Von Jordan Mejias, New York
04. Juni 2008 Vizepräsidentin wäre schließlich ja auch etwas. Aber ein Ersatz für das angestrebte Amt ist es nicht, und ob Hillary Clinton überhaupt gefragt wird, ob sie das Dream Ticket vervollständigen will, weiß vielleicht noch nicht einmal Barack Obama.
Sie hingegen, auch wenn sie es noch nicht eingestehen mag und viel zu raffiniert und berechnend die Sache in der Schwebe zu halten sucht, wird wissen, dass der Vorwahlkampf vorbei ist. Und dass sie sich doch irgendwann, vielleicht sogar sehr bald, geschlagen geben muss. Wie konnte es soweit kommen? In grauer Vorzeit, also vor wenigen Monaten, schien ihr Weg ins Weiße Haus klar und unabänderlich vorgezeichnet. Sie sollte Geschichte schreiben. Nicht als Vizepräsidentin. Was ist schief gelaufen?
Nur weil sie eine Frau ist?
Fünfunddreißig Jahre lang ist Hillary Clinton, wie sie selbst sagt, für Amerika in den Kampf gezogen. Als sie sich endlich als Oberste Befehlshaberin bewähren wollte, machte das Land einen Rückzieher. Nur weil sie eine Frau ist? Nur weil Amerika von seinen patriarchalischen Sitten nicht lassen kann? Aber wir schreiben doch nicht mehr das Jahr 1972! Damals hieß die Frau, die sich um das Präsidentenamt bewarb, Shirley Chisholm. Sie war eine New Yorker Abgeordnete und zudem schwarz. Wegen ihres Geschlechts, behauptete sie, schlage ihr mehr Diskriminierung entgegen als wegen ihrer Hautfarbe. Es wäre ein Ansatz einer Erklärung für Barack Obamas sagenhaften, immer noch kaum zu glaubenden Aufstieg.
Inzwischen sind dreieinhalb Jahrzehnte auch ins amerikanische Land gezogen. Ganz so leicht und unbearbeitet wird Hillary Clinton das Argument der Kollegin nicht übernehmen dürfen. Die Vergangenheit hält jedoch manch andere Lehre bereit. Frau Clinton sollte vielleicht noch einmal die Rede hervorholen, die sie am 31. Mai 1969 bei der Abschlussfeier am Wellesley College hielt. Von der Rektorin als Studentin gepriesen, die ihre akademische Glanzleistung mit aktivem Dienst fürs College verknüpft habe, klagte jene Miss Hillary Rodham über Politiker, denen überm Erbsenzählen die menschliche Perspektive abhanden gekommen sei. Sie forderte mehr Gefühl im Leben und in der Politik: Wir suchen nach einer direkteren, ekstatischeren und alles tiefer durchdringenden Lebensweise.
Hin zum beseligten Miteinander
Jugendlicher Überschwang, ja klar. Damit aber spräche sie auch heute wieder ihren Landsleuten aus dem Herzen. Nicht von ihr, sondern von ihrem Gegner erhofft sich Amerika jedoch eine Chance, zu sich selbst zurückzufinden. Weg vom vergifteten Gegeneinander, hin zum beseligten Miteinander. Hillary Clinton, die als Studentin einst ihr Recht auf Vision geltend machte, wird unter die begabten, aber knochentrockenen Technokraten gereiht, während Barack Obama sich vor lauter visionärem Flair kaum noch um Fakten zu kümmern braucht. In den letzten Wochen wurde er immer wieder unsanft daran erinnert, dass mit Charisma allein der Umzug ins Weiße Haus nicht zu bewerkstelligen ist.
Amerika meint gleichwohl zu spüren, seine Hoffnungen und Sehnsüchte seien bei Obama besser aufgehoben, auch wenn das Land noch dabei ist, ihn wirklich kennenzulernen. Sie, die bekannteste Frau der Welt, muss sich dagegen nachsagen lassen, es sei nach wie vor unmöglich, sie kennen zu können. Sie ist ein Rätsel geblieben, unlösbar bis in den Wahlkampf, den sie länger und sorgfältiger und unermüdlicher und aufopferungsvoller geführt hat, als jeder Konkurrent.
Amerikaner hören nun einmal bei der Präsidentschaftswahl und ihren Präliminarien mehr auf ihren Bauch als auf ihren Kopf.
Ein Hauch von Eisigkeit
All die aufklärenden und verklärenden, die bösartigen und schmeichlerischen, die vernichtenden und begeisterten Worte, die über Hillary Clinton geschüttet wurden, haben wenig verändert. Auch in der für eine Wahlkämpferin unverzichtbaren Leutseligkeit umwehte Hillary Clinton immer ein Hauch von Eisigkeit. Das ist in Amerika, vielleicht im Gegensatz zu Deutschland, ein arges Karrierehandicap. Zumal wenn ein Gegner, gar ein rhetorisches Genie, regelmäßig für Ohnmachtsanfälle im Publikum sorgt. Dieses Können ist weder in Wellesley noch Yale zu erlernen. Zumindest auf seine Anhänger hat dereinst auch George W. Bush magisch und magnetisch gewirkt. Sie glaubten, ihn zu kennen. Darum triumphierte der Bauch an die Urne.
Dann bekamen viele Bauchweh. Bei Hillary Clinton haben es sogar einige Frauen schon jetzt. Statt sich in feministischer Solidarität zu üben, geraten auch die dreißig Schriftstellerinnen, die sich in dem Sammelband Thirty Ways of Looking at Hillary weniger die Politikerin als die Privatperson vornehmen, allmählich in Verzweiflung. Aber sie strecken nicht die Waffen. Wo das Rätselraten um Hillary endet, beginnt die Kritik, die auch in diesem Frauenzirkel von Ostküstenintellektuellen dick aufgetragen wird. Nachdem ich fünfzehn Jahre über Hillary Clinton gelesen, geschrieben, berichtet und gedacht habe, seufzt Judith Warner, bin ich nach wie vor überzeugt davon, dass niemand außerhalb ihres innersten Kreises je die äußerst private Frau, die sie ist, kennen kann - im Unterschied zu dem sehr öffentlichen Phänomen.
Unterstützung aus Kalkül
In Her Way, der kritischen Biographie von Jeff Gerth und Don Van Natta Jr., ist zu lesen: Niemals zuvor hat ein derartig profilierter Kandidat so lange im Scheinwerferlicht gestanden, ohne dass die Öffentlichkeit genug von den Fakten erfahren hätte, um ihn zu verstehen. Hillary Clintons Intelligenz, ihre politische Beschlagenheit, ihre Lebenserfahrung, die sie zum nicht unwesentlichen Teil vor unser aller Augen sammeln musste, ersetzen nicht die zarten Gefühlsbande, die sie weder bereit noch fähig war, mit Amerika zu knüpfen. Wer sie unterstützte, tat dies aus Kalkül oder rationalem Respekt für ihre unleugbaren Talente. Wer sie angriff, tat das mit emotionaler Wucht. Nicht bloß für ihre politischen Feinde war sie ein Ausbund der Ruchlosigkeit. Sie selbst, nicht Amerika, sei dafür verantwortlich, wenn ihre Kandidatur fehlschlüge, schrieb Maureen Dowd, eine ihrer schärfsten Kritikerinnen in der New York Times, dem Blatt, das sie anfangs dennoch als Präsidentin sehen wollte. So sprach sich Dowd von jeder schwesterlichen Illoyalität frei.
Nur einmal, nur an jenem denkwürdigen Nachmittag in New Hampshire, als sich ihre Augen mit Tränen füllten, schien Amerika der Lösung des Rätsels Hillary näherzukommen. Der Augenblick war schnell vorüber. Die Tränen, die den Panzer um die Person aufzulösen begannen, waren gleich vertrocknet, abgelöst von längst Vertrautem, von gezielten Lachern und kühlen, als Geständnisse verpackten Erklärungen und Berechnungen, zuletzt von einem erstaunlichen Verwandlungsversuch der Yale-Absolventin zur Schutzheiligen der Arbeiterschicht.
Was will Hillary? Sie selbst hat die Frage gestellt, jetzt in New York zum Abschluss des Vorwahlkampfes, als Antwort aber nur eine politische Einkaufsliste vom Teleprompter abgelesen. Nichts hat sie von sich preisgegeben. Hillary Clinton ist sich ihrer Wirkung durchaus bewusst. Sie sagt von sich, sie sei ein Rorschachtest für alle. Das wäre weiter nicht schlimm. Auch Obama eignet sich hervorragend als Rorschachtest, bietet dabei freilich eine Projektionsfläche, auf der Amerika sich gern wieder zu erkennen und neu zu ersinnen glaubt. An Hillary Clintons Rorschachklecks rätselte das Land nur herum. Bis es des Rätsels müde geworden ist.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP