
Vorbildliche Kampagne: 2006 gelang dem Demokraten Deval Patrick der Sprung ins Gouverneursamt in Boston
05. November 2008 Als Präsident Lyndon B. Johnson am 2. Juli 1964 im Oval Office des Weißen Hauses den Civil Rights Act“ unterzeichnete, soll er nach der Legende seinen Füllfederhalter beiseite gelegt, tief geseufzt und folgenden Satz gesagt haben: Wir haben soeben den Süden für eine Generation verloren.“ Der mit allen texanischen Wassern gewaschene Machtpolitiker glaubte zu wissen, dass die Gewährung des Wahlrechts für die Schwarzen und die Aufhebung der Rassentrennung den zangenfesten politischen Griff der Old Democrats“ über ihren Solid South“ für mindestens drei Jahrzehnte lösen werde.
Und so schien es auch zu kommen: Millionen weißer Wähler im Süden liefen von der Demokratischen Partei, die seit Menschengedenken die Rassentrennung verfochten hatte, zu den Republikanern über, die sich paradoxerweise als Partei Lincolns“ beschrieb und den Anspruch erhob, schon seit den Tagen des Bürgerkriegs auch und gerade die Rechte der einstigen Sklaven zu vertreten. Anfang der fünfziger Jahre wählten noch drei Viertel der Weißen im Süden gewohnheitsmäßig die Demokraten, Ende der sechziger Jahre war es nur noch knapp die Hälfte und Anfang der achtziger Jahre gerade einmal ein Drittel. Wir haben uns immer als Demokraten bezeichnet, aber jüngstens wählen wir die Republikaner“, fasste eine weiße Farmerin aus Mississippi diese beginnende Wählerwanderung schon im Jahr 1967 zusammen.
Clinton als erster schwarzer Präsident

1976 mit den Stimmen der weißen und der schwarzen Demokraten zum 39. Präsidenten gewählt: Jimmy Carter
Dennoch sollte sich die Diagnose von Lyndon B. Johnson, des 36. Präsidenten der Vereinigten Staaten, als falsch erweisen. Zwar sind viele Staaten im Old South“ bis heute republikanisch geprägt: In die Ämter eines Gouverneurs oder Senators in Washington werden dort eher Republikaner als Demokraten gewählt. Doch schon 1976, kaum anderthalb Jahrzehnte nach dem Civil Rights Act“, wurde der Demokrat Jimmy Carter aus Georgia mit den Stimmen der weißen und der schwarzen Demokraten im Süden zum 39. Präsidenten gewählt.
Und Bill Clinton aus Arkansas, der 1992 zum 42. Präsidenten gewählt und 1996 in seinem Amt bestätigt wurde, erhielt von der schwarzen Poetin Maya Angelou gar die Ehrenbezeichnung erster schwarzer Präsident Amerikas“ – denn er kam aus dem Süden und war ein Demokrat. Nur schwarz war er eben nicht. Nun ist ein Demokrat aus dem Nordstaat Illinois, Sohn eines Vaters aus Kenia und einer Mutter aus Kansas, zum ersten wirklichen schwarzen Präsidenten gewählt worden.
Ein Transformationsprozess, der seit Jahrzehnten andauert
Viel wurde in diesem Jahr über das transformatorische Potential der Kandidatur Barack Obamas geschrieben. Der schwarze Publizist Richard Cohen sieht in einem Präsidenten Obama aber keine Figur der Transformation, sondern der Konfirmation“. Die Gesetzgebung des Civil Rights Act“ von 1964 und des Voting Rights Act“ von 1965 habe eine Bewegung in Gang gesetzt, die das Land längst transformiert habe, und Obamas Präsidentschaft werde diese Veränderung allenfalls bekräftigen, bestätigen und weiter vorantreiben.
Dies wird am Beispiel des Bundesstaates Mississippi besonders deutlich. Von den vierzig Märtyrern, die zwischen 1955 und 1968 von weißen Rassisten ermordet wurden und deren Namen in die Gedenkmauer des Nationalmuseums der Bürgerrechtsbewegung in Montgomery in Alabama eingraviert sind, fanden allein 19 in Mississippi ihren gewaltsamen Tod. Damals, vor gut vier Jahrzehnten, gab es in Mississippi noch keinen einzigen gewählten schwarzen Volksvertreter. Heute hat der Bundesstaat so viele gewählte Vertreter der Schwarzen wie kein anderer der 50 Staaten. Im Repräsentantenhaus von Mississippi in der Hauptstadt Jackson sind 47 der 174 Mitglieder Schwarze. In allen größeren Städten Mississippis gab oder gibt es schwarze Bürgermeister, und die allermeisten waren und sind Vertreter der Demokratischen Partei.
Überproportionales Engagement
Doch die Renaissance der Demokraten im Süden und der Zuwachs schwarzer Bürgermeister und Abgeordneter in Städten und Wahlbezirken mit schwarzer Bevölkerungsmehrheit ist nur die eine Seite einer seit Jahrzehnten zu beobachtenden Entwicklung. Bedeutender noch ist der Umstand, dass schwarze Politiker und Angehörige anderer Minderheiten in überwiegend weißen Städten und Staaten die wichtigsten Regierungsämter bekleiden. Etwa 40 Prozent aller Amerikaner haben in oder in der Nähe von Städten mit schwarzen Bürgermeistern oder in Bundesstaaten mit schwarzen Gouverneuren gelebt – und das bei einem Anteil der African Americans“ an der inzwischen rund 305 Millionen Einwohner umfassenden Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten von etwa 13,5 Prozent.

Der "erste schwarze" und der erste wirkliche schwarze amerikanische Präsident: Bill Clinton (r.) und Barack Obama
In Städten wie Asheville (North Carolina) und Columbus (Ohio) mit 78 beziehungsweise 68 Prozent weißer Bevölkerungsmehrheit wurden schwarze Bürgermeister gewählt. Im neuenglischen Bundesstaat Massachusetts, wo 79 Prozent der Einwohner Weiße sind, gelang 2006 dem Schwarzen Deval Patrick – auch er ein Demokrat – der Sprung ins Gouverneursamt in Boston. Barack Obama hat sich für seinen perfekt organisierten Präsidentschaftswahlkampf übrigens manche Anregung von Patricks erfolgreicher Wahlkampagne vor zwei Jahren geholt. 2007 vertraten 30 Prozent der insgesamt 622 schwarzen Abgeordneten und Senatoren in den Parlamenten der 50 Bundesstaaten Wahlbezirke mit einer weißen Bevölkerungsmehrheit; 2001 hatte dieser Anteil nur 16 Prozent betragen.
Schwarze Repräsentanten in weiß dominierten Wahlkreisen
Auch im Repräsentantenhaus in Washington vertreten schwarze Abgeordnete nicht nur die ihnen gleichsam auf den Leib geschneiderten Wahlkreise mit einer schwarzen Bevölkerungsmehrheit, sondern auch weiß geprägte Wahlbezirke. Zu ihnen gehören etwa die Abgeordneten Emanuel Cleaver aus Missouri und Keith Ellison aus Minnesota, der zudem der erste Muslim im Kongress war: Sie wurden beide beim Sieg der Demokraten in den Kongresswahlen von 2006 für Wahlkreise mit einem weißen Bevölkerungsanteil von mehr als 60 Prozent gewählt.
Dem Black Caucus“ der schwarzen Abgeordneten gehörten von den 435 Mitgliedern im Repräsentantenhaus in der abgelaufenen Legislaturperiode 42 an; Barack Obama, derzeit noch der einzige schwarze Senator, wird im Januar vom Kapitol am einen Ende der Pennsylvania Avenue ins Weiße Haus an deren anderem Ende umziehen. Den ersten Schritt auf diesem Weg machte Obama übrigens im Januar beim Caucus“ in Iowa: In dem Bundesstaat mit einer weißen Bevölkerungsmehrheit von 93 Prozent gewann der schwarze Kandidat die allerersten Vorwahlen des langen Wahljahres.
Reform der Einwanderungsgesetze torpediert
Die Latinos, mit einem Bevölkerungsanteil von knapp 15 Prozent die größte Minderheit, hinken im Vergleich zu den Schwarzen einer angemessenen politischen Vertretung - zumal auf Bundesebene - zwar hinterher; es gibt 27 Latinos im Repräsentantenhaus und drei hispanische Senatoren. Dafür haben die Latinos in der Präsidentenwahl ihr politisches Gewicht voll zugunsten der Demokraten und des künftigen Präsidenten Obama in die Waagschale geworfen: Die meisten hispanischen Wähler haben es den Republikanern nicht verziehen, dass sie die von ihrem eigenen Präsidenten George W. Bush im Jahre 2006 angestoßene umfassende Reform der Einwanderungsgesetzgebung, zu der auch eine schrittweise Einbürgerung der rund zwölf Millionen illegalen Immigranten hätte gehören sollen, torpediert haben.
Das politische Bild eines Landes, das seine Vitalität seit je aus seiner Vielheit bezieht, wird abgerundet durch den von indischen Eltern abstammenden republikanischen Gouverneur von Louisiana, Bobby Jindal – und durch den aus Österreich eingewanderten Arnold Schwarzenegger, der als Gouverneur den bevölkerungsreichsten Bundesstaat Kalifornien regiert.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS