
Ein pathologischer Fall. Treffend heute der Kommentator im DLF: "Wenn sie jetzt nicht geht, muss sie aufpassen, nicht weg getragen zu werden"...

Mit Interesse habe ich den Vorwahlkampf der Demokraten verfolgt, hauptsächlich über CNN. Offensichtlich sind sowohl Clinton als auch Obama Gefangene des unsäglichen amerikanischen Medienbetriebs gewesen, und werden es auch weiter sein. Grossaufnahmen statt sachlichen Auseinadersetzungen. Ich denke Clinton hat deswegen verloren, weil sie nicht in der Lage ist, authentisch zu wirken. Alles an ihr wirkt berechnend, opportunistisch und eiskalt. Ob dies eine Folge der ständigen Medienbeobachtung und deren unwichtigen Fragestellungen oder eine wirkliche Charaktereigenschaft von ihr ist kann ich nicht beurteilen, aber ich denke, dass Obama der bessere Kandidat ist. Schon alleine deswegen, um die dynastischen Strukturen der bisherigen Präsidentschaften endlich aufzubrechen.

Jetzt scheint es also tatsächlich so, als sollte der Welt ein weiterer Herrscher aus der Bush-Clinton Dynastie erspart bleiben. Aber dass es 18 Millionen Amerikaner waren, die nur aus dem Bauch heraus für Obama und gegen Clinton gestimmt haben, das ist einfach nicht richtig. Eher im Gegenteil, zeigen doch alle "exit polls", also Wählerbefragungen nach der Stimmabgabe, dass die Jungen und die gut gebildeten (Hochschulabsolventen) in Massen Obama gewählt haben, die Alten und wenig gebildeten überwiegend für Clinton gestimmt haben. Bei fast identischen Wahlprogrammen von Obama und Clinton ist es auch nicht angebracht zu behaupten, Obama würde eine Auseinandersetzung mit Fakten scheuen und sich lieber hinter ideologischen Phrasen verstecken. Denn in dem Punkt ist Obama genauso wie Clinton und alle anderen - bloß charismatischer. Des Rätsels Lösung sind weder das Geschlecht noch das Wahlprogramm - einzig und allein der Charakter. Die Amerikaner kennen ihre "Pappenheimerin" Hillary. Das sie es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt ist wohlbekannt. Dass sie für ihre Karriere alles tun und erdulden würde stößt beim Volk auch nicht gerade auf Respekt. Am Ende reagiert der Bauch halt doch nur auf das, was der Verstand ihm sagt.

Wir Europäer mögen über die Verluste von General Motors und Ford spotten, die lässig das Defizit von europäischen Kleinstaaten wie Belgien überschreiten. Wir haben berechtigterweise Bedenken vor einer Guantanamo-Philosophie und einem Weltpolizisten-Gehabe der Amerikaner. Aber immerhin werden die Präsidentschaftskandidaten in den USA nicht wie bei uns in elitären Parteizirkeln bestimmt, sondern direkt durchs Volk. Alle Kandidaten müssen durch das Land reisen und mit dem Volk reden - ihre Bodenhaftung zurückgewinnen. Gerade der Wettbewerb Obama-Clinton zeigt für mich die Stärke des ursprünglichen basisdemokratischen Amerikas.

Wenn Frau Clinton nicht eine Ex-First Lady wäre, dann würde sie kein Mensch kennen oder sich für sie interessieren. Niemals wäre sie auch nur annähernd an eine Präsidentschaftskandidaten-Kandidatur gekommen. Muss eine First-Lady zwingend eine gute Präsidentin sein? Wohl kaum.... Und an ihrem Geschlecht lag es mit Sicherheit nicht. Sonst hätten nicht so viele Leute im Vorfeld auf sie getippt. Vor einem Jahr noch galt sie ja als die unumgängliche neue Präsidentin, für die der Kandidatenlauf nur eine Formsache werden wird. Frau Clinton hat verloren, weil sie zu sehr berechnete, zu sehr mit eingeprobten Gesten operierte und zuwenig sie selbst war oder gerade zu sehr sie selbst. Ihr wird immer eine so unheimliche Professionalität unterstellt. Wer allerdings wirklich professionell ist, der braucht keinen hundertprozentigen Plan, keine hundertprozentige Vorausberechnung. Wer professionell ist kann sich aus eigener Überlegenheit einen kleinen Freiraum schaffen, in den er dann private Einflüsse, man kann auch sagen Menschlichkeit und Sympathie neben dieser anstrengenden Kandidatenkür, einstreuen kann. Sprich, der schafft es nebenbei auch noch Mensch zu bleiben. Frau Clinton war zu professionell und das ist schon wieder unprofessionel

Mrs. Clinton wird den USA wohl komplett erspart bleiben, auch als Vizepräsidentin. Der Bonus solch einer Geste an ihre Anhänger wäre für Obama am Tag der Wahl längst verbraucht, dafür hätte er eine Verliererin am Bein, die für alte Zöpfe und Skandale der 90er steht. In den USA sind Verlierer schnell vergessen; es wird keine Woche dauern, daß die Medien das Interesse an der Dame verlieren, und dann kann Obama eine Vizepräsidenten-Kandidaten bestimmen, der eine Erneuerung viel glaubhafter vertreten kann.

hätte Hillary Clinton gewonnen, hießen die Schlagzeilen wohl anders. Da wäre dann kein Rätsel zu beklagen, im Gegenteil, Alle Journalisten hätten ein Lied darauf eingestimmt, von der tapferen Frau Clinton, von dem kommenden Jahrhundert der Frauen, von dem Eroberungs- und Siegeszug der Frauen, vom Frauenpower und von Powerfrauen, vom subtilen politischen Verhalten der Frauen, bla bla bla ... Nicht zu vergessen Alice Schwarzer mit ihren Beiträgen, wo die gute Dame den Wahlkampf mit antipatriarchalischen Revolution vergleicht und Parallelen zu Ehrenmorden oder so was ähnliches (wie zu den letzten bundesdeutschen Wahlen) zieht. Jetzt wo die gute Dame verliert und sich dann noch als eine schlechte Verliererin entpuppt, staunen die Journalisten ungläubig ".... aber aber das geht doch nicht..." und lamentieren über ein Rätsel ohne Lösung "... weil sie nur eine Frau ist?". Ja genau! Es kann ja auch nicht sein, was nicht sein darf: Eine Frau als Politikerin wie viele andere, die an mangelndem Charisma, an ihre Gier und an ihrer Arroganz scheitert. Jüngste Beispiele wie Royale und Ypsilanti sollten einen Lerneffekt haben. Nicht bei so manche ...

Ein As hat Hillary noch im Ärmel: sie kann als Unabhängige für die Präsidentschaft kandidieren; somit würde sie Obama das Siegen unmöglich machen und McCain höchstens einen sehr mageren Sieg bescheren. Und 2012 wäre sie dann vielleicht wieder die Kandidatin der Demokraten. Ihr geht es doch im Moment einzig darum, ihr NO-bama durchzusetzen. On verra.

Wäre die gute Frau nicht auf die Rolle des Heimchens eingegangen, welche die amerikanische Öffentlichkeit von den Partnerinnen ihrer Amtsträger erwartet, und hätte stattdessen an ihrer eigenen Karriere gearbeitet (und ihren notorisch untreuen Gefährten bei Zeiten den Kopf gewaschen), so hätte sie schon 2000 als erprobte Senatorin, Abgeordnete oder Bundesrichterin ihren Hut in den Ring werfen können und ihr Wahlkampf wäre nicht von den unvorteilhaften Auftritten ihres Ehemanns überschattet worden, die, bei allem Sympathieeffekten und nostalgischen Erinnerungen an die 90er Jahre, doch auch immer ein schlechtes Licht auf die Kandidatin warfen. Ferner stellt sich in den USA die Frage, ob jenes oberste Staatsamt überhaupt auf eine so unmittelbare Weise vergeben werden sollte oder ob die Verfassungsväter mit dem mittelbaren Verfahren über Wahlmänner doch keine so schlechte Idee hatten; denn in der Politik geht es nicht um Sympathie und Charisma, sondern um Talente und Fähigkeiten. Beides hat Amerika aber bitter nötig, denkt man an seine strukturellen Schwächen (Staatsverschuldung, defizitäre Handelsbilanz, Verfall der Mittelschicht, etc.) und seinen großen Gegner China.