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS