Vorwahlen der Demokraten

Obama erklärt sich zum Präsidentschaftskandidaten - Clinton kämpft weiter

Von Matthias Rüb, Washington

Obama erklärt sich in St. Paul, Minnesota, zum Präsidentschaftskandidaten

Obama erklärt sich in St. Paul, Minnesota, zum Präsidentschaftskandidaten

04. Juni 2008 Es war weniger ein echtes Endspiel als ein komponiertes Schauspiel - und dabei weniger eine griechische Tragödie als eine amerikanische Fernsehkomödie. Der Regisseur hieß Jim Clyburn aus Columbia in South Carolina. Clyburn ist der „Whip“, der stellvertretende Fraktionschef der Demokraten im Repräsentantenhaus und mithin der ranghöchste schwarze Abgeordnete im Kongress. Clyburn, 67 Jahre alt und seit 1993 im Kongress, hatte schon am Vorabend der beiden letzten Vorwahlen in Montana und South Dakota vom Dienstag durchblicken lassen, er werde sich noch ehe die Wahllokale in den dünn besiedelten Flächenstaaten im Westen öffnen würden für Barack Obama aussprechen.

Und so geschah es: Clyburn, der sich wie etwa 180 der gut 800 sogenannten Superdelegierten bis zum allerletzten Tag der Vorwahlen noch nicht für einen der beiden Kandidaten entschieden hatte, verkündete am Dienstag morgens um acht Uhr Ostküstenzeit seine Unterstützung für Obama. Superdelegierte sind die kraft Amt oder Verdienst zum Nominierungsparteitag entsandten Parteioberen ohne Wählerauftrag für einen bestimmten Kandidaten: Sie können sich frei für einen Kandidaten entscheiden und stellen ein gutes Fünftel der insgesamt 4234 Delegierten des Parteitages zur „Krönung“ des Präsidentschaftskandidaten.

Nach den ersten Hochrechnungen aus South Dakota stand der Sieger fest

„Heute kommt der Prozess zu einem Ende“, urteilte Clyburn über die langen Vorwahlen und begründete seine Entscheidung, sozusagen noch vor den Wählern in den beiden letzten der 50 Bundesstaaten das Wort zu ergreifen mit folgendem Argument: Da klar sei, dass keiner der beiden verbliebenen Kandidaten allein durch die Stimmen der gewählten Delegierten mit imperativem Wählermandat die zur Nominierung erforderliche Zahl von 2118 Stimmen beim Nominierungsparteitag Ende August in Denver würde erreichen können, solle der künftige Gewinner Obama noch vor Abschluss der beiden allerletzten Vorwahlen von den Superdelegierten so nahe an die „,magische“ Zahlenschwelle herangetragen werden, dass er den letzten Hüpfer dank der Wählerstimmen in Montana und South Dakota würde tun können.

Der Plan ging womöglich besser auf als Clyburn gehofft hatte. Kurz bevor die Wahllokale in South Dakota schlossen, hatten sich im Laufe des Tages so viele der bis dahin noch unentschiedenen Superdelegierten auf die Seite Obamas geschlagen, dass dem Senator aus Illinois nur noch vier Delegiertenstimmen zur Nominierung fehlten. Und als die Nachrichtensender um 21 Uhr Ostküstenzeit die ersten Hochrechungen aus South Dakota erstellten und Hillary Clinton mit einem deutlichen Vorsprung zeigten, stand der Sieger des fünf Monate währenden Vorwahlmarathons endlich fest: Barack Obama, der trotz seiner Niederlage in South Dakota genügend Delegiertenstimmen hinzugewann, um die Ziellinie von 2118 Delegiertenstimmen zu überschreiten. In den Morgenstunden des Mittwochs hatte Obama schließlich 2156 Stimmen auf sich vereinigt, auf Hillary Clinton waren 1923 Stimmen entfallen.

35 Millionen Wähler der Demokraten haben sich an den Vorwahlen beteiligt

Man muss es vielleicht nicht als böses Omen werten, dass Obama im Augenblick einer allerletzten Niederlage gegen Hillary Clinton den entscheidenden Sieg errang; zudem sollte er später in dieser historischen Vorwahlnacht durch den allerletzten Sieg über Hillary Clinton in Montana, wo die Wahllokale eine weitere Stunde später schlossen, entschädigt werden. Doch an der Grundtatsache änderte sich nichts: Ohne die Stimmen der Mehrheit der Parteifunktionäre, Kongressmitglieder und Gouverneure hätte es für Obama nicht gereicht. Zu knapp war sein Vorsprung vor Hillary Clinton bei den gewählten Delegierten mit imperativem Wählermandat.

Und das, nachdem mehr als 35 Millionen Wähler der Demokraten - so viel wie nie zuvor bei einer innerparteilichen Vorausschiedung - bei 54 Vorwahlen in den 50 Bundesstaaten, im Hauptstadtdistrikt Washington sowie in den abhängigen Territorien ihre Stimme abgegeben hatten. Und das, nachdem Obama allein für Wahlwerbung im Fernsehen fast 80 Millionen Dollar bezahlt hatte, Hillary Clinton wandte dafür immerhin knapp 50 Millionen Dollar auf.

„Denver! Denver! Denver“ skandierten Clintons Anhänger

Die Senatorin aus dem Bundesstaat New York hielt kurz nach Schließung der Wahllokale in South Dakota am Baruch College in Manhattan vor enthusiastischen Zuhörern eine Rede, in der vom Eingeständnis einer Niederlage oder gar von der Aufgabe ihrer Wahlkampagne nicht mit einem einzigen Wort die Rede war. „Es war ein langer Wahlkampf, und heute Abend werde ich noch keine Entscheidung treffen“, sagte Clinton vor ihren jubelnden Anhängern, die mehrfach „Denver! Denver! Denver“ riefen, um sie zum Weitermachen bis zum Nominierungsparteitag dort Ende August zu ermuntern.

Clinton gratulierte Obama gerade einmal zu dessen „großartigem Wahlkampf“, nicht jedoch zum Gewinn der Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten, die zum Zeitpunkt der Rede längst feststand. Sie wolle die kommenden Tage nutzen, um mit „Anhängern und Parteiführern zu beraten, was im besten Interesse der Partei und des Landes ist“, rief Frau Clinton, die kein bisschen müde wirkte und wie üblich von Ehemann Bill und Tocher Chelsea begleitet wurde. Zugleich lud sie ihre Anhänger ein, deren Meinung auf der Website ihres Wahlkampfteams kundzutun - und man darf sicher sein, dass diese sie in großer Zahl zur Fortsetzung des verlorenen Kampfes auffordern werden.

Was wollte Clinton mit ihrer herausfordernden Rede erreichen?

Was Hillary Clinton mit ihrer eloquenten und herausfordernden Rede, die ein Wahlkampfauftritt nach Abschluss der Wahlen war, erreichen wollte, konnten die Kommentatoren bis in die späte Nacht hinein nicht recht erklären. Allenfalls könnte man eine bekräftigte Bewerbung um die Berufung zur Kandidatin für das Vizepräsidentenamt herauslesen.

Barack Obama feierte seine historische Leistung, als erster schwarzer Kandidat ins Finale der amerikanischen Präsidentschaftswahlen zu ziehen, mit einer wie gewohnt mitreißenden Rede in St. Paul im Bundesstaat Minnesota. An gleicher Stelle werden die Republikaner Anfang September auf ihrem Nominierungsparteitag John McCain offiziell zum Kandidaten küren, und Obama machte mit seinem Auftritt von St. Paul vor fast 20.000 Zuhörern seinen Anspruch klar, die Republikaner mit seiner Botschaft vom „Wechsel“ überall im Land anzugreifen.

Obama: „Zuerst sind wir Amerikaner“

„Heute Abend kann ich hier stehen und sagen: Ich werde der demokratische Kandidat für den Präsidenten der Vereinigten Staaten sein“, sagte Obama, der von seiner Frau Michelle begleitet und von seinen Anhängern frenetisch gefeiert wurde. „Lasst uns beginnen, zusammen zu arbeiten und uns zu einen, um gemeinsam die Zukunft Amerikas zu verändern“, sagte Obama. Zugleich pries Obama seine hartnäckige Rivalin Hillary Clinton als eine Führungspersönlichkeit, die Millionen Amerikaner inspiriert habe.

Obwohl er in den vergangenen Monaten manchen Streit mit ihr ausgetragen habe, sei es unzweifelhaft, dass Clinton in ihrer langen Laufbahn als Politikerin stets dafür gearbeitet habe, das Leben der einfachen Menschen zu verbessern. Mit Blick auf den weiteren Wahlkampf zu den Präsidentenwahlen im November sagte Obama: „Eine historische Reise geht zu Ende, eine weitere beginnt.“ Und an den politischen Gegner gewandt sagte er: „Wir nennen uns Demokraten und Republikaner, aber zuerst sind wir Amerikaner.“

McCain: Obamas süßes Versprechen ist gefährlich

Und noch ein Kandidat hielt in der Wahlnacht eine Rede. Der Republikaner John McCain trat in New Orleans (Louisiana) vor seine Anhänger, lobte Clinton für deren banhbrechende Leistung als erster weiblicher Kandidatin mit realistischen Aussichten auf die Präsidentschaftskandidatur und griff sogleich seinen frisch gekürten demokratischen Rivalen scharf an. Obama und sein süßes Versprechen eines Wechsels seien gefährlich für das Land, weil der junge Senator auf das alte Rezept einer aufgeblähten Regierung zur Lösung aller Probleme zurückgreife.

Mit Blick auf die Präsidentenwahlen vom 4. November sagte McCain: „Das wird in der Tat eine Wahl über den Wechsel“, sagte McCain. Allerdings bestehe die Wahl „zwischen einer Wende zum Guten und einer Wende zum Schlechten, zwischen Voranschreiten und Zurückgehen“. McCain, der 25 Jahre älter ist als Obama, zeigte sich verwundert, dass ausgerechnet ein so junger Mann wie sein Herausforderer so viele alte Konzepte vorschlage. Der Wahlkampf ist nicht zu Ende, er hat gerade erst begonnen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, REUTERS

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