
Bei der National Convention der Demokraten trug Michelle Obama ein gemustertes Etuikleid des New Yorker Designers Thakoon Panichgul
07. November 2008 Thakoon Panichgul hatte es sich am Abend des 28. August bequem gemacht, um mal schnell am Fernseher in den Nominierungsparteitag der Demokraten in Denver zu schalten. Als die Frau des Kandidaten, Michelle Obama, auf die Bühne trat, glaubte der New Yorker Modemacher seinen Augen nicht zu trauen: Das war ja sein Kleid! Der Designer, der aus Thailand stammt und in Nebraska aufwuchs, rief angesichts der einschneidenden Erfahrung gleich seine Mutter an.
Bisher war Thakoon, der seine kleine New Yorker Marke nach seinem Vornamen benannt hat, kaum bekannt – obwohl er seit Beginn des Jahres auch die italienische Freizeitmarke Hogan modernisiert. Michelle Obama, die bei einem Bummel im Designermodekaufhaus Ikram in Chicago zu dem Radzimir-Kleid im Kimonoschnitt mit verwirbelten rot-schwarzen Blumendrucken aus der Vorkollektion fürs kommende Frühjahr griff, hat das gründlich geändert. Mutter Panichgul, eine pensionierte Näherin, berichtet nicht ohne Stolz, dass sie seither sogar auf den Straßen ihrer modefernen Heimatstadt Omaha auf ihren Sohn angesprochen wird.
Und damit ist Thakoon Panichgul, der bisher erst sieben Mitarbeiter beschäftigt und nur einstellige Millionenumsätze verbucht, nicht allein. Denn die Frau des frisch zum amerikanischen Präsidenten gewählten Barack Obama überrascht das Publikum und auch die Modewelt bei fast jedem Auftritt mit Kleidern, die nicht von großen Modemarken stammen, sondern von ausgewählten kleinen und sogar von ausgemachten Billig-Labels.
Das Gespür für den richtigen Augenblick
Immer wieder zeigt sie verblüffende Kennerschaft und beherzten Stil. Sei es in einem weiteren auffälligen Blumenkleid von Thakoon bei der ersten Debatte der Kandidaten an der University of Mississippi, sei es im 90-Dollar-Cardigan zu 100-Dollar-Bluse und 148-Dollar-Rock von J. Crew bei Talkmaster Jay Leno, sei es in einem Kleid mit schwarz-weißem Blattmuster in der Fernsehsendung The View im Juni, mit dem sie auch ethnische und soziale Kommentare abgab: Das Shiftkleid stammt vom Modekaufhaus White House Black Market und vereint den Schwarz-Weiß-Gegensatz spielerisch. Und es kostet nur 148 Dollar, weshalb auch die Frau von Joe, dem Klempner, zugriff: Mehr als 3000 Nachbestellungen im Sommer zeigen die Bereitschaft der Amerikanerin, ihrer neuen First Lady auch in Stilfragen zu folgen.
Endlich inszeniert sich eine Politikergattin wieder auf faszinierende Art. Hillary Clinton konnte im Hosenanzug als Businessfrau, aber nicht als Präsidentin durchgehen. Cindy McCain durfte mit ihrer hausbackenen Alte-Damen-Mode einfach nicht ins Weiße Haus einziehen – da halfen nicht einmal Diamantohrringe im Wert von 280.000 Dollar. Michelle Obama ist die erste Präsidentengattin seit Jacqueline Kennedy, die mit einem unglaublichen Gespür für den richtigen Augenblick und einem ausgeprägten Sinn für Überraschungen modische Aussagen wagt. Ihr geht es nicht um die Anpassung an einen vermeintlichen Präsidentengattinnen-Stil, wie ihn Nancy Reagan, Barbara Bush, Hillary Clinton und Laura Bush mit ihren ewigen Bill-Blass- und Oscar-de-la-Renta-Einheitskleidern vorgelebt haben.
Eine seltene Gabe
Und ihr geht es auch nicht um den zweifellos geschmackvollen, aber eben auch etwas angestrengten französischen Stil, den Bernadette Chirac würdig in Chanel bestritt und Carla Bruni-Sarkozy elegant in Dior personifiziert. Nein, Michelle Obamas Kleider haben deshalb Klasse, weil sie so unabhängig ist, nicht auf bewährte Marken und Muster zurückgreifen zu müssen, weil sie so kreativ ist, auch Teile von Gap oder H&M gut an ihrem Körper unterzubringen, und weil sie so intelligent ist, dem Anlass Glanz zu geben, ohne aufgedonnert zu wirken. Schon das ist in Washington wahrlich eine seltene Gabe.
Angeblich hat Michelle Obama bis heute Oscar de la Renta noch gar nicht kennen gelernt. Das ist nun wirklich das Ende der Ära Reagan. Nancy Reagan hatte Oscar damals für sich ausersehen. Das war sicher eine gute Wahl, denn kaum jemand kennt die gehobene Gesellschaft der Ostküste besser als dieser Mann, der schon Jacqueline Kennedy einkleidete und dessen zweite Frau Annette zuletzt Vormund der im vergangenen Jahr im Alter von 105 Jahren gestorbenen legendären New Yorker Gesellschaftsdame Brooke Astor war. Aber schon diese beiden Namen zeigen, dass Oscar de la Renta, inzwischen 76, mit seinen Kundinnen alt geworden ist. Bei allem Niveau fehlen dem Altmeister dann doch die entlegenen und verwegenen Ideen junger Modemacher.
Politische Aussage durch Jerseytunika
Und genau an die hält sich Michelle Obama. Als die Vogue und Calvin Klein im Juni erst einen Empfang und dann ein Dinner zu ihren Ehren gaben, standen – neben Vogue-Chefin Anna Wintour und ihrem leitenden Redakteur André Leon Talley – fast alle namhaften Modemacher der Stadt Schlange: Zac Posen, Cynthia Rowley, Georgina Chapman, Monique Lhuillier, Nicole Miller, Isaac Mizrahi, LL Cool J, Catherine Malandrino, Ralph Rucci, Thakoon Panichgul, Tory Burch, Francisco Costa, Behnaz Sarafpour, Chris Benz.
Mehr als um das mit 10.000 Dollar ziemlich teuer erkaufte Dinner rissen sie sich um die Nähe zur neuen Königin des Stils. Michelle Obama kam, zu dem Modetermin passend von Kopf bis Fuß in Schwarz, in einer vorne gerafften Jerseytunika samt weiten Hosen von Isabel Toledo. Die aus Kuba stammende Designerin, ebenfalls zugegen bei dem Dinner in Calvin Kleins Haus im West Village, das von den zwei Privatköchen des Ruheständlers bestückt wurde, wäre fast in Ohnmacht gefallen. Ihr Mann Ruben Toledo sagte anschließend, sie wüssten zwar, dass Obama zu den Kundinnen ihrer Marke im Kaufhaus Ikram gehört: Aber wir hätten nie erwartet, dass sie es für einen beruflichen Termin trägt. Die meisten Frauen tragen Isabel nur zu Hause!
Ruben Toledo erkannte mit dem guten Blick des Zeichners den tieferen Sinn dieses überraschenden Auftritts: Sie trage wohl Kleider einer kleinen familiengeführten Marke, um eine politische Aussage zu machen. Und nicht einmal das ist im Fall von Michelle Obama einfach so dahergesagt. Am besten kann Maria Pinto von den sozialen Effekten richtigen Konsumverhaltens künden. Die Designerin aus Chicago war buchstäblich am Ende, bevor sie einen märchenhaften Aufstieg erlebte. Maria Pinto, die Assistentin von Geoffrey Beene war und sich 1991 mit ihrer Marke für Abendkleider und Accessoires selbständig machte, hatte zunächst Erfolg. Sie verkaufte sogar an große Kaufhäuser wie Bergdorf Goodman. Dann kam der 11. September, ein Angestellter unterschlug 300.000 Dollar, und Pinto ging 2002 bankrott. Damit nicht genug, lag sie wegen eines Chirurgenfehlers sechs Monate mit Bauchfellentzündung im Krankenhaus.
Und was ist mit Deinen Ohren?
Trotzdem versuchte sie es im Jahr 2004 wieder, und eine ihrer treuesten Kundinnen wurde Michelle Obama, die Fau des Senators von Illinois. Pinto hebt hervor, dass sie nicht Obamas Stylistin ist – sie hat gar keine. Aber sie kleidet Michelle Obama und ihre Töchter zu vielen Gelegenheiten ein und ist dadurch – vor allem mit ihren handbestickten Abendkleidern (bis zu 5000 Dollar) – über Chicago hinaus bekannt geworden. Im August konnte sie endlich auch einen großen Laden im Stadtteil West Loop eröffnen. Im schulterfreien und mit Federn besetzten Kleid aus eigener Produktion freute sich die Designerin über ihre Auferstehung von den Modetoten. Nicht nur Michelle Obamas Ehemann, sondern auch sie selbst scheint also Wunder zu vollbringen.
Sogar am künftigen Präsidenten, der Krawatten hasst und sich auch in Anzügen nicht restlos wohlzufühlen scheint, hat sie schon kleine Wunder vollbracht. Die Anzüge sind heute besser geschnitten, die Schuhe besser ausgewählt als noch vor einem Jahr. Bei dem Abend mit den Modemachern in New York erzählte Michelle Obama aber auch davon, dass stilistische Änderungen an ihrem Mann nicht so ganz einfach seien. Er habe, so erzählte sie, öfters darüber gesprochen, wie gern er mal wieder New York besuchen und durch den Central Park spazieren würde. Als Malia, seine ältere Tochter, sagte, er würde dort bestimmt erkannt werden, witzelte er, dann werde er sich eben einen Schnurrbart ankleben. Worauf die kleine Sasha sagte: Und was ist mit Deinen Ohren? Es scheint also Probleme zu geben, die nicht einmal die neue Stilgöttin durch ein Wunder beheben kann.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, Reuters