Von Matthias Rüb, Houston
04. März 2008 Gastgeber Mohammed Nasrullah ist Texaner. Auch Emran Gazi ist Texaner. Und natürlich sind Michael Williams und Roger Boykin sowie Susan Sorensen Texaner. Sie alle und ein gutes Dutzend anderer sind im Haus der Nasrullahs im Robin Hill Court in der Schlafstadt Clear Lake City im Südosten von Houston zusammengekommen, damit Texas an diesem Dienstag mächtig seine Stimme erhebe. Dazu bearbeiten sie die Telefone“, wie es im Jargon der Graswurzelwahlkämpfer heißt: Jeder hat sein Mobiltelefon mitgebracht und geht seitenlange Namenslisten durch, Anruf um Anruf.
Das geht dann etwa so: Hallo, hier ist Emran, wie geht es Ihnen heute? Ja, mir geht es auch ausgezeichnet. Ich wollte mich vergewissern, dass Sie am Dienstag zur Wahl gehen. Falls Sie noch nicht per Briefwahl abgestimmt haben, Ihr Wahllokal ist in der North Pointe Grundschule, die kennen Sie ja. Und Sie wissen ja auch, dass es Zeit für den Wechsel ist und dass Barack Obama jede Stimme braucht, gerade auch Ihre und die Ihrer Freunde. Einen wunderschönen Tag noch.“ Mehr als 300 Mal geht das so. Die Antworten seien meist zustimmend gewesen, es liege Hoffnung in der Luft, sagen die Telefonisten später.
Enthusiasmierte Jugend
Die Listen potentieller Wähler der Demokraten stammen von der Internetbewegung MoveOn“, die schon bei den vergangenen Präsidenten- und Kongresswahlen machtvoll ihren Einfluss für Kandidaten der Demokratischen Partei geltend zu machen verstand. Anfang Februar hat sich MoveOn“ für den Kandidaten Barack Obama ausgesprochen. Das hat seinerzeit niemanden überrascht, denn die enthusiasmierten jungen Linken von MoveOn“ und der enthusiasmierende jugendliche Senator aus Illinois sind wie füreinander geschaffen.
So jung sind die Wahlkämpfer im Haus der Nasrullahs an diesem Nachmittag freilich nicht. Immerhin haben einige ihre Kinder mitgebracht, das senkt den Altersdurchschnitt und sorgt auch dafür, dass die Kekse und die Getränke in der Küche alle wegkommen, während im Wohnzimmer unermüdlich telefoniert wird. Dabei hört man den weichen texanischen Singsang eher selten, einen südasiatischen Akzent schon öfter.
Houston ist nicht nur die größte Stadt in Texas, sondern auch Verwaltungssitz des Landkreises Harris, mit knapp vier Millionen Einwohnern der drittgrößte County“ in den Vereinigten Staaten – nur die Landkreise Los Angeles in Südkalifornien und Cook County im Großraum Chicago in Illinois haben noch mehr Einwohner. Vieles spricht dafür, dass sich in Harris County im Osten Texas entscheiden wird, wer die Vorwahlen bei den Demokraten an diesem Dienstag gewinnt – und wer letztlich für die oppositionellen Demokraten gegen den Republikaner John McCain ins Rennen geht.
Sie ist für Hillary, er für Obama
Ein Drittel der Einwohner von Harris County sind Latinos, ein knappes Fünftel sind Schwarze, der Anteil der Asiaten liegt inzwischen bei gut fünf Prozent – mit rasch wachsender Tendenz. Die weiße Mehrheitsbevölkerung der Vereinigten Staaten ist in den meisten der größten Landkreise der Vereinigten Staaten, die allesamt Ballungszentren einer Großstadt und die umliegenden Vorstädte umfassen, schon in der Minderheit. Auch Harris County hat heute eine Minderheitenmehrheit“, das heißt, es gehören zusammengenommen mehr Menschen den Minderheiten an als der überkommenen weißen Mehrheit.
Deshalb ist die Gesellschaft der Wahlkämpfer bei den Nasrullahs repräsentativ für Houston und Osttexas: Susan Sorensen und ihr zwei Mitstreiterinnen mit den weißen Haaren und dem Südstaatenakzent der alteingesessenen Texanerfamilien sind in der Minderheit. Michael Williams und Roger Boykin, der zudem zwei seiner Söhne mitgebracht hat, sind Schwarze. Emran Gazi ist aus Bangladesch – es gebe alleine in Houston 15.000 Einwanderer aus Bangladesch, erzählt er. Hausherr Mohammed Nasrullah stammt aus Hyderabad in Indien, er kam 1974 als Student nach Amerika, seit 1980 ist er Amerikaner. Er arbeitet als Projektmanager bei einer Tochterfirma des Luftfahrtkonzerns Boeing.
Seine Frau Ruth Cohen, die aus einer säkularen jüdisch-baptistischen Familie an der Ostküste stammt, aber schon als Studentin den Weg zum Islam fand und seither auch das Kopftuch trägt, hat er beim Studium kennengelernt. Die beiden sind zwar seit je Demokraten, aber in der Kandidatenwahl sind sie sich nicht einig: Sie ist für Hillary Clinton, er ist für Obama. Am Mittwoch sind wir dann wieder der gleichen Meinung“, sagt Mohammed mit einem diebischen Lächeln, denn er ist wie alle seine Gäste hier überzeugt, dass Barack Obama die Vorwahlen in Texas und damit die Nominierung gewinnen wird. Auch in Ohio, wo Hillary Clinton leicht favorisiert ins Rennen geht, sowie in Vermont und Rhode Island an der Ostküste wird an diesem Dienstag gewählt, doch der große und womöglich das Rennen um die Nominierung entscheidende Preis von 228 Delegiertenstimmen wird in Texas vergeben.
Clintons unheimlicher Werbespot
Obama wie Frau Clinton kamen am Vorabend des Wahltages zu allerletzten Wahlkampfauftritten abermals nach Houston und Austin, was die sich seit Wochen abzeichnende Dramaturgie eines Endkampfes um die Nominierung im Lone Star State“ Texas abermals verstärkte. Zuletzt versuchte das Wahlkampfteam Frau Clintons mit einem eher unheimlichen Werbespot im Fernsehen, die Wähler auf ihre Seite zu ziehen: Die Zuschauer sahen mit Weichzeichner gefilmte schlummernde Kinder, während man im Hintergrund ein Telefon klingeln hört. Es sei das Telefon im Weißen Haus, das nachts um drei klingele, sagte eine Männerstimme, man wolle doch um der Sicherheit der eigenen Kinder gewiss, dass dann jemand mit Erfahrung wie Frau Clinton abhebe und kein Anfänger wie Obama.
Doch um das Thema nationale Sicherheit geht es bei den Anhängern Obamas, deren Einsatzbereitschaft und Siegeszuversicht tatsächlich ansteckend ist, gerade nicht in erster Linie. Vielmehr ist immer wieder von der Schande“ die Rede, dass 44 Millionen Amerikaner keine Krankenversicherung haben. Von der drohenden Rezession, vom hohen Ölpreis, von der Energieverschwendung und von Treibhausgasen, von den explodierenden Kosten im Bildungs- und im Gesundheitswesen ist die Rede; von den etwa zwölf Millionen illegalen Einwanderern übrigens so gut wie gar nicht, denn in Texas lebt man mit der Grenze zu Mexiko und nicht gegen sie.
Und vom Irak-Krieg erzählen sie, von den getöteten Soldaten und Zivilisten, von den vielen Milliarden Dollar, die man doch dringend daheim brauchen würde – und da habe Obama mit seiner Ablehnung der Invasion von Beginn an das richtige Urteilsvermögen gezeigt. Es ist wirklich Zeit für den Wechsel“, sagt Emran Gazi, nimmt sich noch eine Handvoll Handzettel und Poster. Er ist sich sicher, dass der Wechsel an diesem Dienstag nicht aufgehalten wird und bei der Präsidentenwahl am 4. November sein vorläufiges Ziel erreicht.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP
