Von Katja Gelinsky, Washington
26. September 2008 Die amerikanische Finanzmarktkrise führt nicht nur zu Turbulenzen an der Börse, sie wirbelt auch die Terminkalender der beiden Präsidentschaftskandidaten durcheinander. John McCain hatte sich zunächst entschlossen, das erste Fernsehduell mit Widersacher Barack Obama nicht wie vorgesehen am Freitagabend zu bestreiten. Die außenpolitische Debatte müsse warten, solange in Washington um einen Ausweg aus der Finanzkrise gerungen werde, kündigte McCain an.
An Obama und an die überparteiliche Kommission für Präsidentschaftsdebatten appellierte der Senator, auf die Wahlkampfbegegnung zu verzichten, bis man sich in Washington auf eine Rettungsaktion geeinigt habe. Doch weder Barack Obama noch die Veranstalter wollten davon abrücken, dass sich die Kandidaten an diesem Freitagabend zur besten Sendezeit um 21 Uhr amerikanischer Ostküstenzeit an Ole Miss, wie die staatliche Universität von Mississippi in Oxford genannt wird, auf dem Gebiet Außen- und Sicherheitspolitik messen.
Noch keine Einigung über Rettungspaket
Nun ist das Krisengespräch im Weißen Haus über das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungsprogramm für den angeschlagenen amerikanischen Finanzsektor ist ohne greifbares Ergebnis zu Ende gegangen. Ich glaube, wir werden zu einer Einigung kommen, aber es gibt noch viel zu tun, sagte Obama nach dem Treffen am Donnerstag. Er war wie McCain vom amerikanischen Präsidenten George W. Bush zu dem beispiellosen Treffen gebeten worden.
Vertreter der Demokraten kritisierten im Anschluss, der Republikaner McCain habe eine Einigung bei dem Treffen der Präsidentschaftskandidaten und ranghoher Mitglieder des Bankenausschusses beim Kongress aus wahltaktischen Gründen sabotiert. Damit bleibt weiter offen, ob das Rededuell mit Obama tatsächlich zustande kommt. Obama hatte sich schon indes mit seinen Kampfgefährten nach Florida zurückgezogen, um das Florett für das Redegefecht mit dem republikanischen Rivalen zu schärfen und Übungskämpfe mit dem McCain-Darsteller Greg Craig zu absolvieren.
Vorteil McCain
McCain gilt als Favorit der geplanten Begegnung. Beim Thema Außen- und Sicherheitspolitik ist er in seinem Element. Dabei gelingt es dem Kriegsveteranen, der als Redner zuweilen hölzern klingt, rhetorische Glanzpunkte zu setzen, zumal wenn er seine Erfahrungen aus dem Vietnamkrieg einbringen kann. So etwa im vergangenen Herbst während einer Debatte in Florida, in der er die Verschwendung von Steuern für das im Juni eröffnete Woodstock-Museum im Bundesstaat New York kritisierte.
Ich bin sicher, es war ein kulturelles und pharmazeutisches Ereignis, bemerkte der ehemalige Kriegsgefangene McCain über das legendäre Woodstock-Konzert, und fügte dann nach einer kleinen Pause effektvoll hinzu: Ich war zu der Zeit verhindert.
Nicht Obamas stärkste Seite
Obama ist zwar ein brillanter Redner, der eine Aura der Begeisterung und Verklärung zu schaffen vermag. Aber für den politischen Nahkampf ist er deshalb nicht unbedingt gerüstet. Als Obama in einer Debatte darlegen sollte, was er tun würde, wenn zwei amerikanische Städte gleichzeitig von Terroristen angegriffen würden, referierte er langatmig und emotionslos über die Sammlung nachrichtendienstlicher Informationen, Rettungsabläufe und die gebotene Zusammenarbeit mit der internationalen Staatengemeinschaft. Das Wichtigste und Naheliegendste - die Verfolgung der Terroristen vergaß er jedoch.
Obamas Kampagne hat sich deshalb entschlossen, ihren Kandidaten als Underdog in das Fernsehduell zu schicken. Diese Debatten sind beim besten Willen nicht seine stärkste Seite, bemühte sich Obamas Pressechef Robert Gibbs die Erwartungen herunterzuschrauben. Noch am Donnerstagmorgen hatte Obama angekündigt, auf dem Duell zu bestehen, Finanzkrise hin oder her. Es sei wichtiger als je zuvor, dass beide Präsidentschaftsbewerber den Amerikanern ihre Positionen darlegten. Im Übrigen müsse, wer amerikanischer Präsident werden wolle, mehrere Probleme zugleich bewältigen können.
Debatte in Krisenzeiten
Die Kommission, die die Präsidentschaftsdebatten organisiert, hat eine Verschiebung der Debatte ebenfalls abgelehnt. Die Begegnung sei mehr als eineinhalb Jahre lang vorbereitet worden, hieß es in einer Stellungnahme. Zwei Kommissionsmitglieder erinnerten daran, dass man auch in früheren Krisenzeiten debattiert habe, etwa 2000, als der tödliche Terroranschlag auf das amerikanische Kriegsschiff Cole verübt worden sei. Wir glauben, dass der Öffentlichkeit sehr damit gedient sein wird, wenn alle Debatten wie geplant stattfinden, hieß es in der Mitteilung der Kommission.
Eine Sprecherin von McCains Kampagne hatte daraufhin gesagt, der Senator werde an der Debatte nur dann teilnehmen, wenn die Gesetzesarbeiten zu dem Rettungspaket einen entscheidenden Schritt vorankämen. Unklar bleibt vorerst, ob McCain auch zügig die unterbrochenen Wahlkampfauftritte, das Sammeln von Wahlkampfspenden und die Wahlwerbung wieder aufnehmen. Inwieweit Obamas Kampagne über McCains Schritte informiert war, dazu äußern sich beide Lager unterschiedlich.
McCains Mitarbeiter sagen, der Republikaner habe Obama am Mittwochnachmittag am Telefon mitgeteilt, dass er seinen Wahlkampf unterbrechen und nach Washington zurückkehren werde. Obama hatte McCain jedoch so verstanden, dass der Republikaner die Unterbrechung seines Wahlkampfs nur erwäge und gewiss nicht handeln werde, bevor beide Senatoren die von Obama angeregte gemeinsame Erklärung zur Bewältigung der Finanzkrise veröffentlichen würden.
Riskantes Manöver
Rückendeckung für seine Aktion hatte McCain von prominenten Republikanern erhalten. Newt Gringrich, der frühere Sprecher des Repräsentantenhauses, pries den Senator für eine verantwortungsbewusste Herangehensweise, wie sie noch kein Präsidentschaftskandidat jemals an den Tag gelegt habe. Auch die republikanischen Minderheitenführer im Kongress äußerten Sympathie für McCains Absichten.
Republikanische Wahlkampfbeobachter dagegen sprachen von einem riskanten Manöver. Die demokratische Führung bezichtigte McCain plumper Effekthascherei.Die Kommission, die die Fernsehdebatten bis zu Details wie der Höhe der Stehpulte und der Raumtemperatur vorbereitet, wollte ursprünglich, dass sich die Kandidaten zunächst in Fragen zur Wirtschaft messen, weil dies das wichtigste Thema für die Wähler sei. Aber noch bevor das Finanzdebakel die Schlagzeilen beherrschte, drang Obamas Mannschaft darauf, zuerst über Außenpolitik zu reden und den Wählern erst zum Finale am 15. Oktober die Debatte zu Wirtschaftsfragen zu servieren. Dazwischen wird es am 7. Oktober eine Debatte im Format einer Bürgerfragestunde und am 2. Oktober ein Fernsehduell der running mates Sarah Palin und Joseph Biden geben.
Die Außenpolitik wollte Obama deshalb nach vorn ziehen, weil der Senator auf diesem Gebiet in Meinungsumfragen Boden gut machen muss und beim ersten Fernsehduell gewöhnlich die meisten Amerikaner zuschauen. Ferner spekulierten Obamas Berater darauf, dass dem demokratischen Kandidaten ein starkes Debattenfinale gelingen werde, wenn zum Abschluss über Wirtschaftsfragen diskutiert werde. Denn auf diesem Gebiet bekommt Obama in Meinungsumfragen bessere Noten als McCain, der zu Beginn des Wahlkampfs bekannte, dass Wirtschaftsthemen nicht gerade seine Stärke seien.
Nach mehreren Umfragen hat Obama mittlerweile in Prozentpunkten gemessen einen zweistelligen Vorsprung vor seinem republikanischen Gegner, wenn die Frage gestellt wird, welcher Kandidat besser die wirtschaftlichen Probleme verstehe, mit denen Amerika gegenwärtig zu kämpfen habe. Weniger eindeutig ist das Bild jedoch, wenn es um die Gesamtbewertung der Kandidaten geht. Nach den Erhebungen mancher Meinungsforschungsinstitute konnte Obama seinen leichten Vorsprung vor McCain seit dem Finanzdebakel insgesamt vergrößern. Aber zieht man andere Umfragen hinzu, dann liegen John McCain und Barack Obama weiter gleichauf.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS