Obamas weltweiter Wahlkampf

Die Verwegenheit des Egos

Von Matthias Rüb, Washington

21. Juli 2008 Während der demokratische Präsidentschaftskandidat auf seiner Reise nach Afghanistan, in den Nahen Osten und nach Europa außenpolitisches Profil gewinnen will, wächst in den Vereinigten Staaten das Befremden über sein Auftreten. Die Kritik kommt dabei nicht nur aus dem republikanischen Lager, sondern wird immer stärker auch von Anhängern der Demokraten und Linken geäußert.

Schon in die politische Folklore eingegangen ist ein Satz aus der Siegesrede Obamas nach dem Vorwahlkampf gegen Hillary Clinton vom 3. Juni in Minnesota. Damals beschrieb er seinen Triumph in der innerparteilichen Vorausscheidung als einen „historischen Augenblick, da sich der Anstieg der Ozeane verlangsamte und der Planet zu heilen begann“.

Heilung des Planeten

Der konservative Publizist Charles Kratuhammer bietet dafür in der „Washington Post“ den sardonischen Kommentar, ein gewisser Jesus Christus habe seine wundertätige Karriere damit begonnen, Kranke zu heilen; mit solchen Kinkerlitzchen gebe sich Obama nicht ab: Der Planet müsse es sein. Das linke Online-Magazin „Slate“ hat schon seit Januar eine Rubrik zu Obama mit dem Titel „Messiah Watch“ (etwa Messias-Wachdienst) eingerichtet. Im Blog der linken Monatszeitung „Mother Jones“ wurde vor dem „Obamaismus als Kult“ gewarnt, der dem politischen Gegner politische Munition in Massen liefere.

Aus dem Lager des republikanischen Kandidaten John McCain ist vor diesem Hintergrund zu hören, die Leute im politisch besonders umkämpften Bundesstaat Missouri „werden es nicht besonders mögen, wenn Zehntausende Europäer dem Erlöser zujubeln“ und die „german frauleins“ reihenweise in Ohnmacht fallen. In der linksliberalen Tageszeitung „Boston Globe“ wird daran erinnert, dass sich John McCain nach einer langen Laufbahn als Flieger der Kriegsmarine inklusive Gefangenschaft in Nordvietnam sowie als Senator im zarten Alter von 63 Jahren an sein autobiographisches Buch „Faith of my Fathers“ gewagt habe. Obama habe seine Autobiographie mit dem Titel „Dreams from my Father“ mit 34 Jahren geschrieben. Diese sei dem gleichen Gegenstand gewidmet wie sein zweites Buch mit dem Titel „The Audacity of Hope“: Barack Obama.

Der Titel „Die Verwegenheit der Hoffnung“ ist inzwischen in Dutzenden von Abwandlungen im Umlauf: Von der „Verwegenheit des Egos“ bis zur „Verwegenheit der Eitelkeit“. Unter dem Gelächter der Öffentlichkeit hat Obamas Wahlkampfteam schnell wieder einen Entwurf für das schon sehr präsidial wirkende „Siegel“ des Kandidaten mit der Inschrift „Vero Possumus“ zurückgezogen - das ist Lateinisch für „Yes, we can“.

Kritiker: Obamas Abzugspläne absurd

Inhaltlich wurde Obama zuletzt vom demokratischen Sicherheitsexperten Michael O'Hanlon von der „Brookings Institution“ angegriffen, der seine unerschütterliche Position kritisierte, binnen 16 Monaten nach Amtsantritt alle amerikanischen Kampftruppen aus dem Irak abzuziehen. „Zu sagen, man zieht nach einem festen Zeitplan ab - egal was die Iraker tun, gleichviel was unsere Feinde machen, ungeachtet der aktuellen Lage - ist der Gipfel der Absurdität“, ereifert sich O'Hanlon, ein entschiedener Kritiker der Irak-Politik der Regierung Bush, der aber früh die Ergebnisse der amerikanischen Truppenaufstockung von Februar 2007 an würdigte.

Und der Kommentator der „Washington Post“ rechnet Obama vor, dieser habe fälschlicherweise einen Anstieg der Gewalt nach der von ihm abgelehnten Truppenaufstockung im Irak vorausgesagt und halte jetzt, nachdem die Gewalt nachweislich zurückgegangen sei, in „törichter Beständigkeit“ an seinem Plan fest. Und das, noch ehe er auf seiner Reise, bei welcher er nach eigener Auskunft vor allem zuhören wolle, auch nur mit einem einzigen amerikanischen General im Irak oder einem irakischen Politiker gesprochen habe.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa

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