Von Sascha Lehnartz, Scranton
21. April 2008 Wenn Hillary Clinton am Dienstag die Vorwahl in Pennsylvania gewinnt, liegt das auch an Hazel Price. Hazel Price ist 82 Jahre alt und stammt aus Scranton, einer Stadt im Nordosten Pennsylvanias, die meist als einst stolze Kohleindustriestadt beschrieben wird. Womit eine Menge über die heutige Lage der Stadt gesagt ist: Sie ist nicht rosig.
Die Anthrazit-Förderung wurde in den sechziger Jahren aufgegeben. Seither hat manche neumodische Entwicklung einen Bogen um Scranton gemacht. Unter anderem der Obama-Hype. Scranton - 76.000 Einwohner, 93 Prozent Weiße, drei Prozent Schwarze, 2,6 Prozent Latinos - ist Hillary-Land.
Hazel Price hat in Scranton von 1937 bis 2007 in einer Doppelhaushälfte an der Diamond Avenue gewohnt, Nummer 1040. Nebenan, Nummer 1042, lebten die Rodhams, Hillary Clintons Eltern. Zwar zog Hugh Rodham mit seiner Frau Dorothy noch vor Hillarys Geburt nach Illinois, doch ihrer alten Nachbarschaft blieben die Rodhams stets verbunden. Ihre drei Kinder Hillary, Hugh jr. und Tony ließen sie in der örtlichen Court Street Methodist Church taufen. Auf dem Washburn-Street-Friedhof wurde Hillary Clintons Vater 1993 beerdigt. Das zahlt sich im Wahlkampf jetzt aus.
Sehr waches und intelligentes Kind
Hazel Price hielt über all die Jahre den Kontakt zu ihren ehemaligen Nachbarn. Vor kurzem entdeckte sie dann Schwarz-Weiß-Filmaufnahmen aus dem Jahr 1950 wieder, auf denen Hillary als Dreijährige im weißen Kleidchen zu sehen ist, wie sie bei der Tauffeier ihres Bruders herumhüpft. Das Mädchen sei ein sehr waches und intelligentes Kind gewesen, erzählt die Rentnerin in ihrer Wohnung in Scranton.
Daran, dass die nächste Präsidentin Hillary Clinton heißen wird, hat Hazel Price keinen Zweifel. Auf dem demokratischen Nominierungsparteitag wird es eine Keilerei geben, aber am Ende wird sie nominiert, glaubt die Dame, die sich darauf freut, dass das Land dann endlich einmal von einer Frau regiert wird. Seit George Washington sind wir immer nur von Männern regiert worden. Was dabei herausgekommen ist, sieht man ja.
Die Wahlkampfstrategie geht auf
Als der Lokalsender vor einer Weile ihren Film zeigte, meldete sich prompt Clintons Wahlkampfbüro. Inzwischen sind die Aufnahmen, die Hazel Price 57 Jahre lang aufbewahrt hatte, immer wieder in Pennsylvania zu sehen - als Fernseh-Spot. Das bin ich in Scranton, kommentiert die Stimme der Kandidatin nun die Bilder, wo mein Vater aufwuchs und mein Großvater einst in der Spitzenfabrik arbeitete. Die Scranton Lace Company lag nur wenige Minuten vom Haus der Rodhams entfernt. Die Fabrik musste 2002 nach 105 Jahren schließen. Der Uhrenturm des leerstehenden Gebäudes ist heute noch von weitem zu sehen.
Hillary Clintons Selbstinszenierung als bodenständiges Arbeitermädchen ist Teil einer Wahlkampfstrategie, die in Pennsylvania auch deshalb aufzugehen scheint, weil Barack Obama nicht den Eindruck vermittelt, er verstehe die Nöte der Menschen. Vor mehr als einer Woche sagte er bei einem Fundraising-Dinner in San Francisco so dahin, es sei nicht überraschend, dass Bewohner von Kleinstädten in Pennsylvania, in denen es seit 25 Jahren keine Jobs mehr gebe, verbittert seien und sich an Waffen oder Religion oder Antipathie gegen Leute, die nicht so sind wie sie selbst, oder an ausländerfeindliche Gefühle oder an Anti-Freihandelsgedanken klammern.
Eigentor für Obama
Das dürfte vermutlich eher mitfühlend gemeint gewesen sein, aber für Obamas Wahlkampf war der weder gedanklich noch syntaktisch ausgereifte Satz fatal. Bei jeder Gelegenheit haut ihm Hillary Clinton diese Worte nun um die Ohren, als Beleg dafür, wie elitär, abgehoben und herablassend er sei. Obama hat mehrfach erklärt, er habe sich missverständlich ausgedrückt, mehrere Gedanken zusammengequetscht - aber es hilft nicht.
Da fährt Obama sechs Tage lang mit dem Bus durch Pennsylvania, wundert sich Christopher Doherty, Bürgermeister von Scranton und Hillary-Unterstützer, und kaum landet er in Kalifornien, beschreibt er uns als verbittert. Wir sind nicht bitter in Scranton. Wir sind hart arbeitende Optimisten. Überhaupt habe Obama einiges missverstanden: Wir ,klammern' uns auch nicht an Waffen, bei uns ist die Jagd ein Sport, erklärt der Bürgermeister. Beinahe jeder zehnte Bewohner Pennsylvanias verfügt über einen Jagdschein. Der Montag nach Thanksgiving ist traditionell schulfrei, weil dann die Jagdsaison beginnt.
Weiße Frauen mit praktischen Frisuren
Was Obama über Religion erzählt habe, sei ebenfalls Unsinn, befindet der Bürgermeister: Wir haben mehr als hundert Kirchen verschiedener Konfessionen in Scranton, die sind nicht aus Bitterkeit gebaut worden. Doherty wuchs als eines von elf Kindern einer katholischen Familie auf. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit dem Vertrieb von religiösen Artikeln, Rosenkränze und so. Die Firma hat sein Vater gegründet. Einige meiner besten Freunde sind Priester, aber verbittert ist keiner von denen, sagt Doherty.
Am Mittwoch abend treffen sich die Ultras unter den Hillary-Fans im Gramercy-Restaurant in Pittston, ein paar Meilen westlich von Scranton, um sich die Fernsehdebatte zwischen Clinton und Obama anzusehen. Der Ballroom strahlt den Glanz kleinstädtischer Festsäle aus: grob gemusterter Teppich, Holzfurniertäfelung, Styropor-Decken - und natürlich Hillary-Plakate an den Wänden. Es gibt Hotdogs, Bier und Softdrinks.
Die Zusammensetzung des Publikums bestätigt die Wahlforscher: Obama wählen Junge, Männer, Akademiker, Schwarze. Hillary wählen nicht mehr ganz junge Frauen, Arbeiter, Latinos. Allerdings gibt es in Pittston kaum Latinos. So sind denn auch drei Viertel der Gäste der Debate Watching Party weiße Frauen mit praktischen Frisuren und bequemen Schuhen. Viele tragen Hillary-T-Shirts und Buttons, einige Pullover mit Sternenbanner. Die einzige Person unter 35 Jahren (und gleichzeitig einer der wenigen Männer) ist der Pressemann vom örtlichen Wahlkampfbüro.
Zwei Gute für den Preis von einem
Michelle Boice ist 54 Jahre alt, Versicherungskauffrau und aktives Mitglied der Demokraten. Wie alle hier hält sie Hillary für die bessere Kandidatin. Obama verspreche zwar viel, aber ihm fehle es an Erfahrung. Auch sei es nicht so leicht, Wandel zu bewirken. Die Clintons dagegen seien ein erfahrenes Team, man bekomme zwei Gute für den Preis von einem. Wie viele hier schwärmt Michelle Boice von den Neunzigern, damals unter Bill Clinton sei es allen noch gutgegangen. So soll es bitte wieder werden. Diesmal mit Hillary. Hillary ist die Nostalgie-Kandidatin der Baby-Boomer-Generation.
An Obamas Kommentar habe sie nicht geärgert, dass er gesagt hat, wir seien verbittert. Denn es stimmt ja, viele hier sind frustriert und verärgert über die Regierung, sagt Michelle Boice. Was dagegen wirklich schlimm war, das war sein herablassender Ton. Er hat im Grunde gesagt, die Landbevölkerung sei zurückgeblieben, deshalb klammere sie sich an Waffen und Religion, erzählt sie. Ihre Freundin Debbie Noon stimmt dem zu: Es ist Obamas Art, auf andere herabzusehen, sagt die Grundschullehrerin, Hillary dagegen ist viel bodenständiger. Und das, ergänzt Michelle Boice, liege nicht zuletzt an ihren bescheidenen Wurzeln in Scranton.
Kein Vertrauen in Obama
Als die Fernsehdebatte zu Ende ist, sind die Hillary-Unterstützerinnen überzeugt, dass ihre Favoritin den Wortstreit klar für sich entschieden hat. Michelle Boice sagt noch, dass sie auch nicht für Obama stimmen werde, sollten die Demokraten ihn nominieren: Ich traue ihm nicht, der ganze Hype sei ihr nicht geheuer. Obama könne zwar gut reden, aber Hitler sei ja auch ein guter Redner gewesen. Sie wolle den Kandidaten zwar nicht mit dem Führer vergleichen, aber irgendwie mache ihr seine Bewegung Angst.
Debbie Noon beteuert noch pflichtschuldig, ihre Abneigung gegenüber Obama sei kein Rassen-Ding, sie habe einfach nur das Gefühl, Hillary Clinton habe den gleichen Hintergrund wie wir. Wir sind hier in Pennsylvania, dem Staat, in dem die Verfassung geschrieben wurde, sagt Debbie Noon, irgendwie glauben wir, dass hier die Basis Amerikas liegt, dass wir das Wesen dieses Landes verkörpern.
Die ist von hier
Es könnte gut sein, dass das Wesen dieses Landes Barack Obama am Dienstag einen Dämpfer verpasst. Die Umfragen deuten es an. In Obamas Wahlkampfbüro an der Wyoming Street in der Innenstadt von Scranton, die Bürgermeister Doherty seit einigen Jahren wieder auf Vordermann bringt, ist man gedämpft pessimistisch. Hillary füllt hier eine Sehnsuchts-Lücke, sagt Aaron Aurakotos, ein 23 Jahre alter freiwilliger Wahlkämpfer. Seit Wochen betreibe er Canvassing, das heißt, er geht systematisch von Tür zu Tür, um die Wähler von Obama zu überzeugen.
Und ziemlich oft bekomme er bei diesen Gelegenheiten zu hören: Ich wähle Hillary, denn die ist von hier und bringt die Jobs zurück. Das sei zwar irrational, aber schwer zu widerlegen. Außerdem gibt es dann auch noch . . ., sagt Aurakotos und hält kurz inne. Ich zögere, das zu sagen, aber es gibt eben auch ethnische Vorbehalte. In Scranton fänden viele Wähler Obama einfach nicht amerikanisch genug, glaubt der junge Mann.
Gleich gegenüber von Obamas Wahlkampfbüro liegt das Schuhgeschäft Best Foot Forward. Die Besitzerin Denise Allen hat ihr Schaufenster derart dicht mit Hillary-Postern ausstaffiert, als müsse sie ein deutliches Zeichen setzen gegen die Hope-Poster des Obama-Büros gegenüber. Denise Allen trägt übrigens eine praktische Frisur und verkauft bequeme Schuhe.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP