Amerikas Zukunft

Das Land der unmöglichen Begrenztheiten

Von Richard Ford

Nicht zu vergessen: Yes we can

Nicht zu vergessen: Yes we can

20. Dezember 2008 Es scheint mir sinnvoll, über einige der weniger offensichtlichen Konsequenzen nachzudenken, die sich für uns aus Barack Obamas Wahlsieg ergeben. Aus amerikanischer Sicht könnte man seinen Aufstieg nicht nur als seinen persönlichen Erfolg betrachten, sondern auch als unseren, als etwas, das wir, die Staatsbürger, gemeinsam zustande gebracht haben. Vielleicht sollten wir in seiner Präsidentschaft nicht den ganz unglaublichen Glücksfall sehen, den viele nun atemlos erleben, sondern einen konzertierten, wenn auch verzweifelten, kollektiven bürgerlichen Akt, dessen Konsequenzen wir, die Urheber, noch nicht genau absehen können, die wir aber bereitwillig schultern und für die wir die Verantwortung übernehmen.

In den letzten acht Jahren erschien vielen Demokraten und Republikanern die Regierung in Washington als ein nachgerade unerklärliches Unglück, dessen verheerende Folgen überall zu sehen waren und mit jedem Tag schlimmer wurden, das uns irritierte, das wir aber nicht recht verstanden und für das wir uns nicht gern verantwortlich fühlten. Wir Amerikaner bringen dem Staat im Allgemeinen keine große Sympathie entgegen und misstrauen seinen Eingriffen. Unsere Abneigung drücken wir meist durch Gleichgültigkeit gegenüber der Regierung aus, außer in besonderen Situationen, etwa wenn wir uns persönlich gefährdet fühlen oder mit finanziellen Verlusten rechnen müssen - dann kritisieren wir den Staat, weil er nicht genug für uns tut. Es ist nicht untypisch, dass keiner meiner Gesprächspartner in den letzten zwei Jahren Verantwortung für George W. Bush übernehmen wollte - zumal wenn er aus jener Hälfte der Bevölkerung kam, die ihn gewählt hat. Ich habe versucht, einige meiner republikanischen Freunde dazu zu bringen, die Verantwortung zu akzeptieren, die sie meiner Ansicht nach tragen. Ich habe sogar einen langen Roman geschrieben, in dem es unter anderem darum geht, den Demokraten eine Mitschuld an der Regierung Bush zuzuweisen, weil sie im Jahr 2000, als sie den Wahlsieg praktisch in der Hand hatten, gleichgültig herumsaßen und ihn wieder hergaben. Keine meiner Bemühungen war sonderlich erfolgreich.

Wenn die Regierung schlecht ist

Staatsbürgerlich gedacht - im Zusammenhang mit dem, was Ralph Waldo Emerson unsere „Gemeindetugenden“ nannte -, ist es natürlich sehr, sehr schlecht, wenn niemand Verantwortung für die herrschende Regierung übernimmt. Besonders schlecht ist es, wenn wir - wie es Amerika tut - unsere demokratische, auf Mitbestimmung gegründete Gesellschaft der ganzen Welt lautstark als Vorbild anpreisen, obwohl die eigene Regierung nicht viel taugt - für die wir aber verantwortlich sind, ob wir dazu stehen oder nicht. Diese Art von passivem amerikanischem Staatsbürgertum schadet dem amerikanischem Selbstverständnis. Sich für die eigene Regierung nicht zuständig zu fühlen schwächt die Fähigkeit, die Folgen unseres staatlichen Wollens und staatlicher Entscheidungen vorherzusehen und zu beeinflussen. Es handelt sich ja hier um nichts Geringeres als ein Grundprinzip verantwortlicher Staatskunst - jenen Teil davon, der dem persönlichen Verhalten als Vorbild dient. Die englische Schriftstellerin George Eliot schrieb einmal, es gebe kein privates Leben, das nicht durch gesellschaftliches Leben geprägt würde. Wenn die Regierung schlecht ist und niemand dafür die Verantwortung trägt, ist die gesamte Gesellschaft bis hinunter auf die alltäglichste Ebene in Gefahr, und es entsteht jene ziellose Trägheit, die wir mit Totalitarismus und Demagogie assoziieren und die es erlaubt, Wahrheit in Lüge zu verwandeln.

Das ist, wie sich nun zeigt, in Amerika schon seit längerem der Fall. Man braucht sich nur die Wirtschaft anzuschauen, die Klimapolitik, die Massenvernichtungswaffen, die es dann doch nicht gab. Man könnte sagen, dass die Bush-Jahre innerhalb der amerikanischen Politik gewissermaßen eine sowjetische Periode darstellen. Das Gegenmittel, also die Aufrechterhaltung eines Mindestmaßes an Wahrheitsbezug, setzt die Bereitschaft voraus, eine gewisse Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen. Im Grunde ist das ganz einfach. Aber die Politik ist manchmal in der Lage, die Dinge komplizierter zu machen, als sie tatsächlich sind.

Die verspäteten Republikaner

Dennoch ist die Vorstellung seltsam, Amerikas Schritt ins Obamasche Neuland ziele direkt darauf, entschiedener die Verantwortung für unser Handeln und die Zukunft unserer Nation zu übernehmen. Natürlich ist es denkbar, dass jede Form persönlicher Verantwortung bedeutet, auch für unabsehbare Folgen einzutreten. Unser amerikanisches Dilemma, unsere Herausforderung wäre dann vielleicht nicht nur die verdrehte Wahrheit, eine merkwürdige Realität hinter dem Spiegel nach Lewis-Carroll-Manier, an die wir uns in diesen letzten Jahren unter Bush gewöhnt haben. Obamas Präsidentschaft verspricht zumindest eine völlig neue Chance, Amerika von innen heraus zu taxieren - was uns bisher nicht besonders gut gelungen ist.

Hier also einige weitere „Obama-Folgen“, die sich auf schriftstellerisches Empfinden und persönliche Beobachtungen gründen. Es geht um Dinge, die wir Amerikaner begreifen und für die wir künftig einstehen müssen.

Ich werde das Gefühl nicht los, die Behauptung all jener Republikaner, mit denen ich in der letzten Zeit gesprochen habe, sie hätten gegen ihre Partei und für Barack Obama gestimmt, habe einen eigentümlich falschen Klang. Der gute Linke in mir möchte natürlich glauben, diese Leute seien von Obama erleuchtet worden; sie hätten sich (dieses eine Mal) richtig entschieden, weil sie all dessen, wofür George W. Bush stand, überdrüssig waren, und sie hätten, inspiriert von Patriotismus, gesundem Menschenverstand und einem Quentchen Mut, die hohlen „Gewissheiten“ zu prüfen, den souveränen staatsbürgerlichen Akt vollzogen, den sie sich nie zugetraut hätten: einen Demokraten zu wählen. Einen Schwarzen zu wählen. Nur. Dies sind genau die Leute, die Bush nicht nur einmal, sondern zweimal gewählt haben. (Das zweite Mal war der große, katastrophale Verrat an unserem Land, denn die skrupellose Unfähigkeit des Präsidenten war längst offenkundig.)

Und diese Republikaner waren genau dieselben Leute, die mir auf meine Frage, warum sie für Bush seien, keine Antwort geben wollten. Also - ich traue ihnen, offen gesagt, nicht. Und ich bin auch nicht bereit, die Zukunft meines Landes ihrem unzuverlässigen Urteil anzuvertrauen - eine Zukunft, die schmerzhaft und kostspielig und voller greller Ungewissheiten sein wird und die eine stabile Regierung braucht, die sich auf den Rückhalt einer verlässlichen, realistisch denkenden, pragmatischen Bevölkerung stützen kann. Ich sage nicht, Präsident Obama sollte automatisch eine zweite Amtszeit garantiert werden (was allerdings Mut machen würde) oder dass ich diese verspäteten Republikaner von den Wahlen ausschließen will (ebenfalls eine reizvolle Vorstellung - wie gern hätte ich diesen Leuten nach 2004 das Wahlrecht entzogen). Es könnte ja sein, dass Obama scheitert. Wer weiß das schon. Aber die heterodoxe und potentiell übergangshafte Natur von Obamas Mandat - und die Konsequenzen, die sich daraus für die Zukunft Amerikas ergeben - wird fester Bestandteil dieser Zukunft und ein neues Element im amerikanischen Charakter sein. Verantwortung für diesen Charakter und seine Zukunft verlangt Wachsamkeit.

Der Status als „besonderer Präsident“

Eine zweite Überlegung, die damit zusammenhängt: Obamas großartiger Triumph - ein Schwarzer, der sich um die Präsidentschaft bewirbt und auch gewählt wird (was ich wahrlich in meinem Leben nie erwartet hatte, höchstens wünschen konnte) - hat ihm aus Sicht der Öffentlichkeit fraglos eine schützende Besonderheit verliehen. In der sengenden Hitze der Regierungsarbeit wird diese Besonderheit aber rasch verglühen und ihn umso angreifbarer machen. Diese doppelte Gefährdung ist Ausdruck des double bind, der in Amerika schon immer wirksam war, wenn es um die Rassenfrage geht, und vermutlich nicht verschwindet, nur weil ein Schwarzer Präsident geworden ist: Zuerst gilt der Kandidat als nicht wählbar, weil er schwarz ist, und dann werden, nachdem er tatsächlich gewählt wurde, entsprechend der Grandiosität seines Erfolgs übertrieben hohe Erwartungen an ihn gerichtet. So war es vor hundertfünfzig Jahren, in der Zeit des gescheiterten „Wiederaufbaus“ nach dem Bürgerkrieg. Wenn Obamas Wahlsieg den Rassismus in Amerika mitten ins Herz getroffen hat und sein Erfolg ein Riesenschritt sein könnte, wegzukommen vom Rassendenken in unserem Land, so ist doch sehr wahrscheinlich, dass dieses Bewusstsein - nach Obamas Wahlsieg offiziell diskreditiert - sich nun noch tiefer in den Untergrund vergräbt und sich in nuancierten und weniger nuancierten Angriffen äußern wird, die Präsident Obama seitens der abgewählten Partei vermutlich entgegenschlagen werden.

Das gilt aber einzig und allein, wenn Präsident Obama erfolgreich ist. Sollte er weniger als erfolgreich sein, sollte er scheitern, dann wäre sein eindrucksvoller Status als „besonderer Präsident“, als derjenige, mit dem alles anders wurde, rasch eine Bürde für ihn - und auch eine Bürde für das Land, weil dann das Rassendenken wieder Aufwind bekäme. Das ist das Risiko, das die Wahl Obamas bedeutet. Auch wenn es ein lohnendes Risiko ist, eines, das einzugehen das Privileg einer freien Nation ist, hat es natürlich Konsequenzen, die wir nicht ignorieren dürfen, sondern auf die wir uns einstellen müssen.

Einige Tage nach dem 4. November schrieb ich einem Jugendfreund in Mississippi, um ihn nach seiner Reaktion zu fragen, denn ich ahnte, dass er nicht für Obama gestimmt hatte. Mein Freund ist Weißer, politisch konservativ, Evangelikaler und Republikaner. Ich hatte das Gefühl, dass die Ansichten der Obama-Gegner - immerhin eines großen Teils der Bevölkerung, über die regiert wird - wichtiger und weniger leicht zu verstehen waren als meine relativ einfache Pro-Obama-Haltung. Im Krieg empfiehlt es sich bekanntlich, den Feind klar im Blick zu haben. Regierungen müssen das ganze Gemeinwesen im Blick haben, und sei es nur, weil sie für Freund und Gegner gleichermaßen zu sorgen haben. „Stimmt, ich habe Obama nicht gewählt“, antwortete mein Freund. „Aber ich bete für Obama. Ich lege alles in Gottes Hand. Ich glaube, vielen Leuten, die so gewählt haben wie ich, geht es ähnlich. Wir wünschen ihm und uns das Beste.“ Um einen möglichst versöhnlichen Tonfall bemüht, schrieb ich zurück: „Mehr kann ich ja eigentlich nicht erwarten.“

Bleiben, wo unsere Stimme zählt

Gemeint war, dass aus meiner Sicht - der ich kein Christ, kein Konservativer und ganz gewiss kein Republikaner bin - diese Unterstützung ehrlich, aber vielleicht doch wandelbar schien (Gottes Wege sind unergründlich). Amerika mag nicht mehr so gespalten sein wie vor acht Jahren, als Bush den Wahlsieg raubte. Doch die vehementen Obama-Gegner (immerhin achtundvierzig Prozent), die die bizarre Alternative John McCain/Sarah Palin vorzogen, werden Obamas politischen Pragmatismus ebenso auf die Probe stellen wie seine Fähigkeit, das Land in dieser einen Amtszeit, die ihm garantiert ist, zu führen und zu einen. Diese entschiedenen Obama-Gegner werden - durch ihr Tun und ihr Nichttun und indem sie ihre staatsbürgerliche Einstellung zum Ausdruck bringen - ziemlich weitgehend bestimmen, wie es in den nächsten vier, vielleicht auch acht Jahren mit Amerika weitergeht.

Noch eine abschließende Bemerkung. Während des endlos langen und ermüdenden Wahlkampfs der letzten beiden Jahre hatten viele von uns angekündigt, im Fall eines republikanischen Wahlsiegs auswandern zu wollen. Viele sind ja auch tatsächlich weggegangen, nach der Wahl und Wiederwahl von Bush. Und obwohl solche Bekenntnisse billig sind, bin ich mir ziemlich sicher, dass auch ich gegangen wäre. Ich hatte das deutliche Gefühl, das Land, in dem ich geboren wurde, nicht mehr wiederzuerkennen, nicht mehr zu einem besseren Amerika beitragen, die Politik meines Landes nicht mehr mittragen zu können und so weiter und so fort.

Aber das Weggehen war mir nie als ein positiver Schritt erschienen. Gesten des Protests und der Resignation sind selten positiv. Sie sind immer selbstbezogen, wirkungslos, nur bedingt logisch, impulsiv, isolierend. Unklug. Gibt es einen besseren Ort als das Land, in dem man geboren wurde und dem man sich zugehörig fühlt? Wäre es nicht immer übereilt, ausgerechnet jetzt zu gehen? Würde man sein Land nicht den unfähigsten Leuten überlassen? Es gibt viele Argumente. Außerdem bin ich knapp fünfundsechzig. Was hätte es schon geändert, wenn ich gegangen wäre. Auch für mich.

Diese Spannung wird er zu spüren bekommen

Und dann, nach Obamas Sieg, war der ganze Spuk plötzlich vorbei. Und als mir blitzartig klar wurde, dass ich nicht würde gehen müssen, gewann das Bleiben eine noch tiefer gehende Qualität, als ich es je erfahren hatte. Ich lebe hier, nur hier, und hier werde ich vermutlich bis an mein Ende leben. So hatte ich mir das noch nie überlegt. Für Europäer mag solch relative Sesshaftigkeit selbstverständlich sein, für Amerikaner ist diese Einstellung zu unserem Wohnort eher untypisch. Wir kommen alle von irgendwoher und ziehen andauernd um. Und ich gehöre zu einer Generation, der es wichtiger war als anderen, sich alle Optionen offenzuhalten.

Nach Barack Obamas erstaunlichem Wahlsieg stand für viele Amerikaner - all jene, die sich fremd fühlten im Land - auf einmal fest, dass sie bleiben würden. Hier in diesem Land, dessen Bürger wir sind, wo unsere Stimme etwas zählt, wenn sie überhaupt etwas zählt, hier in diesem Land, in dem wir gelebt haben werden, wenn es uns nicht mehr gibt. Selbst in dieser Zeit von Krieg und düsteren wirtschaftlichen Aussichten und geistiger Ermattung hat sich unser Leben also einzigartig verändert - vielleicht zum Besseren. Wenn das gesellschaftliche Leben, wie George Eliot schreibt, das private Leben prägt, dann sind durch diese eine Wahl die unbewussten Bindungen vieler aus meiner Generation, unsere Verantwortung für unser Land und seine Politik, die private und die öffentliche Seite unserer Staatsbürgerschaft - dann ist all das klarer und wichtiger für uns geworden in einer Weise, die ich zumindest nicht mehr abtun kann.

Die meisten modernen Staatswesen sind politisch sehr lebendig, ganz gleich, wer an ihrer Spitze steht. Barack Obama, dieser anscheinend einzigartige Mann, wird nun unser Land führen - die einen sind skeptisch, andere aus Prinzip dagegen, wieder andere ihm zugetan, vielleicht über alle Vernunft hinaus. Diese Spannung wird er zu spüren bekommen, mehr als irgendein anderer Präsident in unserer Geschichte, und das wird seine Handlungsfähigkeit beeinflussen. Natürlich wird es nicht leicht sein, Amerika zu führen und seine Zukunft zu gestalten. Das Land braucht eine verantwortungsbewusste Öffentlichkeit.

Richard Ford, Jahrgang 1944, ist einer der wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautoren. Im vergangenen Jahr erschien auf Deutsch sein großer Roman „Die Lage des Landes“. Dieses Buch bildet den Abschluss der Trilogie um den Immobilienmakler Frank Bascombe, die mit „Der Sportreporter“ (deutsch 1989) begann und mit „Unabhängigkeitstag“ (deutsch 1995) fortgesetzt worden war.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben