Obama und die Religion

Wem die Freiheitsglocke schlägt

Von Patrick Bahners

Obama (Mitte) bei einem Gottesdienst

Obama (Mitte) bei einem Gottesdienst

22. April 2008 Pennsylvania ist das klassische Land der Religionsfreiheit. William Penns „Charta der Freiheiten“ verbürgte allen, die an ein höheres Wesen glauben, gleiche Rechte. Die Inschrift auf der Freiheitsglocke von Philadelphia verewigt den fünfzigsten Jahrestag dieser Verfassung. Im Gegensatz zu den konfessionellen Staaten Europas gründete Penn seinen Staat auf den Grundsatz der freien Wahl des Bekenntnisses.

Das Bekenntnis ist im amerikanischen Verstande das Ergebnis einer persönlichen Wahl, elementarer individueller Selbstausdruck. Pflicht des Staates ist es, den sozialen Konformitätsdruck vom Gewissen fernzuhalten, auf dem, wie alle historische Erfahrung lehrt, die Macht der Religion wesentlich beruht. Die Kehrseite dieses radikalen Verständnisses der Religionsfreiheit ist, dass ihre Ausübung dem Gläubigen restlos zugerechnet werden kann. Welches höhere Wesen jemand verehrt, das findet in volkstümlichen oder familiären Traditionen keinen tragenden Grund, sondern nur im Selbstbild des Verehrers. Der amerikanische Multikulturalismus, die Überlagerung der Herkunftswelten von Einwanderern aus aller Herren Ländern, wurde heraufgeführt durch diesen religiösen Individualismus, wie die Geschichte der Besiedlung Pennsylvanias illustriert.

Der Glaube als Opium

Barack Obama nimmt für sich in Anspruch, durch seine Familiengeschichte die zeitgemäße Form der multikulturellen Vision zu verkörpern. Wie es Penn laut Voltaire gelungen war, das Goldene Zeitalter wiederherzustellen, so verspricht Obama den Wählern, sie in ein Gelobtes Land jenseits der ideologischen Schlachtfelder und der Fronten des Rassengegensatzes zu führen. Aber hat er die amerikanische Religion verstanden? Zweifel weckte die Bemerkung, die er vor Spendern in Kalifornien über die Landbevölkerung von Pennsylvania machte: Man sei dort bitter wegen fehlender ökonomischer Chancen und klammere sich an die Waffen und an die Religion. Das ist die primitive Variante der aus der Religionskritik der Aufklärung bekannten funktionalistischen These: der Glaube als das Opium, das die Zukurzgekommenen sich selbst verabreichen.

Obamas Erklärungen des Satzes haben die Sache nicht besser gemacht. Er hat angegeben, sich unglücklich ausgedrückt zu haben, aber die These bekräftigt unter Verweis darauf, dass auch ihm die Religion in schwerer Lage eine Zuflucht sei. Vermieden hat er den Satz: Auch ich bin bisweilen bitter. Das darf ihm nicht über die Lippen kommen, denn sein Charisma besteht in der Suggestion, dass er über den Zorn erhaben ist, von dem er seine Anhänger erlösen will. Er hat nicht erkannt, dass er die Kleinstädter herabsetzt, wenn er ihre Religion nicht als Ausdruck einer Freiheit gelten lässt, deren Ausübung keiner weiteren Erklärungen bedarf. Hillary Clinton hatte leichtes Spiel, als sie Obama in der jüngsten Debatte in Philadelphia ein „fundamentales Missverständnis der Rolle von Religion und Glaube“ vorhielt, deren Verheißungen an guten Tagen ebenso wahr sein wollen wie an schlechten.

Nichts entgegenzusetzen

In seiner meistdiskutierten Einlassung zu Glaubensfragen hatte sich Obama vor Ostern für seine eigene Person auf die Position religiöser Unfreiheit zurückgezogen. Er könne sich, sagte er am 18. März ebenfalls in Philadelphia, von Reverend Wright, seinem Pastor in Chicago, dessen Bannflüche gegen Amerika dank YouTube alle Amerikaner erreicht haben, so wenig lossagen wie von seiner Großmutter – die die von ihrem Enkel zum Zweck der Versöhnung durch Aufrechnung zitierte Aussage, sie fürchte sich auf der Straße manchmal vor schwarzen jungen Männern, allerdings nicht vor einem vieltausendköpfigen Publikum gemacht hatte. Dem von Hillary Clinton in Philadelphia wiederholten Vorwurf, anders als seine Familie suche man sich seine Kirche aus und könne aus ihr austreten, hatte Obama nichts entgegenzusetzen. Um seinen Verbleib in Wrights Gemeinde zu begründen, hätte er erklären müssen, was die gewaltige mobilisierende Kraft des Pastors mit dem Predigtstil zu tun hat, dessen äußerste Zuspitzungen bei YouTube zu besichtigen sind.

Dass Obamas Rede weithin als mutige Erledigung der durch den Fall Wright aufgeworfenen Probleme gefeiert worden ist, offenbart die Verblendung der liberalen Kommentatoren, die auf Obama geradezu messianische Hoffnungen projizieren. Schlimm muss es um das Diskussionsniveau an den Eliteuniversitäten stehen, wenn Hans Ulrich Gumbrecht ausgerechnet mit dieser Rede belegen möchte, dass Obama auf die Kraft von Argumenten setze.

Die Verfluchung des Volkes

Obama unternahm erst gar nicht den Versuch, dem weißen Publikum eine apokalyptische Rhetorik auseinanderzulegen, die eine besondere schwarze Tradition hat, aber aus einem gemeinchristlichen prophetischen Vokabular schöpft, das dem amerikanischen Radikalismus seit jeher seine stärksten Argumente eingegeben hat. Wie angeblich die Hinterwäldler an Gebet und Gewehre klammert sich Obama an die Fiktion, bei den anstößigen Stellen der Predigten handele es sich um vereinzelte intolerable „Kommentare“, als wäre der Gottesdienst eine Talkshow und als wäre die Verfluchung des auserwählten Volkes („God damn America“) nicht schon im Alten Testament die letzte Gestalt des Weckrufs.

Der katholische Historiker Garry Wills hat Obamas Rede mit der Rede in New York verglichen, in der sich Abraham Lincoln von dem Rebellen John Brown distanzierte, ohne dessen Sympathisanten unter den radikalen Sklavereigegnern vor den Kopf zu stoßen. Aber zwischen Lincoln und Brown bestand anders als zwischen Obama und Wright kein persönliches Verhältnis der Inspiration. Reverend Wright hat Obama zum Glauben geführt und ihm die Zunge gelöst. Zum Dank hat der Kandidat seinen Pastor mitsamt seiner Großmutter und seinen Wählern hinuntergezogen auf die Ebene der simpelsten Psychologie des Ressentiments.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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