Etappensieg für Clinton

Das zermürbende Duell dauert an

Von Matthias Rüb, Washington

23. April 2008 Der Nachrichtensender „FoxNews“ wusste es zuerst - und sagte schon 45 Minuten nach Schließung der Wahllokale in Pennsylvania um 20 Uhr Ortszeit den Sieg von Senatorin Hillary Clinton über Barack Obama voraus. Das brachte Terry McAuliffe, den Parteivorsitzenden der Demokraten von 2001 bis 2005 und jetzigen Chefspendensammler für Frau Clinton so aus dem Häuschen, dass er in eine Jubelarie ausbrach für den konservativen Sender, der Hillary und Bill Clinton scharf zu kritisieren pflegt. Ganz nebenbei rief McAuliffe noch zu Spenden für die Wahlsiegerin auf. Und siehe da: Die Wahlkampfkasse der früheren First Lady füllte sich, binnen weniger Stunden, noch ehe es Mittwoch wurde, um weitere 2,5 Millionen Dollar.

Das Geld hat sie bitter nötig, denn Clinton ist im Duell mit Obama längst der „Underdog“. Während sie mit ihrer Wahlkampfmaschine finanziell fast schon aus dem letzten Loch pfeift, geht Obama mit einem hübschen Millionenpolster in die übrigen neun Vorwahlen. Sie ist nun die Unterschätzte, die von den Medien längst Abgeschriebene, die gegen alle widrigen Umstände einfach weiterkämpft. Das lieben die Amerikaner offenbar so sehr, dass sich auf Seiten der Demokraten ein Szenario wiederholt, wie es schon bei den Republikanern zu beobachten war. Dort hatte sich der zwischenzeitlich von den Medien längst angezählte und bankrotte John McCain mit Zähigkeit und schierem Siegeswillen schließlich doch noch durchgesetzt.

Die Wahl wurde in „Suburbia“ entschieden

In Pennsylvania gewann Clinton mit zehn Prozentpunkten Vorsprung, mit 55 zu 45 Prozent der Wählerstimmen, obwohl Obama während sieben Wochen Wahlkampf in dem „Schlüsselstaat“ zwölf Millionen Dollar für Wahlwerbung in Radio und Fernsehen ausgegeben hatte, mehr als dreimal so viel wie Clinton. Einen deutlichen Vorsprung hatte Clinton - wie die Wählerbefragungen zeigen - bei den weißen, gewerkschaftlich organisierten Arbeitern der unteren Mittelklasse, wo sie mit einem Stimmenanteil von zwei Dritteln führte. Auch in den ländlichen Gebieten, bei den Frauen, den Älteren und den Katholiken, die in Pennsylvania ein gutes Drittel der Wähler der Demokraten stellen, lag sie vorn. Und sie gewann die klare Mehrheit bei den bis zuletzt unentschlossenen Wählern.

Obama holte wie üblich wieder die weitaus meisten Stimmen der Schwarzen, diesmal 92 Prozent. Wie gewöhnlich hatte er auch eine klare Mehrheit der jungen Wähler hinter sich und gewann die innerstädtischen Wahlkreise von Philadelphia. Aber schon in den wohlhabenden Vorstädten der Metropole im Osten des Bundesstaates konnte Obama nicht mehr mit Clinton mithalten. Dort, in „Suburbia“, wurde die Wahl von Pennsylvania entschieden: Auch die obere Mittelklasse, die Angestellten mit College-Abschluss wählte mehrheitlich Clinton, der sie in der begonnenen Rezession mehr wirtschaftspolitische Kompetenz zutrauen als Obama. Der hat jedoch immer noch bei jenen die Nase vorn, die den Irak-Krieg für das wichtigste Wahlthema halten.

„Das Blatt hat sich gewendet“, rief die heisere, aber glückliche Siegerin Clinton am späten Dienstagabend vor ihren frenetisch jubelnden Anhängern in Philadelphia. „Einige haben mich ausgezählt und mir gesagt, ich solle aufgeben“, sagte sie und ließ sich gerne vom lauten Buhen ihres Publikums unterbrechen. „Aber das amerikanische Volk gibt nicht auf. Und es verdient einen Präsidenten, der auch nicht aufgibt.“ Nun jubelte das Publikum ordnungsgemäß ohrenbetäubend.

Obamas Anhänger spürbar enttäuscht

Jetzt gebe es die Hoffnung, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten eine Frau als Oberkommandierende der Streitkräfte ins Weiße Haus einziehe, rief Clinton, kam mit ihrer prägnanten Siegesrede bald zum Schluss, holte den strahlenden Bill auf die Bühne und ließ sich weiter feiern.

Zu dem Zeitpunkt war ihr deutlich unterlegener Herausforderer, der nach wie vor bei der Zahl der Parteitagsdelegierten mit imperativem Mandat führt und mithin die „kalte“ Mathematik, aber nicht das „heiße“ Herz des Trends auf seiner Seite hat, nach Evansville im Bundesstaat Indiana weitergezogen, wo am 6. Mai gewählt wird. „Jetzt liegt es an euch in Indiana“, sagte Obama vor seinen spürbar enttäuschten Anhängern. „Ihr könnt entscheiden, ob wir auf den alten ausgetretenen Pfaden weitermachen oder ob wir einen neuen Kurs einschlagen, der wirkliche Hoffnung für die Zukunft bietet.“

Keine Mehrheit in den „Schlachtfeldstaaten“

Und dann redete er weiter und weiter, viel zu lange für einen Verlierer am Wahlabend, kritisierte Frau Clinton und ihren aggressiven Wahlkampfstil, ohne sie beim Namen zu nennen. Es war die übliche Predigt einer Wahlveranstaltung, seltsam deplaziert für einen Wahlabend. Als der sich zur Nacht neigte, hatte sich das für die Demokraten schlimmstmögliche Szenario bestätigt: Das Rennen ist völlig offen, das kräftezehrende und die beiden Bewerber zunehmend zermürbende Duell geht weiter.

Die Kandidatin der Stunde kann ihren Rückstand bei den Delegiertenstimmen mit imperativem Wählermandat nicht mehr einholen, deckt dafür aber schonungslos die Schwächen ihres Konkurrenten auf, der in den im Herbst wahlentscheidenden „Schlachtfeldstaaten“ wie Ohio, Texas und Pennsylvania nicht einmal in der eigenen Partei die Mehrheit der zentristischen Wähler erringen kann.

Übrigens hielten am Dienstag in Pennsylvania auch die Republikaner eine Vorwahl ab, obwohl deren Kandidat längst feststeht. John McCain gewann mit 73 Prozent der Stimmen. Seinen wichtigsten Sieg verzeichnete er aber bei der Vorwahl der Demokraten.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, reuters

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