Musik-Kritiker John McWhorter im Gespräch

Hip-Hop ist einer von Obamas Coolness-Faktoren

“Ohne Hip-Hop-Unterstützung hätte Obama genauso viele Anhänger“

"Ohne Hip-Hop-Unterstützung hätte Obama genauso viele Anhänger"

31. Oktober 2008 Präsidentschaftskandidat Barack Obama hat sich vorsichtig als Anhänger des aus dem schwarzen Milieu stammenden, oft mit Militanz und Sexismus spielenden Hip-Hop zu erkennen gegeben. Schmälert das seine Siegchancen?

Darf man Sie mit einer Definition provozieren, die Ihnen vermutlich nicht gefallen wird? Sie benennt Hip-Hop als "einflussreichen Faktor des sozialen Wandels, den man im Kampf gegen Armut und Ungerechtigkeit verantwortungsbewusst und proaktiv einsetzen muss".

John McWorther: Es geht um Konfrontation und Provokation

John McWorther: Es geht um Konfrontation und Provokation

Das ist eine ungenaue, wenn nicht sogar falsche Definition. Im Hip-Hop geht es doch nicht darum, Armut unter schwarzen Amerikanern zu bekämpfen. Es geht um Konfrontation und Provokation. Diese Haltung macht für mich das Wesen dieser Musik aus. Natürlich kann man auf ganz verschiedene Art und Weise provozieren. Die einen rappen über Armut und Ungerechtigkeit, andere provozieren, indem sie sich einer Gesellschaft, die vom Sexismus abrückt, als Sexisten präsentieren. Wenn man das ganze Spektrum des Hip-Hop betrachtet, wird man feststellen, dass es in erster Linie nicht darum geht, Armut zu verringern, sondern irgendjemandem die Stirn zu bieten - dem Staat, der Gesellschaft, dem weißen Amerika, einem anderen Rapper.

Aber es gibt zahlreiche Titel, die politische, gesellschaftliche Themen aufgreifen.

Selbst wenn es im Hip-Hop vorgeblich um soziale oder politische Themen geht, dreht sich in Wirklichkeit alles um Provokation. Die Themen sind nur ein Vehikel. Das erkennt man schon daran, dass die Rapper, die vorgeben oder vielleicht sogar glauben, mit ihrer Musik Armut und Ungerechtigkeit zu bekämpfen, immer wieder mit den gleichen politischen Vorstellungen daherkommen, radikale Vorstellungen und Polit-Mythen, die sich noch nie bewährt oder etwas verändert haben. In der Hauptsache geht es auch dem sogenannten politischen Hip-Hop vor allem darum, Zorn zu zeigen.

Vielleicht gefällt Ihnen dann besser, wie Bill Cosby Hip-Hop definiert hat: eine zornige, vulgäre und frauenfeindliche Musik, die mit den schlimmsten Stereotypen über Schwarze arbeite?

Das trifft auf einen Teil gewiss zu, aber gerade der Mainstream-Hip-Hop eines Kanye West oder Common hat in letzter Zeit immer weniger mit Gewalt oder Frauenfeindlichkeit zu tun. Leider ist es noch immer so, dass viele Musiker zu Beginn ihrer Karriere über so etwas rappen, weil sie sonst nicht als glaubwürdig gelten.

Was gefällt Ihnen am Hip-Hop?

Das, was vermutlich den meisten daran gefällt: der Sound. Ich mag, wie aus Worten Rhythmus und Reim entstehen und wie das Ganze mit Musik unterlegt ist.

Rappen für Obama: Russell Simmons bei den Hip-Hop-Awards

Rappen für Obama: Russell Simmons bei den Hip-Hop-Awards

Kürzlich wurden Sie in einer Talk-Sendung der konservativen Fox News interviewt. Es ging um einen Pro-Obama-Song des Rappers Ludacris, von dem sich das Obama-Team distanziert hatte - ein Lied, in dem Hillary Clinton "bitch" genannt und McCain für bestenfalls rollstuhltauglich befunden wird. Interessant war die Reaktion der Moderatorin, als Sie den Song als "ein klein wenig frech" bezeichneten. Sie war sichtlich geschockt, dass Sie nicht auch geschockt waren.

Sie hielt mich eben für konservativer, als ich bin.

Doug E. Fresh (l.) und Usher werben für das Wählen

Doug E. Fresh (l.) und Usher werben für das Wählen

Kritik am Hip-Hop zielt meistens nicht, wie bei Ihnen, auf den politischen Anspruch, sondern auf sein Verhältnis zur Gewalt. Was ist Ihre Haltung dazu?

Ich gehöre nicht zu jenen, die sich andauernd über die Gewalt in Hip-Hop-Texten empören. Ich glaube auch nicht, dass man sie dafür verantwortlich machen kann, wenn irgendjemand mit Waffen herumfuchtelt. Letztlich funktioniert die Gewalt in den Texten ähnlich wie in Western-Filmen: Wenn man in der richtigen Stimmung dazu ist, kann das spannend und unterhaltsam sein. Die Gewalt im Hip-Hop mag bisweilen scheußlich sein, aber es gibt drängendere Probleme.

Den politischen Anspruch des Hip-Hop?

Ich habe das Buch "All About the Beat: Why Hip Hop Can't Save Black America" geschrieben, weil ich es erschreckend finde, dass so viele intelligente Menschen im Hip-Hop mehr sehen wollen als das, was er ist: eine Musik, eine Jugendkultur. Letztlich verbirgt sich hinter dem politischen Anspruch folgende Vorstellung: Eines schönen Tages wird der Hip-Hop den Geist der Rebellion so kanalisieren, dass dabei eine neue Bürgerrechtsbewegung entsteht, die mit einem Schlag alle Probleme, vor allem der Schwarzen, löst.

Was soll daran so schlecht sein?

Ich halte das für eine gewaltige Überschätzung. Umgekehrt läuft es auf eine Trivialisierung der Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre hinaus. Die basierte jedenfalls nicht auf Mode-Statements und einer zynischen Grundhaltung, sondern auf politischen Vorstellungen, politischem Engagement. Danach kam, sozusagen zur Untermalung, auch Musik, die sich mit bestimmten Ereignissen befasste. Und im Hip-Hop soll es auf einmal andersherum sein! Wo andere dem Hip-Hop politische Bedeutung zuschreiben, sehe ich etwas anderes: eine Faulheit in politischen Dingen, die sich politisch gebärdet.

Im Wahlkampf haben sich die meisten Pop-Musiker und die übergroße Mehrheit der Hip-Hopper für Obama erklärt, den auch Sie unterstützen. In zahlreichen Songs wird Obama wie ein Star besungen. Widerlegt das nicht Ihre Thesen?

Für Musikjournalisten wäre das natürlich eine gute Geschichte: vom Hip-Hop beflügelt, wird Obama Präsident. Ich glaube aber nicht, dass diese Musik viel mit dem Phänomen Obama zu tun hat. Obama selbst ist ein Phänomen: Er ist ein sehr guter Redner, und er hat interessante Ideen - deswegen finden ihn sehr viele Leute aufregend. Ohne Hip-Hop-Unterstützung hätte Obama genauso viele Anhänger. Man darf sich von der vielen Musik, die den Wahlkampf beschallt, nicht täuschen lassen. Die bringt die Leute in Stimmung, hat aber nichts damit zu tun, wen sie schließlich wählen.

Könnte die Unterstützung der Rapper Obama schaden, indem ihn McCain als zu Hip-Hop-freundlich darstellt?

Es kann schon sein, dass die Republikaner noch etwas in dieser Richtung unternehmen. Aber das wäre kaum glaubwürdig. Selbst Obama ist zu alt, als dass man ihn in die Nähe von Hip-Hop-Stereotypen rücken könnte.

Obama hat sich nicht nur kritisch, sondern auch positiv über Hip-Hop geäußert.

Das ist auch völlig in Ordnung. Es wäre weltfremd, wenn ein siebenundvierzigjähriger Schwarzer, der amerikanischer Präsident werden will, keine oder eine ausschließlich negative Beziehung zum Hip-Hop hätte. Das ist schließlich die Musik, die das Leben der meisten Leute Mitte vierzig seit zwanzig Jahren prägt und viele jüngere Wähler anspricht. Natürlich ist Hip-Hop einer von Obamas Coolness-Faktoren. Wenn der eine entsprechende Geste macht, ist das etwa so wie damals, als Bill Clinton Saxophon gespielt hat.

Von Russell Simmons, der den Hip-Hop Mitte der achtziger Jahre im kommerziellen Mainstream etablierte, stammt folgende Äußerung: "Die Hip-Hop-Generation entscheidet, ob es cool ist, Ralph Lauren zu tragen oder nicht. Es gibt keinen Grund, warum sie für die Marke Obama nicht das Gleiche tun kann, was sie für Cola oder Pepsi bewirkt hat."

Aus Obama eine Marke zu machen ist eine hübsche Idee. Aber das hat Obama schon ganz allein geschafft. Unsere Probleme sind viel zu komplex für das, was der Hip-Hop für Politik hält.

Wo liegen Ihrer Ansicht nach die Unterschiede zwischen Obamas Politikverständnis und dem des Hip-Hop?

Obama denkt nach. Der Hip-Hop deklamiert nur und tut so, als ob wir noch die gleichen Probleme wie in den sechziger Jahren hätten. Obama ist kompromissfähig, kein Ideologe, das gefällt mir.

Obamas erklärtes Ziel ist es, die Politik der Hautfarbe hinter sich zu lassen.

Das heutige Amerika möchte tatsächlich, dass die Hautfarbe eines Tages keine Rolle mehr spielt. Aber so weit sind wir noch nicht. Wir Obama-Anhänger, ob weiß oder schwarz, sollten uns eingestehen, dass wir ihn auch wegen seiner Hautfarbe unterstützen. Der Hauptgrund, weshalb sich das schwarze Amerika so sehr für Obama begeistert, hat damit zu tun, dass er ein "brother" ist, und weniger mit seinen politischen Vorstellungen.

Sie haben Ihr Buch im Wesentlichen vor diesem Wahlkampf geschrieben. Würden Sie heute daran etwas ändern?

Nein. Ich würde nur ein paar Dinge ergänzen. Was dem Hip-Hop seit vielen Jahren an politischer Bedeutung angedichtet wird, hat Obama in anderthalb Jahren erreicht.

Die Fragen stellte Claus Lochbihler.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, Manhattan Institute

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben