Kommentar

Albtraumszenario der Demokraten

Von Klaus-Dieter Frankenberger

23. April 2008 Nach der Vorwahl ist vor der Vorwahl - was Amerika und die interessierte Welt seit Jahresbeginn erleben, wird sich noch bis in den Juni hinein fortsetzen. Und selbst dann wird nicht geklärt sein, wer der Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei ist und in den Hauptkampf gegen den Republikaner McCain zieht. Denn Hillary Clinton wird nicht dem Drängen nachgeben und ihrem innerparteilichen Rivalen Obama das Feld überlassen, erst recht jetzt nicht, da sie die Vorwahl von Pennsylvania mit hinreichendem Vorsprung gewann - hinreichend, um dem Druck zur Aufgabe selbstbewusst widerstehen zu können.

Daran ist jetzt nicht (mehr) zu denken, selbst wenn Frau Clinton Obama bei den gewählten Delegierten nicht mehr einholen kann und ihre Strategie allein darauf ausrichten muss, die sogenannten Superdelegierten für sich einzunehmen. Allerdings wird auch Obama, an dem die bis zur Niedertracht gehende Härte der Auseinandersetzung der vergangenen Tage und Wochen nicht wie früher abperlte, die für die Nominierung erforderliche Delegiertenzahl nicht mehr erreichen können. Das ist wahlarithmetisch nicht mehr möglich.

Alles wie gehabt

Also wird, also muss auf dem Nominierungsparteitag Ende August entschieden werden. Das verspricht ein langer, brutaler Sommer zu werden: Die Protagonisten werden einander schwere Verwundungen zufügen und sich gegenseitig als gänzlich ungeeignet verunglimpfen, die Verantwortung für das Land zu übernehmen; und die Kluft zwischen den verschiedenen Milieus der Demokratischen Partei wird noch größer und tiefer werden, als sie es heute schon ist. Das ist ein Albtraumszenario.

Denn wie gespalten die Partei politisch, sozial und kulturell ist, das legte auch der Vorentscheid in dem alten Industriestaat Pennsylvania offen: Frau Clinton gewinnt Mehrheiten bei (weißen) Frauen und (weißen) Arbeitnehmern; Obama räumt ab bei Schwarzen, er ist der Favorit der Jung- und Erstwähler, der Hochschulabsolventen und Gutverdiener. Alles wie gehabt.

Frau Clinton, der finanziell das Wasser bis zum Hals steht und die auch nicht annähernd soviel Geld für Wahlwerbung ausgeben kann wie Obama, sucht mit einem relativ starken Argument das Partei-Establishment wieder auf ihre Seite zu ziehen: In den großen, sozial-demographischen heterogenen Bundesstaaten, die zwischen beiden Parteien umkämpft sind, ideologisch also nicht eindeutig positioniert sind, hat sie bisher immer deutlich besser abgeschnitten als ihr Konkurrent. Daraus leitet sie eine größere Siegchance im November ab, denn ohne einen Erfolg in Bundesstaaten wie Ohio oder Pennsylvania werden die Demokraten das Weiße Haus kaum erobern können. Zumal gegen einen John McCain, der bei „einfachen“ demokratischen Wählern einen guten Ruf hat - Stichwort Patriotismus -, der für Wechselwähler attraktiv ist und sich bisher besser schlägt, als ihm zugetraut worden war.

Ein Geschenk für die Gegenseite

Die Bitterkeit dieses Vorwahlkampfes und seine Dauer sind kein gutes Omen für den Herbst - trotz der politischen Ermattung der Republikanischen Partei und der Enttäuschung über sie. In der Vergangenheit waren gnadenlos ausgefochtene Vorwahlen der Demokraten ein Geschenk - für die Gegenseite. Ob am Ende Obama oder Frau Clinton nominiert wird, die Aufgabe, den Schaden zu reparieren, die Verwundungen zu versorgen und die Parteiflügel miteinander zu versöhnen, ist immens groß.

Man wird nicht die Hand dafür ins Feuer legen können, dass Clinton-Wähler, sollte die Senatorin aus New York dem Senator aus Illinois unterliegen, für den Propheten des Wandels stimmen werden, weil er ihnen als elitär und herablassend vorkommt, weil er keiner von ihnen ist. Das gleiche könnte im umgekehrten Fall gelten. Käme es so, müsste die Demokratische Partei schon aus Selbstachtung eigentlich den Betrieb einstellen.

In jedem Fall wäre der 71 Jahre alte John McCain, Irak-Kriegs-Befürworter und in wirtschaftlichen Dingen kaum bewandert, der große Profiteur. Man glaubt es kaum.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP

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