06. Februar 2008 Wenigstens in Manhattan konnte man am Super Tuesday schon den Sieger bejubeln: Am Broadway fand die traditionelle Siegesparade der New York Giants statt, die sich am Sonntag mit einem Sieg über die favorisierten New England Patriots den Superbowl, die amerikanische Meisterschaft im American Football, gesichert hatten. Mehr als 50 Tonnen Konfetti regneten auf etwa eine Million Fans nieder.
Für Jubel dieses Ausmaßes war es bei den Versammlungen der Demokraten wie der Republikaner in der Nacht nach dem größten Vorwahltag in der amerikanischen Geschichte noch zu früh. Selbstredend hatte keiner der fünf maßgeblichen Kandidaten zum Auftakt der Vorwahlen in zwei Dutzend Bundesstaaten, bei denen jeweils etwa 40 Prozent der Delegiertenstimmen für die Nominierungsparteitage vergeben wurden, der Versuchung einer für ihn günstigen Anspielung auf den Superbowl widerstehen können. Doch einen Sieger gibt es eben noch lange nicht - anders als etwa vor vier Jahren. Damals stand John Kerry nach dem Super Tuesday (der freilich erst im März stattfand), als Herausforderer der Demokraten fest, während sich auf der anderen Seite Präsident George W. Bush ohnehin keiner Parteikonkurrenz stellen musste.
Barack Obama hielt sich schadlos
Bestimmt hat den Super Tuesday die Zuspitzung des Duells zwischen Barack Obama und Hillary Clinton, dessen Ausgang nach den bisherigen Abstimmungen in knapp der Hälfte der 50 Bundesstaaten so offen ist wie an seinem ersten Tag. Die frühere First Lady gewann in insgesamt acht Bundesstaaten, nicht zuletzt in den bevölkerungsreichen Staaten Kalifornien, New York und New Jersey, in denen es um die meisten Delegierten ging. Außer in New York spielte Hillary Clinton einen Heimvorteil auch in Arkansas aus, wo ihr Mann Bill vor seinem Sprung ins Weiße Haus Gouverneur war.
Obama hielt sich mit dem Gewinn von 13 meist kleineren und bevölkerungsschwachen Staaten von der Ostküste über den Süden bis zum Mittleren Westen schadlos: Er siegte in Connecticut, Delaware, Alabama, Georgia, Kansas, Colorado, Minnesota, Missouri, Idaho, Utah, North Dakota, Alaska und in seinem Heimatstaat Illinois.
Hillary Clintons Vorteil: Die Latinos
Der Umstand, dass die Demokraten in allen Bundesstaaten die Delegierten für den Nominierungsparteitag nach der Verhältniswahl gemäß der Zahl der erhaltenen Wählerstimmen verteilen, spiegelte sich in dem Umstand wider, dass Frau Clinton laut Hochrechnungen vom Mittwochvormittag am Super Tuesday 582 zusätzliche Delegierte gewann, während auf Obama 562 neue Stimmen für den Nominierungsparteitag entfielen. Der Abstand zwischen der Führenden und dem Verfolger vergrößerte sich kaum; wer beim Parteitag die zum Kandidatenkür erforderlichen 2025 Delegierten bekommt, ist nach wie vor offen.
Umso deutlicher haben Wählerbefragungen gezeigt, welche Wählerschichten jeweils hinter den Kandidaten stehen. Ohne die deutliche Mehrheit der Stimmen der Latinos in Kalifornien und New Jersey, die sich im Verhältnis von jeweils zwei bis drei zu eins für Frau Clinton aussprachen, wäre es dort erheblich knapper geworden für die Kandidatin. Da der Anteil der Latinos, die wie die Schwarzen ganz überwiegend zu den Stammwählern der Demokraten gehören, rascher wächst als jener der Schwarzen, hat Frau Clinton beim Votum der beiden größten Minderheiten des Landes einen Vorteil. In Kalifornien wählten auch die Amerikaner asiatischer Herkunft zu etwa drei Vierteln Frau Clinton, für Obama blieb ein dürres Viertel.
Die Herzen der jungen Frauen fliegen weiterhin Obama zu
Umgekehrt verdankte Obama seine Siege im Süden dem überwältigenden Votum der Schwarzen, bei denen er im Verhältnis von etwa vier zu eins gegen Frau Clinton gewann. Obama konnte deutlich mehr Wähler der wohlhabenden oberen Mittelschicht und unter den Akademikern zumal in den Vorstädten von Metropolen hinter sich scharen, während Frau Clinton sich auf die gleichsam klassische Demokratenklientel der Arbeiter und Angestellten verlassen konnte, sowohl in ländlichen Gebieten als auch in großen Ballungsräumen.
Frau Clinton gewann etwa 60 Prozent der Stimmen jener, die ihre Entscheidung vornehmlich mit Blick auf die Wirtschaftskrise trafen; Obama siegte mit einem vergleichbaren Vorsprung bei Wählern, für die eine neue Irak-Politik ganz oben auf der Liste steht. Schließlich vertiefte sich der Generationsgraben: Für Hillary Clinton stimmten deutlich mehr ältere Wähler und vor allem Wählerinnen, während die Herzen der jungen Frauen und Männer weiter Obama mit seinem Ruf nach Wandel, Hoffnung und Aufbruch zufliegen. Die Mehrzahl der Wähler, die sich erst kurz vor der Abstimmung entschieden, gaben Obama ihre Stimme, so dass insgesamt die Zeit für den 46 Jahre alten Bewerber zu spielen scheint. Zudem hat Obama deutlich mehr Geld in der Wahlkampfkasse, weswegen Frau Clinton am liebsten jeden Abend eine Fernsehdebatte mit ihm führen würde, für die keiner der Kandidaten etwas bezahlen muss.
Huckabee und Romney konkurrieren um Herz und Seele der Partei
Auch auf der Seite der Republikaner verfestigte sich die Fragmentierung der Wählerpräferenzen nach Regionen, Religionen und Grundüberzeugungen. Anders als vor acht Jahren, als sich McCain einer Einheitsfront des christlich-konservativen Wählerkerns der Republikaner gegenübersah, der sich bald hinter George W. Bush scharte und diesem den Weg ins Weiße Haus ebnete, konkurrieren jetzt Mike Huckabee und Mitt Romney um Herz und Seele der Partei.
Dabei zeigte sich, dass der mormonische Glaube sowie der Mangel an konservativer Authentizität Romneys, der in Massachusetts ein für den Bundesstaat typisch liberaler Gouverneur war, für ihn ein unüberwindliches Hindernis bei den evangelikalen Christen im Bibelgürtel bleibt. Dort siegte Huckabee wie überdies in Alabama, Georgia, Tennessee sowie in seinem Heimatstaat Arkansas und in West Virginia. Zu Romneys Siegen bei seinen Heimspielen in Massachusetts sowie im Mormonen-Staat Utah kamen die in Alaska, Minnesota, Montana und North Dakota hinzu, die seine Kampagne ebenso am Leben halten wie der Triumphzug im Süden jene Huckabees.
Tiefes Misstrauen der Wertewähler gegen McCain
Dass der ehemalige Baptistenprediger und Gouverneur von Arkansas seine Wählerbasis zwar nicht ausbauen kann, aber weiter eine sichere Bank für den Süden ist, macht Huckabee nach Einschätzung vieler Beobachter zu einem guten Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten. Wie tief das Misstrauen der selbsternannten Wertewähler gegen McCain bleibt, zeigen die fortgesetzten Angriffe von Radiomoderatoren wie Rush Limbaugh und Laura Ingraham oder des Gründers der einflussreichen christlich-konservativen Interessenvereinigung Focus on the Family, James Dobson, der versprach, McCain auch dann nicht zu wählen, wenn das Weiße Haus dann an die Demokraten gehen werde (Siehe auch: Kommentar: Und der Sieger heißt - John McCain).
Obwohl McCain zeitlebens ein Befürworter des Rechts des (ungeborenen) Lebens war, obwohl er mehrfach einen Kotau vor jenen evangelikalen Predigern machte, die er vor acht Jahren noch als Beförderer der Intoleranz beschimpft hatte, konnte er wegen seiner liberalen Haltung in der Umwelt-, Einwanderungs- und Steuerpolitik bis heute nicht die Animositäten der wiedergeborenen Christen überwinden.
McCain: Vom Underdog zum Spitzenreiter
Das hinderte ihn freilich nicht an Siegen in neun Staaten, von der Erbschaft Rudy Giulianis an der Ostküste - New York, New Jersey, Connecticut und Delaware - über Illinois und Missouri im Mittleren Westen und Arizona und Oklahoma im Süden bis zum entscheidenden Triumph in Kalifornien im Westen. Eine bedeutende Rolle für McCain spielte jeweils, dass er als allgemein geehrter Kriegsheld und Patriot, der im Irak nichts als einen klaren Sieg über Al Qaida akzeptieren will, die Stimmen der zahlreichen Veteranen und auch der aktiven Soldaten in den Militärstützpunkten des Landes fast konkurrenzlos erhält.
Zwei Themen, die noch vor wenigen Wochen als wahlentscheidend galten, sind inzwischen in den Hintergrund getreten. Beim Streit um den Irak-Krieg warten die (mehrheitlich republikanischen) Befürworter der umstrittenen Truppenverstärkung des vorigen Jahres bang, ob sich die Lage weiter stabilisieren wird; die Gegner eines fortgesetzt starken militärischen Engagements im Zweistromland - überwiegend sind es Demokraten - geben sich zwar weiterhin überzeugt, dass die Mission faktisch gescheitert und ein rascher Abzug unausweichlich ist, warten aber mit einem abschließenden Urteil ebenfalls ab.
Beim Streit über die Einwanderungspolitik wiederum hat sich gezeigt, dass die teils populistische Polemik gegen die hauptsächlich aus Lateinamerika stammenden rund zwölf Millionen illegalen Einwanderer selbst unter den konservativen Wählern kaum gezündet hat. Sowohl mit seiner harten Haltung zum Irak wie mit seiner weichen Einstellung zur Einwanderungspolitik liegt McCain, der im Sommer angesichts schlechter Umfragewerte und einer leeren Wahlkampfkasse schon fast als ausgeschieden galt, plötzlich im Trend. Er gefalle sich zwar gut in der Rolle des Underdog, sagte McCain am Wahlabend, aber jetzt müsse man ihn wohl endgültig als Spitzenreiter akzeptieren.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS