Vorwahlen in Florida

Alle wollen die Kubaner auf ihrer Seite wissen

Von Matthias Rüb, Miami

Rudy Giuliani will mit der Vorwahl in Florida groß einsteigen

Rudy Giuliani will mit der Vorwahl in Florida groß einsteigen

29. Januar 2008 Ohne einen Besuch im Stadtteil Little Havana von Miami und zumal im „Café Versailles“ kommt kein Kandidat davon. Das „Versailles“ liegt im Westen Miamis an der Achten Straße, die hier alle Welt nur unter ihrem spanischen Namen „Calle Ocho“ kennt. Man hört auf der Straße, in Geschäften, Friseursalons und Restaurants mehr Spanisch als Englisch. Nicht umsonst brüstet man sich in Miami, nicht nur die südlichste Metropole der Vereinigten Staaten zu sein, sondern auch noch die nördlichste Großstadt Lateinamerikas.

Rudy Giuliani war in den vergangenen Wochen gleich mehrmals im „Versailles“, und seine Helfer haben auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Restaurants, wo sich die „Cuban Americans“ aller Generationen zum Mittag- und Abendessen treffen oder rasch im Stehen einen grotesk überzuckerten „café con leche“ trinken, zwei riesige Transparente mit dem Konterfei des früheren New Yorker Bürgermeisters aufgehängt. Auf dem Bus, mit dem Giuliani samt Beratern und Journalisten durch den „Sunshine State“ fährt, steht in riesigen Lettern „Florida Is Rudy Country“. Giuliani setzt alles auf die Karte Florida. Seit Monaten macht er im äußersten Südosten Amerikas Wahlkampf und hat die bisherigen Vorwahlen faktisch ausgelassen.

Heimvorteil für Romney

Auch Senator John McCain aus Arizona, in bester Siegesstimmung nach seinem Triumph in South Carolina vom Samstag vor einer Woche, hat sich im „Versailles“ sehen lassen, begleitet von drei einflussreichen Abgeordneten kubanischer Herkunft: den Brüdern Lincoln und Mario Diaz-Balart sowie Ileana Ros-Lehtinen. Dass McCain am Wochenende auch noch die Unterstützung des ebenfalls aus Kuba stammenden Senators Mel Martinez sowie des populären Gouverneurs Charlie Crist erhalten hat, wird weithin als wichtiges, aber wohl nicht wahlentscheidendes Signal gesehen.

Mitt Romney, der frühere Gouverneur von Massachusetts, nutzte in Little Havana wiederum einen besonderen Heimvorteil: Er ließ sich von seinem 26 Jahre alten Sohn Craig, der als mormonischer Missionar in Lateinamerika seine Sprachkenntnisse verfeinert hat, auf Spanisch vorstellen. Craig Romney ist auch der Sprecher eines spanischsprachigen Werbespots, der seit Tagen auf zahlreichen Fernsehkanälen Südfloridas läuft und den Kandidaten nicht nur als erfolgreichen Geschäftsmann und effizienten Gouverneur präsentiert, sondern auch als wunderbaren „papá“ und als „gran esposo de 38 años“, also großartigen Gatten in 38 Ehejahren. Jeder versteht den Seitenhieb auf Giuliani, der sich mit seinen Kindern aus früheren Ehen überworfen hat und mittlerweile zum dritten Mal verheiratet ist.

Republikaner im Mehrfrontenkampf

Schließlich fand am vergangenen Freitag auch Mike Huckabee den Weg zum „Versailles“, mit kleinem Tross, bestehend aus nur zwei Autos, denn dem früheren Gouverneur von Arkansas ist inzwischen das Geld für den Wahlkampf ausgegangen. Dafür begleitete ihn der neue Star der Republikaner in Florida, der Präsident des Abgeordnetenhauses von Florida, Marco Rubio, und übernahm die Vorstellung des Kandidaten im Hinterzimmer des „Versailles“ - auch in spanischer Sprache. Für die schwere Verfehlung, sich noch vor Jahresfrist erlaubt zu haben, das umfassende amerikanische Embargo gegen Kuba zu kritisieren, hat Huckabee inzwischen Abbitte geleistet. Rubio gestand Huckabee zu, es sei außerhalb Floridas eben sehr schwer, die komplizierte Angelegenheit Kuba zu verstehen.

Dass sich die vier Kandidaten der Republikaner in der Calle Ocho und anderswo im Landkreis Miami-Dade so intensiv um die Stimmen der dort lebenden gerade einmal 770.000 Exilkubaner und ihrer Nachfahren kümmern, obwohl der weiter wachsende Bundesstaat im Südosten mittlerweile gut 18 Millionen Einwohner hat, verdeutlicht die Komplexität der demographischen und auch wirtschaftlichen Entwicklung in Florida, der sich jede Wahlkampagne anpassen muss. Allerdings sind für die Vorwahlen an diesem Dienstag nur die Republikaner in den Mehrfrontenkampf um die Stimmen ganz unterschiedlicher Wählerschichten gezogen. Die nationale Parteiführung der Demokraten hat dem Staat nämlich sämtliche 210 Delegiertenstimmen für den Nominierungsparteitag Ende August in Denver entzogen.

„Schönheitswettbewerb“ bei den Demokraten

Zwar können am Dienstag auch registrierte Wähler der Demokraten ihre Stimme für einen der demokratischen Kandidaten abgeben, doch ist dieser „Schönheitswettbewerb“, den Hillary Clinton gewinnen dürfte, nur von geringer Bedeutung. Bei den Republikanern fiel die Strafe der Parteiführung für den offenbar unaufhaltsamen „Frontladeprozess“ - den immer früheren Beginn der Vorwahlen im Wahljahr - etwas milder aus: Die Zahl der Delegiertenstimmen für die „National Convention“ Anfang September wurde auf 57 halbiert. Das ist immer noch ein großer, möglicherweise vorentscheidender Preis, denn anders als bei den bisherigen Vorwahlen gilt in Florida das Prinzip „Winner Takes All“, wonach der Kandidat mit der Mehrheit der abgegebenen Wählerstimmen alle Delegiertenstimmen für sich gewinnt.

Die jüngsten Umfragen geben über den Wahlausgang vom Dienstag ebenso wenig verlässlich Auskunft wie Gespräche mit Wählern, sei es auf der „Calle Ocho“ in Miami oder bei der letzten Kandidatendebatte an der „Florida Atlantic University“ in Boca Raton etwa 100 Kilometer nördlich von Miami. „Für mich ist Mitt Romney der beste Kandidat, weil er als Unternehmer die meiste Erfahrung im wirklichen Leben hat“, sagt Michael Horowitz aus Boca Raton, ein Kleinunternehmer für Software und Webdesign. Für Tracie Finley, die aus Michigan nach Florida gezogen ist und in der Stadtverwaltung von Miami arbeitet, gibt die Gottesfürchtigkeit des einstigen Baptistenpredigers Huckabee den Ausschlag. Wenn Romney oder McCain gewinnen würde, wäre sie aber auch nicht unglücklich und letztlich sei sowieso alles Gottes Wille, sagt sie und lächelt verklärt.

Überraschend höflich geführte Fernsehdebatte

Der Vietnam-Veteran Marc, der sich nach der Aufgabe seines bevorzugten Kandidaten Fred Thompson, einstiger Senator aus Tennessee, neu orientieren muss, hat sich noch nicht zwischen McCain und Giuliani entschieden. Manches spricht dafür, dass die Angst vor einer Rezession und die Folgen der Hypothekenkrise, die im überhitzten Immobilienmarkt von Florida besonders deutlich zu spüren sind, bei der Vorwahl vom Dienstag Mitt Romney helfen werden. Denn er gilt unter den vier republikanischen Kandidaten als derjenige, der dank seiner Erfahrung an der Spitze des Investitionsunternehmens Bain Capital, als Manager der Olympischen Winterspiele von 2002 in Salt Lake City und als Gouverneur von Massachusetts am besten in der Lage wäre, eine Wirtschaftskrise zu meistern.

Zum jüngsten Konjunkturpaket aus Washington, das die Wirtschaft ankurbeln soll, äußerten sich bei der geradezu überraschend höflich geführten Fernsehdebatte von Boca Raton alle vier Kandidaten zustimmend. Sie forderten aber ebenfalls übereinstimmend weitere Schritte wie zusätzliche Steuererleichterungen für Bürger und Unternehmer, wobei Huckabee mit der populistischen Forderung nach Abschaffung des für das Eintreiben der Lohn- und Einkommensteuer zuständigen Bundesamts am weitesten ging.

Giuliani und McCain umwerben die Veteranen

Der ausgedehnte Flächenstaat Florida - von Pensacola im Nordwesten bis nach Key West am äußersten Südzipfel sind es gut 13 Autostunden - zerfällt in deutlich unterschiedliche Klientelregionen der 3,8 Millionen republikanischen Wähler, denen 4,1 Millionen als Demokraten registrierte Wähler gegenüberstehen. Im Norden leben die Evangelikalen, die mehr mit ihren Christenschwestern und -brüdern in den Nachbarstaaten Alabama und Georgia gemein haben als mit den Latinos und den Schwarzen oder gar den linksliberalen Demokraten im Süden an der Atlantikküste. Die Evangelikalen stellen etwa ein Viertel der republikanischen Wähler Floridas, doch dürfte diese Basis für Huckabee zu dünn sein, um die Wahl zu gewinnen.

Für den Vietnam-Veteranen McCain spricht der Umstand, dass 40 Prozent der Republikaner Verbindungen zum Militär haben. Das ist die gleiche Klientel, die auch Giuliani heftig umwirbt. Giuliani hat zudem gezielt um die Stimmen der sogenannten „Snowbirds“ (Schneevögel) geworben. Das sind die Rentner aus dem Nordwesten und zumal dem Nordosten, die sich Florida wegen des warmen Klimas als Altersruhesitz gewählt haben - und den Altersdurchschnitt im „Sunshine State“ auf 39 Jahre erhöhen, was drei Jahre über dem nationalen Durchschnitt liegt. Problematisch für Giuliani ist, dass eine deutliche Mehrheit der „Snowbirds“ aus dem Nordosten Wähler der Demokraten sind, und die haben bei der geschlossenen Vorwahl mit der Entscheidung bei den Republikanern nichts zu tun.

Bushs Präsidentschaft fußt in Florida

In Mittelflorida, diesseits und jenseits des Interstate Highway 4, leben die Viehzüchter, die Zitrus- und Gemüsefarmer, die ihre Interessen am ehesten bei Mitt Romney aufgehoben sehen. 20 Prozent der Einwohner Floridas sind Latinos, 16 Prozent sind Schwarze, doch gehören diese ebenfalls mehrheitlich zu den Wählern der Demokraten. Nicht jedoch die eine Million „Cuban Americans“, die seit Jahr und Tag zu etwa 80 Prozent für die Republikaner stimmen und deshalb seit Wochen von den vier Kandidaten so heftig umworben werden.

George W. Bush hatte es mit der tatkräftigen Hilfe seines Bruders Jeb Bush - von 1999 bis 2007 Gouverneur in Florida - verstanden, Evangelikale, Bauern, Unternehmer und Latinos gleichermaßen für sich zu gewinnen. Ohne diese Traumkombination wäre er 2000 nicht Präsident und vier Jahre später nicht wiedergewählt worden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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