Von Klaus-Dieter Frankenberger
03. Januar 2008 Seit Monaten schon reisen die vielen Möchtegernnachfolger des George W. Bush durchs Land, halten Reden vor großem und kleinem Publikum, liefern einander gehaltvolle und absonderliche Debatten, attackieren und zeigen Schwächen, geben viel Geld aus und sammeln noch mehr - und doch steht der demokratische Ausleseprozess erst am Anfang. Schließlich wird der Wechsel im Amt des amerikanischen Präsidenten erst in einem Jahr vollzogen. Doch jetzt wird es langsam ernst: Heute finden Parteiversammlungen im Bundesstaat Iowa statt, in der kommenden Woche folgen Vorwahlen in New Hampshire.
Es sind also die Wähler in zwei kleinen Bundesstaaten, denen nach einer rührend altmodischen Tradition eine große Bedeutung zukommt. Sie bilden den Auftakt, der die amerikanische Politik regelrecht elektrisiert und den die restliche Welt diesmal besonders aufmerksam verfolgen wird: Wer ist der Favorit des Augenblicks, wem gelingt ein Überraschungserfolg, wer strauchelt schon an der ersten Hürde? In gut einem Monat wird vermutlich feststehen, wer für die Demokratische Partei und wer für die Republikaner in die Hauptrunde einziehen und sich den Wählern im November in der einzigen nationalen Wahl stellen wird.
Wettbewerb so offen wie selten
Man muss weit in die Geschichte amerikanischer Präsidentenwahlen zurückgehen, um ein mit dieser Kampagne vergleichbares Szenario zu finden. Erstmals seit rund achtzig Jahren bewirbt sich kein Amtsinhaber um die Wiederwahl; kein Präsident und kein Vizepräsident. Nicht zuletzt deswegen ist die Zahl der Bewerber so groß und der Wahlkampf so spannend. Der innerparteiliche Wettbewerb ist offen wie selten, ganz besonders auf der Seite der Republikaner. Einen flügelübergreifenden Favoriten hat die Partei des scheidenden Präsidenten nicht.
Das sah bei den Demokraten lange anders aus. Da machte das Wort die Runde, der Senatorin Clinton, auf die vor allem das Partei-Establishment setzt, werde der innerparteiliche Sieg nicht zu nehmen sein. Aber diese forsche Zuversicht des von nichts und niemandem aufzuhaltenden Siegens ist einem Zweifel gewichen, und zwar nicht unbedingt oder ausschließlich wegen ihrer ursprünglichen Haltung zum Irak-Krieg, die ihr die Parteilinke so übelnimmt. Hillary Clinton wirbt mit kühler Kompetenz für sich, aber sie tritt mit schwerem Gepäck an. Dass sie einst an der Seite ihres Mannes Regierungserfahrung gesammelt habe, wie sie sagt, ist für viele Wähler, auch aus dem eigenen Lager, keine Empfehlung. Es erinnert sie vielmehr an die Turbulenzen der Ära Clinton, an Amtsenthebungsverfahren, Kulturkriege, verpasste Gelegenheiten, an Charakter.
Obamas Botschaft der Versöhnung
Angesichts der Handicaps, mit denen die republikanischen Bewerber in die Wahlen gehen, sehen einige ihrer Strategen in einer Gegnerin Clinton die einzige realistische Chance, das Präsidentenamt für ihre Partei zu retten. Denn Hillary Clinton polarisiert - nicht viel anders als jener, den sie beerben will -, und sie mobilisiert. Nicht zuletzt dürfte sie jene republikanischen Wähler mobilisieren, denen die eigenen Leute zu lasch oder nicht konservativ genug sind, ob die nun Giuliani, Romney oder McCain heißen, der gerade seine zweite Luft verspürt. Die Zweifel der Demokraten an Frau Clinton könnten dem jungen schwarzen Senator Obama zugutekommen. Er präsentiert sich als Amerikas neuer Hoffnungsträger, der mit rhetorischem Geschick und einer Botschaft der Versöhnung mangelnde politische Erfahrung zu kompensieren versucht. Sein Stern strahlt neuerdings wieder etwas heller.
Das beherrschende und entzweiende Thema der vergangenen Jahre, der Irak, Emblem der Präsidentschaft Bushs, wird im November vermutlich in den Hintergrund getreten sein. Schon jetzt ist zu beobachten, dass es verdrängt wird von den traditionellen Sorgen um Einkommen und Arbeitsplätze, die im Zuge der Globalisierung verlorengehen, und von dem alten Erregungsthema illegale Einwanderung. Für die Demokraten wird es deshalb nicht mehr damit getan sein, die Anti-Bush-Karte auszuspielen. Hinsichtlich der (illegalen) Einwanderung ist ihre Zerrissenheit noch größer als die der Republikaner.
Die Frage nach der Grundströmung
Insbesondere bei den Demokraten sind die Vorwahlen die Stunde der Aktivisten. Oft verleiten sie die Kandidaten zu Übertreibungen und zu Positionen, die an den Rändern gut ankommen, mit denen aber die entscheidende Wahl nicht zu gewinnen ist. Auch Bill Clinton hat seine Siege nicht mit linksliberalem Traditionalismus errungen, sondern mit geschmeidiger Anpassung an eine konservative Grundströmung. Welche Grundströmung wird im Jahr 2008 dominieren?
Vielleicht sehnen sich die meisten Wähler tatsächlich nach einem Ende des von der Herausforderer-Partei so genannten republikanischen Extremismus. So oder so dürfte die republikanische Hegemonie im politischen System der Vereinigten Staaten irgendwo zwischen New Orleans und Bagdad der eigenen Hybris und dem gesunden Widerwillen der Wähler dagegen zum Opfer gefallen sein. Aber amerikanische Wähler folgen ihrem eigenen Kompass; was die Welt von ihnen erwartet, tun sie meistens nicht. Die Welt staunt dann meistens über das neue Personal im Weißen Haus.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS