Madelyn Dunham

Obamas „stille Heldin“ stirbt an Krebs

Von Stefan Tomik, Washington

Auftritt in Charlotte, North Carolina: „Sie ist nach Hause zurückgekehrt”

Auftritt in Charlotte, North Carolina: „Sie ist nach Hause zurückgekehrt”

04. November 2008 Er hatte geahnt, dass die Frau, die ihn aufzog und prägte, die ihm Halt gab in einer unsicheren Jugend und die er dafür zeitlebens verehrte, den Tag nicht mehr erleben würde, der mit großer Wahrscheinlichkeit den Höhepunkt seiner politischen Karriere markieren wird. Barack Obamas Großmutter erlag in der Nacht zum Montag, einen Tag vor der Präsidentenwahl, auf Hawaii ihrem Krebsleiden. Madelyn Dunham wurde 86 Jahre alt.

„Sie ist nach Hause zurückgekehrt“, sagte Obama am Montagabend vor zehntausenden Unterstützern in Charlotte, North Carolina, und wischte sich Tränen aus dem Gesicht. „Sie ist friedlich entschlafen, mit meiner Schwester an ihrer Seite. Und deshalb gibt es sowohl Freude als auch Tränen. Ich werde darüber nicht lange sprechen, weil es schwer für mich ist, darüber zu reden.“

„Diesen Fehler kein zweites Mal machen“

Obama mit den Eltern seiner Mutter, Stanley und Madelyn Dunham (undatiertes Archivbild)

Obama mit den Eltern seiner Mutter, Stanley und Madelyn Dunham (undatiertes Archivbild)

Seine Großmutter, geboren 1922 in Kansas, durchlebte die schwere Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre und den Zweiten Weltkrieg. In den Kriegsjahren arbeitete sie in der Rüstungsindustrie und zog zugleich ihre Tochter auf, während ihr Mann beim Militär diente. Obama nannte sie am Montag „eine der stillen Helden, die es überall in Amerika gibt“.

Es war Ende Oktober, als der Kandidat seinen Wahlkampf für eineinhalb Tage unterbrach, um mit seiner Familie noch einmal die kranke Großmutter auf Hawaii zu besuchen. Im Fernsehen sagte er damals, die Entscheidung, den Wahlkampf auszusetzen, sei ihm nicht schwer gefallen, weil er schon einmal „zu spät kam“, als seine Mutter 1995 im Alter von nur 53 Jahren an einer Krebserkrankung starb. Er wolle „diesen Fehler nicht ein zweites Mal machen“.

„Sie gab alles, was sie hatte, für mich“

„Toot“, wie Obama seine Großmutter nannte - das ist der hawaiianischen Bezeichnung „tutu“ für Großmutter entlehnt - hatte großen Einfluss auf seine Entwicklung. Sie war sein Fels in einer unsicheren Jugend, die von der Abwesenheit seines Vaters und einem Leben zwischen zwei Kontinenten geprägt war. Nach der Trennung seiner Eltern zog Barack Obama mit seiner Mutter aus Amerika in die Heimat ihres neuen Mannes, nach Indonesien. Da war Barack gerade sechs Jahre alt. 1971, im Alter von zehn Jahren, schickte seiner Mutter ihn in die Vereinigten Staaten zurück, wo er eine Privatschule besuchte. Bis zu seinem Schulabschluss 1979 wurde Obama von seiner Großmutter und deren Mann Stanley auf Hawaii erzogen. Seinen Vater sah Obama zuletzt, als er zehn war.

Madelyn Dunham schaffte auch ohne Studienabschluss den Aufstieg von einer einfachen Bankangestellten zur stellvertretenden Direktorin der Bank von Hawaii. In seiner Autobiografie „Dreams From My Father“ beschrieb Obama, wie seine disziplinierte Großmutter jeden Morgen um fünf Uhr aufstand. „Sie ist diejenige, die mir beigebracht hat, hart zu arbeiten“, schrieb er. „Sie gab alles, was sie hatte, für mich.“

Von ihrem Tod erfuhr Obama am Montagmorgen bei einer Wahlkampfveranstaltung in Jacksonville, Florida. Den Wahlkampf setzte er mit eiserner Disziplin fort bei Auftritten in North Carolina und Virginia. Den Ehrgeiz, den seine Großmutter in ihm weckte, wird ihn am Dienstag voraussichtlich ins höchste Amt der Vereinigten Staaten von Amerika tragen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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